Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 59 (28.7.1898)
- Date
- 1898-07-28
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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- Isaiah 1× ep/1005097
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1080 Und was die Mutter ihrem Kinde ist, das ist uns Israeliten die Thora. Wohl mahnt und warnt und dreuet und straft sie uns, um uns zu veredeln, zu läutern und vor Verderben zu schützen. Wenn uns aber Enge umgibt und Düsterkeit umfängt; wenn Israel leidet und in seinem brennenden Schmerze aufstöhnt und zu verzweifeln droht: dann nabet sie ihm als mütterliche Trösterin, dann beglückt sie uns mit dem süßen, aufrichtenden Wohllaut ihres Mundes ito mpnwe ':p»', dann versammelt sie die Propheten und die Weisen und ruft ihnen im Namen Gottes zu: it» «ru rcru Tröstet und tröstet mein Volk! erpix tax» so spricht euer Gott. Unsere Weisen knüpfen an diesen VerS folgende sinnreiche Bemerkung: nw> bitiv iibx .i'c's pwa im lmxi xb bhä rxs xto 1LXA fX2 2T3 pX DS'P^X ^EX CWP >>NX3 mm blb , 1CX — ‘Eipas Lip> — BD'p^x iex’ xb „Lehrer und Meister", sprach, nach unfern Weisen, Israel zu Jesaja: Gellen deine Trostworte etwa lediglich dem Geschlechts, welches das Heiligthum Israels fallen sah, welches Zeuge des brennenden Schmerzes war, der sich der Gesammtheit Israels bemächtigtes Nein, erwiderte hierauf Jesaja, nicht lediglich dem einen Geschlechte gelten meine Trostworte, sondern auch allen späteren Geschlechtern Israels gelten sie. Denn nicht habe ich gesagt, ivx es hat gesprochen, sondern -ex* es spricht und es wird also Dein Gott sprechen." Daß sich diese schöne Midrasch-Bemerkung nicht lediglich auf die äußere Zeitform des angewandten Futuri stützt, daß sie vielmehr eine schöne Redewendung für den an und für sich wahren und herrlichen Gedanken ist, daß die Thora, die Religion Israels, ihren Bekennern zu allen Zeiten und in allen Geschlechtern eine tröstende Mutter ist, die ihre Kinder tröstet und aufrichtet, wenn sie sich in Roth und Drangsal befinden, muß sich jedem aufdrängen, der erwägt, daß Jesaja die Vernichtung des jüdischen Staates und die Zerstörung seines Heiligthums ja nicht miterlebt, sondern in der Zukunft mit Propheten-Augen erschaut hat. Jesaja, der ungefähr ein Jahrhundert vor der Zerstörung Jerusalems gelebt hat, konnte in seinem Trostzuspruch sich gar nicht des Perfecti bedienen, mußte vielmehr das Futurum benützen. Aber es mar dem Midrasch offenbar darum zu thun gewesen, die herrliche innere Wahrheit durch die frappante äußere Fornl Jedermann zugänglich zu machen. Und dennoch will dieses Midraschwort nicht als bloße Variation des Prophetenwortes :ex 'm trx- ::cr:n gelten, sondern erweitert, ergänzt es. Eine Mutter tröstet ihr Kind nur, wenn es trostbedürftig ist. Nun entsteht die Frage: Wann ist Israel trostbedürftig? Ist es nur dann trostbedürftig, wenn es vom äußern Feinde bedrängt und gequält wird? Zur Zeit des Propheten Jesaja wurde Israel noch von keinem äußeren Feind bedrängt und gequält, und dennoch hatte der Prophet Ursache zu klagen tdi 7!2 ps)' pns bdiw: vixb ruöxi mp r,wh nm N3'X: „Ach, wie ist sie zur Buhlerin geworden, die bewährte Stadt! sie, die einst voll von Recht war, in der sonst Gerechtigkeit stets weilte, ist nun eine Stätte für Mordgierige geworden!" Ist ein solches Israel nicht beklagenswerth, nicht bejammernswürdig, nicht äußerst trostbedürftig? Was ist Israel ohne Gott, ohne warme, innige Anhänglichkeit an Gott? Ein Körper ohne Seele, eine ausgetrocknete, leblose Mumie dax: am asb c'*n erpb "-je rrpn-n. Nur ihr, die ihr warm und innig an dem Ewigen, eurem Gotte, hanget, lebet wahrhaft noch heute als Jehudim. Wie groß aber ist die Schaar Derjenigen, die noch warm und innig am Ewigen unserm Gotte hangen, der sich in der Geschichte Israels so wunderbar, wie in keiner andern Geschichte offenbarte? Wie groß ist die Zahl Derjenigen, denen die Thora noch heilig ist, die in ihr den Lebensbaum verehren, die tröstende Mutter lieben, die sie als theures Vätererbe Hochhalten, als Grundlage aller Weisheit ihren Kindern anpreisen? Und der Sabbat, auf dem das Judenthum fußt, mit dem es steht und fällt, was ist er, der überwiegenden Mehrheit unseres Geschlechtes noch? Besteht für sie die Sabbatheiligung noch in etwas Anderm, als im Synagogenbesuch und im Anhören einer Predigt? Und auch diese bilden bei weitem nicht mehr die Mehrheit unserer Glaubensgenoffen. Ja, auch unser Geschlecht ist trostbedürftig u. z. nicht nur deßhalb, weil cs unter der Zeitplage des Antisemitismus viel zu leiden hat, sondern mehr noch deßhalb, weil ihm sein unsichtbares Jeruschalaim, sein fester Väterglaube, abhanden zu kommen droht. Doch nein! Auch wir sollen nicht verzweifeln. Auch uns gilt der Trost, den Jesaja im Namen des erlösenden und tröstenden Gottes Israels vor Jahrtausenden gesprochen: „Erfüllet ist seine Dienstzeit, gesühnt ist seine Schuld, da es aus der Hand des Ewigen eine doppelte Strafe empfangen hat für all seine Sünden." Nur ein Volk, das so groß ist, weil es so tief in feinem Gotte wurzelt, durfte doppelt bestraft werden für feine Sünden. Ein so großes und in Gott wurzelndes Volk aber kann nicht zu Grunde gehen, weder durch äußere, noch durch innere Feinde. Es lebt ewig, wie fein Gott, sin dem es wurzelt, der es schützt, tröstet und aufrichtet.