Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1898-07-25 · Heft 58 (25.7.1898) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
39 (1898)
Issue
Heft 58 (25.7.1898)
Date
1898-07-25
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2446951-2448857-2448912--46409-2496823
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1068 mutherflilltem Gemüth blicken wir zurück auf das Leben dieses Mannes, das rein und wahr als ein stetes Beispiel vor unseren Augen steht. Im Jahre 1809 geboren, in den Zeiten, da unsere Glaubensgenossen noch den schwersten Unter drückungen preisgegeben waren, bildete sein Dasein eine lange Kette von Tbaten, welche die erhabene Wahrheit der Worte: m« yn Dy rnm ~pDl?r. HE" (Schön ist das Erlernen der Tbora, verbunden mit weltlichem Thun) aus das Ueberzeugendste vor Augen führen. Nachdem der Verblichene den Kindei schuhen entwachsen war, widimte er seine reiferen Jugendjahre dem Studium des Talmuds und war in seiner einige Jahre währenden Thätigkeit als Lehrer bestrebt, die Heranwachsende Jugend in d'.es herrlichste, tiefste und wahrste aller Wecke cinzuührcn. Hierauf ergriff er den kaufmännischen Beruf, und während seines ganzen Lebens hat er hier Recht und Wahrheit hochgehalten. Schon seit seinen jungen Jahren übte er die große NiLO eines?n?D aus und mehr als 200 Kinder hat er dem Bunde unseres Erzvaters Abraham's cinverlcibt. Mit seiner Frau, der seligen Frau Flora Stern, welche mit ihm an Hochherzigkeit und Wohlthätigkeit wetteiferte, war er in 55jähriger, glücklicher Ehe vereint und wenn ihn der Sabbat dem Kreis seiner Familie gab, so widmete er diesen Tag neben der seiner Hriligung, der Belehrung seiner Kinder in unseren heiligen Schriften peinlich bestrebt, die Gesetze unserer ehrwürdigen Religion genau zu erfüllen, legt» er sich oft selbst da Entbehrungen aus, wo solche nicht geboten waren. Ein Beispiel seltener Freundschaft war die des Verstorbenen mit Rabbi Joseph Aaron Etlinger dem er über ein halbes Jahrhundert in treuer Freundschaft und Bruderliebe anhiug wie Moses und Aron. Mit wunderbarem Gottvertrauen hat sich der Verewigte in alles gefügt, was ihm das Schicksal sarrdte. Den schlimme:, Schickungen hat er ein demüthiges „rotü? U 21" („Auch dies zum Guten") entgegengesetzt und im Glück hat er diese Demuth gewahrt und nie in seinem Herzen Stolz oder Hochmuth Raum gegeben. Kein Kranker war in unsercnr Orte, dem er nicht Hoffnung, kein Trauernder, dem er nicht Trost zusprach, kein Armer, den er nicht unterstützte und kein Todter, dem er nicht die letzte Ehre erwies. Run da er vor seinem ewigen Richter steht, werden ihm alle diese msc als ewige Verdienste zur Seite stehen, und wenn nach einem Jahre seinem letzten Willen gemäß eine kleine, nur mit Namensinschrisr versehene nsaD sein Grab anzcigt, mit seinen Werken hat er sich im Herzen aller, die ihn kannten, einen Denkstein gesetzt, den kein Sturm zerstören und dessen Inschrift kein Regen verwischen kann. vermischtes Sch-neck. In der hiesigen Synagoge sind die beiden Opferkasten erbrochen und beraubt worden. Lemberg, 19. Juli. Aus Bursztyn wird gemeldet: ^--eit gestern herrscht Ruhe. Die Gendarmerie verhaftete zehn Juden, die nach der Behauptung von Erzedenten einen Arbeiter mißhandelt haben sollen. Szered <*. Waag, 19. Juli. Herr Dr. Samuel Spitzer, Schwiegersohn des hiesigen ehrwürdigen Rabbiners M. Pscherhofer, Zögling der unter Leitung Sr. Ehrwürden Herrn Rabbiner Dr. Breuer stehenden ra’ttf’ zu Frankfurt a M., ist heute zum Oberrabbiner der isr. orth. Cultusgemeindc in Kun-Halas gewählt worden. Jerusalem. Der Rechenschaftsbericht des von dem verstorbenen Oberrabbiner D i s k i n gegründeten Waisenhauses, welches von 100 Waisenkindern besucht ist, weist eine Ausgabe von 68142 Piaster auf, denen an Einnahmen nur 62 541 Piaster gegenüberstehen. Feuilleton. Zwei Nächte. Es ist eine liebliche Frühlingsnacht — und eine spanische daneben! Lieblich rauscht der Manzanares vorüber, lieblich fächeln balsamische Lüste nach dem heißen Tage den edlen Dons und Sennoras, die auf den Balkonen kosend flüstern, ambrosische Kühlung zu; verstohlen klingt dann und wann der Ton der Chitara durch die Stille der Nacht, und mancher Hidalgo bringt unter ihrer schützenden Decke allen Duennas Alt- und Neu-Castiliens zum Trotz seiner Amorette ein melodisches Ständchen, denn in Spanien ist alles melodisch, die Nacht und die Chitara, und auch jener Caballero, der so einsam durch die Straße wandelt. Ja, melodisch ist sein Antlitz — es blickt aus ihm mancher längst verklungene Ton, mancher Blitz der sich neu vollendeten harmonischen Entzückung, melodisch ist die blasse Stirn, von der uns schaurig süße Mährlein entgegenklingen, melodisch jenes tiefflammende Auge, aus dem eine ganze Sphärenmusik mit Allgewalt zu uns redet. Der Caballero läßt sein Schwert, denn wir sind im 17. Jahrhundert, das noch eine Zeit der Schwerter war, nachlässig auf den Boden schleppen, der Nachtwind spielt mit seinen Barettfedern, in sein Ohr dringen Klänge der Mandeline, und Wohlgerüche von tausend herrlichen Blumen an den Fenstern umduften ihn, — er aber hört nichts und wandelt weiter — weiter! — Endlich hält er an den Pforten eines Palastes, über dem ein uraltes caftilisches Wappen prangt. Ungeduldig schaut er auf ein verhülltes Fenster, das sich bald öffnet. Er stürzt dem Balkon entgegen, selig lächelnd, aber erstarrt bleibt er stehen, kein holdes Antlitz beugt sich zu ihm nieder, ein Brieflein fällt heraus, er lieft beim Mondschein: Allerisraelitischfter Caballero! Nimmer kann sich Maurenjugcnd, Gottverfluchte, ketzrisch arge, Nimmer aber auch der Juden Gottverfluchter ketzrisch arger Stamm mit einem echt castil'schen AllerchristUchften verbinden! Wehe, wehe sei dem garst'gen Widerlichen Ungeziefer, Das um reine Flamme kreiset! Krampfhaft zogen sich die Lippen des Lesenden zusammen: „Also das für des Glaubens Tausch, das für die Qual des jahrelangen Kampfes, das für die Opfer, die ich Euch gebracht!" so murmelte er vor sich hin und manches ähnliche mehr, und Gedanken, viel finsterer als die schöne Nacht, umwogten seine

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.