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Der Israelit · 1898-07-25 · Heft 58 (25.7.1898) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
39 (1898)
Issue
Heft 58 (25.7.1898)
Date
1898-07-25
Page
– (sequence 7)
Language
German
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1069 schmerzensvolle Stirne. Er merkte nicht, wohin er ging, immer mehr schwanden die Paläste, immer ärmlicher wurden die Gebäude, — er merkte es nicht, daß er sich dem Stadtquartier näherte, wo arm und in Todesangst besangen, die wenigen Juden lebten, die in Madrid damals noch — wenn auch nicht geduldet — doch ohne Beachtung gelassen wurden, weil sie zu elend waren, um ihre Peiniger zu reizen. Als er einige Schritte in dieser dicht am Manzanares gelegenen Straße fortgeschritten, tönte ihm ein Ruf ins Ohr und eine dürre Hand streckte sich ihm entgegen: „Um der ewigen Barmherzigkeit willen, edler Caballero, — ein kleines Almosen für einen elenden Hebräer!" Der Greis in verwitterten Lumpen stand vor ihm und hatte eine Laterne neben sich aufgestellt, die ihn schwach beleuchtete. Der Caballero wollte kalt vorüberschreiten, da fiel sein Blick auf den Greis, und mit dem hastig hervorgestoßenen Ausruf: „Vater! Vater!" sank er ohnmächtig zu Boden. Als er wieder zu sich gekommen, lag sein Haupt im Schooße des Greises, der sich mit einem Ausdruck unaussprechlicher Liebe und Angst über ihn hinbeugte: „Mein Uriel!" seufzte er leise, „Dil bist cs ja, und Du bist kein kahlköpfiger Mönch geworden, wie der schwarze Isaak sagte — Du bist ein stattlicher Caballero, vor dem Alles den Hut abzieht. Ach, hättest Dil nur" — hier richtete sich der Sohn auf und sank schluchzend dem Vater in die Arme: „O Vater", rief er, „Dein Uriel ist sehr unglücklich und elend, — aber daß auch Du, der Frömmste in ganz Israel es bist, - das macht ihn noch elender!" Da richtete sich der Greis plötzlich vor dem Ritter auf, er war nicht mehr gebückt, sein Auge blitzte unter den weißen Brauen, und seine Lumpen schienen in einen Königsmantel verwandelt, als er sprach: „Elend, Uriel, — und Du kannst glauben, daß Benjamin Acosta je elend fei V So lange es einen Gott Israels, so lange es sein heilig Gesetz giebt, wird er nicht elend sein. Sieh, Uriel. ich bin ein armer, alter, lumpenumhüllter Mann, aber in mir wohnt das Vertrauen und die Liebe zum einigen, allmächtigen Gott, und die macht mich vom Bettler dereinst zum Fürsten. Du — Caballero in goldgesticktem Mantel — Du magst dich elend fühlen, weil Du abgefallen vom Glauben Deiner Väter, weil Du das Joch des Gesetzes abgeworfen, um der Erde Krone zu erringen, weil Du Dich losgeriffen aus der Mitte Deiner Brüder von Israel, und Dich trotz aller Herrlichkeiten der Welt unheimlich fühlst in der Nazarener Mitte, denen Du noch nicht lange genug angehörst, um uns, um unseren Gott vergessen zu können!" Erschüttert wandte sich der Jüngling ab und schluchzte laut: „Für die Herrlichkeiten der Welt Hab ich nicht meinen Glauben gelassen, es war für die stolze Castilianerin, die ich treu wähnte. Der Herr hat mich gerecht gestraft, mit bitterem Hohne hat sie mich empfangen; — Vater, Du bist an mir gerächt! O, gieb mir meine Ruhe wieder." Der Alte zog den Sohn ans Herz und flüsterte: „Ein Mittel giebt's, mein Uriel, es ist das einzige: ziehe hin nach Holland zum Asyle unserer Glaubensbrüder. Durchschiffe das Meer, bis Du nach jener Stadt kommst, die sie Amsterdam nennen, denn dort wohnen Viele und Mächtige unseres Volkes. Dort nahe Dich der Schwelle des heiligen Gotteshauses, und an ihr bete um Vergebung. Und dann gehe hin zu den Aelteften und zum Rabbiner der Gemeinde, und beichte ihnen Deine Schuld, und büße sie ab nach altem vorgeschriebenen Brauche, und tritt wieder ein, gereinigt, in unsere Gemeinde — so wird der Herr Dir seinen Trost verleihen." Der Sohn erhob sich aus den Armen seines Vaters: „Dich sollt ich hier lassen in der feindlichen Stadt?" — „Sorge nicht für mich, ich bin geschützt und brauche Dich nicht. Mein kärgliches Brot will ich betteln vor den Thüren, und das Sündengold, was Du mir bieten könntest, werde ich nicht nehmen, denn an ihm klebt das Blut Deiner Mutter, die der Gram über Dein Treiben in die Grube brachte. Nein, blick' nicht auf mich — zieh hin, wo Du Vergebung finden kannst — zieh hin, wo Du Dich wieder Benjamin Acosta'S Sohn nennen darfst." Und als der Greis also gesprochen., drückte er einen heißen Kuß auf der Caballero Stirne und wankte weiter. II. Und es waren drei Jahre verflossen, da stand Uriel Acosta in einer Nacht wieder vor einem Haufe, das war aber keine spanische Nacht, sondern eine holländische, und die kalten, nebligen Winde, die aus Amsterdam's Kanälen " aufsteigen, tobten um des Harrenden Ohren. Er war gestützt an eine Kanalsäule und blickte starr vor sich hin. Ec hatte gebüßt, — und zeigte sein Antlitz, — er hatte keinen Frieden erlangt, das zeigte sein unheimlich blitzendes Auge, feine höhnisch aufgeworfene Lippe. „Ihr sollt mir's büßen," murmelte er, „Männer der gottseligen Stadt Amsterdam, Ihr sollt mir zahlen für die Stunden martervoller Pein. Ihr wollt mich wiederum verstoßen, nachdem ich die Tritte Eurer

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