Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 57 (21.7.1898)
- Date
- 1898-07-21
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1045 Feuilleton. &'-#• Der 3elften. Frei nach beut Polnischen. Von Ljubow Murachiua. (Schluß.) Levi Rabinowitsch kehrte vom Morgengebet nach Hause zurück. Er zitterte am ganzen Körper. Er, der in seinem ganzen Leben kein Geheimniß vor anderen Menschen hatte, er trug seit einigen Tagen ein Geheimniß in seiner Brust herum, das ihm schier das Herz abdrückte. Bei Tag verfolgte es ihn in jeder Minute, in der er sich nicht mit feilten Geschäften abgab und in der Nacht ließ es ihn schlaflos auf seinem Lager umherwälzen. Was war das für ein Geheimniß? Wußte er vielleicht die Stelle, an der ein großer Schatz vergraben lag? Ach nein, etwas Derartiges passirt einem armen polnischen Juden nicht. Hat man übrigens auch jemals schon gehört, daß Jemand in Polen einen Schatz geborgen hätte? Oder hatte ihm Jemand aus der hohen Politik etwas anvertraut? Auch das war nicht der Fall, denn Levi Raübinowitsch hatte gar keinen Verkehr. Der Einzige, mit dem er zusammenkam, war der Kräuter, von dem er seine Maaren kaufte, und der konnte nicht einmal lesen. Nein, es wer ein anderes Geheimniß, das der Gequälte mit sich schleppte. Er war Zeuge eines Verbrechens gewesen und durfte es Niemandem verrathcn. Der Polizeimeister des Ortes war der Nachbar von Jakob Porter gewesen. Es war dies fast der einzige Mensch, mit dem der Schneider verkehrte. Abends, wenn die Sonne im Untergehen war, pflegte sich Porter ein halbes Stündchen vor die Thür des Häuschens, in dem er seine Werkstätte hatte, zu setzen; dann kam oft auch der Polizeimeister aus seiner Wachtstube und unterhielt sich mit dem Juden. Bei diesen Gelegenheiten erfuhr der Beamte, daß der Viehhändler Fleischmann die Ersparnisse Porters im Betrage von 500 Rubel entliehen hatte, und daß in vergangener Woche die Rückzahlung erfolgen mußte. An dem betreffenden Abend, als der Polizeiineister vermuthete, daß nunmehr die Rückzahlung stattgefunden habe, begab er sich in Porters Wohnstube, erwürgte ihn mit einem Seil und hängte ihn dann an der Lampe auf. Und Rabbinowitsch hatte durch Zufall dies Alles mit angesehen; er hatte sich in die Hausflur geschlichen als er auf der Gasse unterdrückte Hilfrufe hörte und durch die Thürspalte schaute er Alles mit an. Seitdem ist der Hausirer so schwer bedrückt. Verrathen durfte er nichts, denn als vor zwei Jahren in einem Mordprozeß ein Jude wider den Polizeimeister zeugte, kam plötzlich der Befehl, f daß'* der Jude als des Nihilismus* verdächtig auf administrativem Wege nach Sibirien zu verschicken sei. Er mußte also sein Geheimniß stumm mit sich herum tragen. Und was ihn noch am meisten drückte, war, daß der arme Porter mit allem in Polen üblichen Schimpf eines Selbstmörders begraben werden sollte. Levi Rabbinowitsch kam vom Frühgebete zurück. Seine Schultern waren mit dem Gebettuche bedeckt, in den Händen trug er das Sammetsäckchen für die Tefilin. Im Gehen fuhr er fort zu beten, bald leise flüsternd, bald halblaut wie eine Biene summend. Sein Bärtchen zitterte erregt, die geradeaus gerichteten Augen schimmerten mit ihren goldenen Pünktchen. Der Morgen war still und klar. Die Mondessichel erbleichte allmählich vor den Strahlen der ausgehenden Sonne, lieber den Häusern kreisten Tauben, von den Feldern zog der Geruch frisch gemähten Heues her. Plötzlich blieb Rabinowitsch stehen und horchte gespannt auf: von dem nahen Markt ließ sich Toben, Schreien und Pfeifen einer aufgeregten Volksmenge hören. Rabinowitsch begriff in einem Nu, was das zu bedeuten hatte, und trat etwas zur Seite. Nach einigen Minuten flog ein zerlumpter Straßenjunge mit schrillem Pfeifen c.n ihm vorüber, dann ein zweiter, dann kamen mehrere Jungen zusammen und dann erschien ein großer Haufen von jüdischen Männern und Frauen, die mit verzerrten Gesichtern, blutunterlaufenen Augen und schäumendem Munde zeterten, schrieen und heulten, daß ungewohnten Leuten Hören und Sehen vergehen konnten vor Schreck und Grauen. In der Mitte dieser furchterregenden Menge schleppten zwei zerlumpte Kerle eine grob gezimmerte Tragbare, auf dem der vollständig entblößte Leichnam des Selbstmörders Jakob Porter lag. Levi Rabinowitsch stieß energisch die lärmende Menge auseinander, trat an die Bahre, breitete seinen Gebetmantel über den beschimpften Leichnam aus, legte das leere Sammetsäckchen für die Tefilin obenauf und hielt es fest mit der einen Hand, während er die andere, die von dem Gebetriemen umwunden war, an seine Brust drückte. Ein markerschütternder hundertstimmiger Wuthschrei vurchschnitt die Lust, dann entstand Todtenstille, als ob der ganze Haufen plötzlich versteinert wäre. Nur das ängstliche Gepiepfe der aufgescheuchten Sperlinge ließ sich vernehmen. Dann schrie eine dünne, schrille Stimme : „Jakton und damit war der Bann gebrochen. „Jakton! Jakton! Jakton! brauste es um Levi Rabinowitsch wie ein Sturmwind. Er war bleich bis in die Lippen, schaute aber furchtlos aus den tobenden Haufen. Einen Augenblick schien es, daß es um ihn ge-