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Der Israelit · 1898-07-18 · Heft 56 (18.7.1898) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
39 (1898)
Issue
Heft 56 (18.7.1898)
Date
1898-07-18
Page
– (sequence 4)
Language
German
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n > -^v-- -; ^a-''-~-;*"W 1026 V. Erefeld, 14. Juli. Ende vorigen Jahres erschien in der hiesigen antisemitischen „Deutschen Zeitung" ein Artikel mit der Ueberschrist „Jüdische Sittenlehre", worin gesagt wurde, die Juden könnten sich nach dem Inhalt oes Talmud durch den Rabbi vom Eid entbinden lasien, und sei es ihnen dann erlaubt, falsch zu schwören. Der verantwortliche Redakteur der „Deutschen Zeitung," Jakob I., war heute angeklagt, durch den Artikel die jüdische Religionsgesellschaft beschimpft zu haben (Vergehen gegen § 166 des Strafgesetzbuches). Das Gericht stellte fest, daß die Juden sich durch den Artikel zweifellos beleidigt fühlen könnten, anderseits fand;e§ aber nicht die Thatbestanvsmerkmale einer Beschimpfung, wie sie der angezogene Paragraph verlangt. Es erfolgte deßhalb die Freisprechung des Angeklagten. O e st e r r.- U n g a r. Monarchie. N. Wien. Dr. Joseph Unger, der Präses des obersten österreichischen Gerichtshofes, wohl der bedeutendste unter den lebenden Juristen, feierte seinen 70. Geburtstag und erhielt anläßlich desselben Glückwünsche aus aller Herren Länder. Das würde uns hier nichts weiter angehen, denn Unger ist dem Glauben seiner Väter untreu geworden. Eine Reminiscenz aus seiner Jugendzeit mag aber hier auf gefrischt werden. Als er vor etwa 45 Jahren unter dem Ministerium v. Thun zum außerordentlichen Profesior an der Universität Prag ernannt wurde, antwortete v. Thun auf eine Interpellation von ultramontaner Seite: „Die Wissenschaft ist nicht nur international, sondern auch interconfessionell, Dr. Unger ist nicht, weil er Jude ist, sondern weil er, trotz seiner Jugend, eine Capacität ist, zum Professor ernannt." Die Opposition war damals von dieser Antwort so verblüfft, daß sie schwieg. Tags darauf müssen aber dem biegsamen Herrn v. Thun Bedenken aufgestiegen sein und er revoeirte reu müthig, indem er sagte, er wäre, wie er aus den Referaten ersehe, mißverstanden worden; natürlich sei auch in der Wissenschaft die Religion die Hauptsache u. s. w. Unger, der sich am selben Abend bei Baron Rothschild in Gesellschaft befand, wurde dies erzählt und in seiner bekannten Schlagfertigkeit sagte er: „Ja, ja, unser Herr Minister Präsident kann nach berühmtem Muster sagen: „Hier steh ich, ich kann auch anders."" W. Krakau, 14. Juli. Jedermann fragt, wie es denn kommt, daß es in einem Lande, wo seit undenklichen Zeiten der Bauer mit dem Juden in friedlichster Eintracht lebte, zu solch furchtbaren Ausschreitungen kommen konnte, daß die Regierung gezwungen wurde, die schärfsten Maßregeln zu ergreifen, über welche der Staat verfügt. Wer seit Jahren die politischen Ereignisse verfolgt, wird die Ursache j dieser Bewegung leicht ergründen. Es heißt: „Wer Unkraut säet, wird Unkraut ernten." Wo wurde dieses Unkraut gesäet? Die Frage ist ganz einfach zu beantworten : „In Wien wurde es gesäet und in Westgalizien wurde es geerntet. Der Boden, wo die Pflanze, genannt Antisemitismus, gesäet wurde, heißt Reichsrath, die Gärtner heißen Lueger, Schneider, Gregorig, Liechtenstein o t.utti guuuti. Diese Gärtner haben mit ihrer Pflanze glänzende Geschäfte gemacht, sie kamen zu Würden, Aemtern und großen Einkünften, was Wunder, daß man nun auch in anderen Ländern Oesterreichs diese einträgliche Pflanze importiren wollte? Man fragt, wer die galizischen Bauern bethört und zu Relvolten verleitet hat. Das ist doch klar und einfach. Jede galizische Landgemeinde schickt ihren Vertreter ins Parlament nach Wien. Man sehe sich nun einmal einen solchen Vertreter genauer an. In der Regel wählen diese Gemeinden einen Bauer, weil sie der Ansicht huldigen, daß nur ein Bauer genau die Bedürfnisse der Bauern kennen kann. Da findet sich ein „g'studirter" Bauer, der sogar drei Gymnasialklaffen absolvirt hat. Da er in der dritten Klasse aus dem Deutschen einen Zweier erhielt, gab er das Studium auf und wurde das, was sein Vater war —> ein Bauer. Obzwar er nun das Wenige, was er im Gymnasium lernen sollte, im Laufe der Zeit vergaß, gilt er doch im Dorfe als sehr gelehrt, und da seine „akademische" Vergangenheit und sein Auftreten den Wählern gewaltig imponirt, wird er in den Reichsrath gewählt. Ausgerüstet mit einem reichen Mangel an Kenntnissen, dagegen durchdrungen von verschiedenen Vorurtheilen, der deutschen Sprache sehr unvollkommen mächtig, erscheint er am Schauplatz seiner Thätigkeit im Parlament in Wien. Die Zeit, die er im Reichsrathe zubringt, können wir füglich übergehen, viel wäre doch davon nicht zu berichten, wir wollen uns nur mit der Rückkehr dieses Volksvertreters in seine Heimath befassen. Da die Abgeordneten jetzt selten mit dem fahrplanmäßigen, parlamentischen Bummelzuge, sondern mit dem plötzlich aufgelösten oder verlegten Parlaments-Blitzzuge in ihre Heimath zurückkehren, so können sie ihren Wählern nicht viel Erfreuliches von ihrer parlamentarischen Tatenlosigkeit berichten. Kommt nun so ein polnischer Abgeordneter zu seinen Wählern, so wird er natürlich festlich empfangen, man veranstaltet ihm zu Ehren ein Festbankett, wo der Schnaps literweise getrunken und die polnische Wurst kilometerweise vertilgt wird. Bei einem solchen Bankett wird nun der Herr Abgeordnete von seinen Feftgebern mit Fragen bestürmt, wie zum Beispiel: „Wird man uns die Steuern erlassen? Wird der Bauer von der Wehrpflicht befreit werden?" — Mit

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