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Der Israelit · 1898-07-18 · Heft 56 (18.7.1898) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
39 (1898)
Issue
Heft 56 (18.7.1898)
Date
1898-07-18
Page
– (sequence 2)
Language
German
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1024 sich ein Zeugniß von der achten Mittelschulklaffe zu verschaffen bestrebt sein werden. Nun denke man sich die Art, wie sich der Jeschiwa-Bachur bis jetzt die Kenntnisse der vier Mittelschulklaffen, ohne die er schon seit dem Jahre 1886 kein Rabbiner werden konnte, anzueignen gewohnt war. Bis zum 16. bis 17. Lebensjahre bestand sein ganzes weltliches Wissen in der Kunst, seine Briefe mit der Adreffe auszustatten uttb seinen Namen — so oft und wo nur möglich — zeichnen zu können. Aus irgend eine Anregung von außen, sängt er über seine Zukunft nachzudenken an, und da er kein Gewerbe und Geschäft gelernt hat, ist er doch natürlich „genöthigt" Rabbiner zu werden, und da er nur so Rabbiner werden kann, wenn er über vier Mittelschulklaffen ein Zeugniß besitzt, fängt er zu „studieren" an. Ja, aber wie und womit anfangen? Nun der eine beginnt mit Romanen, die er für wahrhaftige Wissenschaft nimmt, der andere vergeudet einige Jahre mit Klassikerlesen und bleibt dabei in seiner „klassischen" Unwissenheit — ein Dritter endlich liest philosophische Schriften, die er ebensoviel versteht, wie die Ungelesenen — genug, so verfließen einige Jahre und er hat für seine Zukunft bei bedeutender Vernachlässigung des „Lernens" nichts gcthan, bis er endlich zur Einsicht gebracht wird, daß er von der Höhe des Romane-, Klassiker- und Philosophielesens herunterfteigen und erst recht zu lernen anfangen müsse, so er die nöthige Prüfung bestehen will, was er auch — mit gesteigerter Vernachlässigung des Thoralernens — thut. Nun soll er auf diesem Wege acht Klaffen absolvieren und "b: Krur6y n-r? Wann soll er sich jenes talmudische Wissen aneignen, das von einem gesetzestreuen Rabbiner, dessen Gläubiger in dieser Beziehung kein Feingefühl besitzen und ihn mit religionssachlichen Fragen ja belästigen, mit Recht gefordert wird? Muß die Bedeutung dieser Frage auch noch hervorgehoben werden, einer Frage, die den Lebensnerv des orthodoren Judenthums betrifft? Doch es ist der Zweck dieser Zeilen, nicht eine Frage aufzurollen, die die Gemüther bereits mit Bangigkeit erfüllt, vielmehr soll auf eine Lösung hin gewiesen werden, die durchführbar wäre, uitb diese wäre wohl in erster Reihe die Gründung einer orthodoren Rabbinerschule, in der die Zöglinge bei planmäßiger Leitung den beiderseitigen Anforderungen Rechnung tragen könnten, welchem Projekte jedoch mehrere Hindernisse im Wege stehen, und zwar: 1. Ist schon die Idee der direkten Heranbildung zum Rabbiner der bei uns herrschenden Anschauung zuwider. 2. Soll der Rabbiner — nach Ansicht Vieler — sich ausschließlich mit dem Studium unserer heiligen Lehre befassen; wer hingegen profanen Dingen Zeit opfert, Rabbiner zu sein nicht würdig ist. 3. Können sich — ebenfalls naü) Meinung Vieler — Religiosität und weltliche Bildung selten vereinigen. Ein religiöser Jude darf demnach nicht gebildet sein, da die Bildung der Religion gefährlich werden könnte. Es sei nun gleich bemerkt, daß wer an eine vernünftige und mögliche Lösung der in Rede stehen den Frage denkt, sofort einsehen wird, daß auf die allerdings vorhandenen Anhänger der im 2, und 3. Punkte erwähnten irrigen Ansichten leine Rücksicht genommen werden kann. Die Rabbiner früherer Zeiten, auch jene Heroen, die unsterbliche 'Namen hinterließen und auf deren fundamentalen Werken das Gebäudeunseres talmudischen Wissens aufgeführt ist, auch sie hatten Zeit für weltliche Dinge, und die heutigen nicht minder. Ist doch schon der Beruf des Rabbiners mit seiner Gemeinde zu verkehren und nicht in ewiger Abgeschiedenheit zu leben. Es ist wirklich überflüssig hierüber noch mehr Worte zu verlieren, und wer dies leugnet, leugnet, daß gesunde Milch weiß ist. - Ist doch eben der Rabbiner der orthodoxen Gemeinde ihr Mittelpunkt, dessen weiser Rath in allen Dingen, in freudigen, wie in nichtfreudigen eingeholt wird. Wo findet des frommen Juden kummervolles Herz Trost? Beim Rabbiner! Wer ist sein Rathgeber? Der Rabbiner! Wem eilt er freudige Famtltcuereignisse in erster Reihe mitzu theilen? Dem Rabbiner! Ja, wer wird im Thoralernen noch so oft gestört, als eben der Rabbiner? Und noch siel e* Niemanden ein, dem Rabbiner, der seinen geschäftlichen oder Familienangelegenheiten eine Stunde lang sein Dhr verlieh, zuzurufen: Wenn Sie für solche Dummheiten Zeit haben, finb Sie nicht würdig Rabbiner zu sein.' Der Rabbiner, wie jeder fromme Jude kann vielmehr eben im Sinne der heiligen Thora weltlichen Ansprüchen Genüge leisten und mit diesem Genügeleisten weltlicher Anforderungen die erhabensten Satzungen der Thora erfüllen, denn es ist eben einer der erhabensten Momente in unserer heiligen Thora, daß der Jude nicht nur im Tempel und nicht nur tvährend er mit der Thora und ihren Satzungen beschäftigt ist, Gott dienen kann, der Jude kann auch tvährend er körperliche Bedürfnisse befriedigt und während er seinen Beschäftigungen nachgeht, Gott dienen. Die Thora wurde eben nicht den Engeln, sondern dem Menschen gegeben, auf daß er seine irdischen Bedürfnisse dem himmlischen Gesetze unterordnen, das Irdische himmlisch machen soll. Und ebenso kann der Jüngling auch Klaffen absolviren, so er es in der Absicht thut, sich dadurch eine Existenz gründen und den Anforderungen, welche seine heiligen Religion an ihn stellt, entsprechen zu können. Nicht minder irrig ist die im 3. Punkte erwähnte Ansicht. Es ist wahr, die Wissenschaft will von Religion nichts wissen; allein der Jude, der glaubt und seinem Glauben sein Leben hinopfern

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