Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 55 (14.7.1898)
- Date
- 1898-07-14
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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verkaufen. Dabei hatte sie fast immer das jüngste von den Kindern bei sich. An Marktagen war sie die erste, die bei den vonl Lande gekommenen Bauern und Bäuerinnen ihre Einkäufe besorgte, um alles gleich darauf weiter an den Mann zu bringen. Sie feilschte so um jede Kleinigkeit, war so zudringlich und erzwungen frech, daß sie oft mit Schimvf und Schande fortgejagt tvurde, zuweilen auch Schläge bekam. Auf gewöhnliche Stöße, Püffe und aller Art Beleidigungen gab sie schon gar keine Acht, wenn sic nur dabei ihr Ziel erreichen konnte. Der gelehrte Talmudist wollte nichts von all dem wißen, was seine Frau auszuhalten hatte, um ihm jeden Tag feine gewohnte Suppe vorfetzen zu können und sie belästigte ihn auch nicht mit Klagen, geschweige denn mit Vorwürfen. Da sie ihn aus Liebe geheirathet hatte, sorgte sie auch gerne für ihn und die ganze Familie. Leider aber war sie nicht im Stande, die gräßliche Roth, mit der sie so tapfer und heldenmüthig kämpfte, mehr als für den laufenden Tag zu besiegen, sodaß sie keinen Schritt weiter kam, trotz aller ihrer Mühe und Qual. Am schlimmsten war es immer am Ersten jeden Monats, wo sie zwei Rubel für die Miethe zu erlegen hatte. Am Vortage war Sarah in einer solchen Aufregung, daß sie halb toll umherlief, alles verkehrt machte, die Hälfte von dem vergaß, was sie zu thun hatte und den Kindern zweimal weniger Brod und zweimal mehr Ohrfeigen gab, wenn sie ihr in den Weg kamen, als sonst. Allein trotz all' ihrem Bemühen, trotz dem äußersten Anspannen all' ihrer Kräfte, um irgendwie einige Kopeken mehr zu verdienen, brachte sie doch nie mehr als einen Rubel zusammen. Früh Morgens am anderen Tage ging sie mit dem zur Zeit vorhandenen Säugling zu ihrem Bruder, dem rothhaarigen Schneider Er saß gewöhnlich schon bei der Arbeit und wartete auf ihr Kommen. Leise, kaum hörbar, trat sie herein in die ärmliche Werkstatt und blieb stumm, in demüthiger Haltung vor ihm stehen. Ebenso stumm legte er den Fingerhut ab, zog aus dem Busen ein kleines Lederbeulelchen hervor, öffnete es langsam und bedächtig, nahm einen Nubelschein heraus und legte ihn der Schwester in die ausgestreckte zitternde Hand. Sarah beugte sich bis zum Boden, küßte den Bruder auf die Schulter, und v rschwand ebenso leise, wie sie gekommen war. Kein Wort wurde gewechselt, da Jakob seine Zunge nur bei außerordentlichen Gelegenheiten gebrauchte. Sarah fühlte mehr als sie wußte, daß der Bruder Ersparnisse hatte — so vielleicht ein Rubel fünfzig, was für sie schon ein „Reichthum" war — aber ihre gierig funkelnden, durchdringenden Augen sahen in dem bewußten Beutelchen nie mehr als diesen einzigen Rubel, den sie am ersten jeden Monats bekam. Eines schönen Tages lief durch das ganze Städtchen ein Gerücht, dem schwer zu glauben war: Jakob Porter sollte ein kleines Grnndstückchen gekauft haben und wollte sich ein Haus ausbauen. Als Sarah dies hörte, lief sie schnurstracks zum Bruder, kam wie eine Bombe zu ihm hereingeflogen uub keuchte ganz außer Al hem: „Jst's wahr, was die Leute sprechen?" Ein kaum merkliches Lächeln huschte über das ernste, bleiche, von unzähligen Sommersprossen bedeckte Gesicht des Schneiders. Er niachte noch ein paar Stiche, legte dann den Fingerhut ab, stand auf, nahm die Schwester bei der Hand und führte sie über die Straße zu einem kleinen viereckigen, abgezäunten Platz, wo schon ganze Berge von Balken und Brettern lagen, die nach Harz dufteten. In der Mitte erhob sich ein längliches und niedriges Gerüst, ebenfalls viereckig — das Fundament zum künftigen Hause. (Schluß folgt.) Der „Israelit" erscheint wöchentlich *w ei mal, Montags und l>onner«tags, jedesmal in mindestens zwei Bogen. Preis pro Vierteljahr bei der Post 3 Mark ohne Bestellgeld. Man abomnrt ganzjährlich, halbjährlich oder vierteljährlich. Me Buchhandlungen und Postämter nehmen Bestellungen an. — -er Buchhandel verkehrt durch <k. f. -Irtnacker, Leipzig, -oßptatz 16. — Inserate 25 Pfennig die 4 spaltige Petstzeilc oder deren Raum. Preis der Zeile im Reclametbeü 75 Pfennig. — Directe Franeozusendung unter Streifband pro Jahrgang für Deutschland und Oesterreich 14 ReichS-Mark oder 8 fl. dsterr., fur'S Ausland 1b Reichs-Mark, an die Expedition franeo einzusenden. Girre Siüasendnng »o» *« Mt RtMfttt« ein-esanvter, Marrrrscripterr findet nicht statt, man bittet deshalb, flch von alle« Einsendungen eine «opie zurückzubehalten. Anstalt (Hanptblatt). Leitender Artikel: Spruche der Väter. — Zeitungsnachrichten u. Eorrespondciizen: Deutschland: Berlin. Hamburg. Aus Baden. Zwcibrücken. Oestcrr.-Ungar. Monarchie: Preßburg. Budapest. Frankreich: Paris. — Vermischtes. — Feuilleton: Der Jakton. Bon Ljuboiv Murachina. 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