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Der Israelit · 1898-07-11 · Heft 54 (11.7.1898) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
39 (1898)
Issue
Heft 54 (11.7.1898)
Date
1898-07-11
Page
– (sequence 7)
Language
German
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993 Feuilleton. Wiedergefunden. Von Marcel Weisrnann. Fünfzehn Jahre waren vergangen, seitdem er in einer Synagoge war. Mit der Zeit hatte er sich seiner Religion so entfremdet, daß ihm alles, was sie anging, ganz gleichgiltig ward. Er wußte auch heute nicht, wie es kam, daß er das Gotteshaus betrat. Es war vielleicht Langweile oder Neugierde! Er hätte es selbst nicht sagen können. Als er nach langer Zeit wieder einmal vorüberging, da folgte er nur einem mechanischen Zug, der ihn hineinzwang. Der Anblick drinnen mmyete ihn fremdartig an, diese Leute mit ihren Hüten aus dem Kopfe, wie ihn das chokirte! Er war es nicht mehr gewöhnt, er hatte sich eben aus diesen Gefühlen herausgelebt. Jahre mußten vorübergehen, bis er verlernte, Jude zu sein, und ein einziger Abend genügte, um ihn zu dem zu machen, was er von Geburt und Bestimmung aus war. Wenn man ihm das gesagt hätte, bevor er eingetreten war, er hätte es nicht geglaubt. Da hatte er ein halbes Leben daran gewendet, sich in der Fremde herumgetrieben, um im „Fremden" auszugehen, und eine Stunde brachte ihn nun den Seinen wieder, von denen er sich so gerne lokgesagt hätte. Es war ihm ein Räthsel, wie so das kommen konnte. Er hätte viel für die richtige Lösung gegeben. Schon seitdem er in die Heimath gekommen war, zog es ihn mächtiglich in die Nähe des Bethauses. Hatte er doch dort seine Jugend verbracht. Und als er heute Freitag nichts Besseres Vorhalte, wollte er sich den Ort genau ansehcn, wo seine Wiege gestanden war, wo er seine „ersten Eseleien" begangen hatte. Es ist dann ein so erhebendes Gefühl, wenn man „einst" und „jetzt" vergleicht, daß er sich jetzt dieses kleine Vergnügen nach Jahren von Arbeit und Entbehrungen gönnen mochte. Aber alles war hier verändert. An Stelle des alten Hauses, wo sie einst „blinde Kuh" spielten, erhob sich jetzt eine großmächtige Zinskaserne, die 84 Parteien hat. Vom alten Garten, dessen Obst sie mit der Begründung plünderten, das Jubeljahr könne nicht bestimmt werden und daher sei für sie immer „Jowel", zeigte nur noch eine alte Linde, die auch schon halb im Verlöschen war; der übrige Grund war ausgebaut worden. Alles hatte sich hier modernisirt, der Geist der Zeit war nicht spurlos vorübergegangen. Auch der alte „Tempel", der mit Pfeilern unterstützt werden mußte, war in einen neuen verwandelt worden. Er war sogar, wie ihm versichert wurde, trotz der rothen Ziegel ein architektonisches Kunstwerk, und der Baumeister soll sich bei seiner Errichtung strenge nach der Beschreibung des Salomonischen Tempels im Buche der Könige gehalten haben. Dieser alte und neue Tempel symbolisirte ihm das Judenthum, das Judenthum von vor 20 Jahren, das mit Pfeilern gestützt werden mußte, und das Judenthum von heute, das auf eigenen Füßen steht. Er war ihm auch ein Symbol seines eigenen Lebens: Vor 20 Jahren war er auch noch der stützungsbedürftige Jüngling und jetzt wieder die feste Eiche, die jedem Ansturm Stand hält. Und doch hätte er lieber den alten, eingefallenen Tempel wieder gesehen. Mit diesem alten Tempel verbanden ihn seine schönsten Erinnerungen. Hierher kam er mit seinem Vater beten. Ja, als noch sein Vater lebte. Merkwürdig, als er drin im Tempel saß, überkam ihn wieder die Erinnerung, die draußen kaum auftauchte, die Erinnerung an seinen geliebten Vater. Sie ließ ihn nun nicht mehr los, sie nahm deutlich Figur und Gestalt an. Er glaubte seinen Vater förmlich vor sich zu sehen, mit seinem ergrauten Haare, seinem gutmüthig gefurchten Gesicht, seiner schwindlich hoch hervortretenden Stirne. Er stand leibhaftig vor ibm. War es nicht ein Traumbild, das ihn äffte? Nein, er wachte doch, er stand aufrecht vor dem Pulte! Die Vision schien es abgesehen zu haben, ihn zu täuschen. Sie nickte ihm mit dem Kopse lebhaft zu, ganz wie es sein Vater that. Und jetzt drehte sich die Gestalt um und blickte ihm mit freundlichen, braunen Augen in's offene Gesicht. Nein, nicht zum Glauben, das war der Blick seines Vaters, wenn er mit ihm zufrieden war; er kannte ihn doch sehr gut, diesen Blick, der einem direkt ins Herz ging. Spiegelten ihm vielleicht seine Augen vor, was sie sehen wollten? Er hatte es ja irgendwo gelesen; durch allzugrelles Licht geschwächt, kann das Auge Gaukelbilder sehen. Und im Tempel war es unheimlich hell beleuchtet. Diese 1000 Lichter, die sich noch in der goldverzierten Bundeslade brachen, das war die Ursache. Er hielt sich die Hand vor, um nicht sehen zu können, und blättert im Gebetbuch nach, das ihm der Schames gebracht hatte. Er wollte beten, um nur nicht die Erscheinung zu sehen. Aber die Schlangenlinien mit ihren eckigen Verzerrungen verwirrten nur noch mehr seine überspannte Phantasie und ermatteten bald sein Auge. Da lugte er halb verstohlen hervor. Und siehe! Das war wieder der breite Bart seines Vaters, den er zu Gesicht bekam. Nun wollte er überhaupt nicht mehr schauen und schloß die Augen. Der Kantor hatte eben einen Sang angestimmt, und jugendlich zarte Kehlen antworteten ihm. Es waren die alten Weisen, die gesungen wurden, der

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