Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 54 (11.7.1898)
- Date
- 1898-07-11
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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m Menschen in Lebensgefahr seien. Nachträglich haben diese Herren gethan, was sie schon längst hätten thun sollen. Sie wandelten in den Wandelgängen des oft. Abgeordnetenhauses hin und her und suchten dort die Minister auf, begnügten sich aber ein CoinmuniquL zu veröffentlichen, das; sie von j wen weiteren Schritten absehen, da sie die Überzeugung gewonnen, daß die Regierung ernstlich über die Ordnung wachen werde. Jedoch kein mit offenen Augen sehender und objectiv urtheilender Kenner der galiz. Verhältnisse wird diese jüd. Reichst) ölen von Schlaffheit in ihrer Pflichterfüllung als jüdische Staatsbürger freffprechen können. Seien wir froh, daß sie es wagten zu einem Zeitpunkte, wo die Regierung selbst schon einsah, wohin diese Anarchie führe, den obersten Hütern des Gesetzes Besuche abzustatten. Ihnen den Schleppträgern des Polenclubs ist mehr darum zu thun, mit den Schlachzizen, aus deren Händen sie ihre Mandate als Lehen empfangen, in Frieden und Eintracht zu leben und eitler Ehrsucht zu sröhnen als eine zahme Interpellation zur rechten Zeit, bevor die Volkswuth durch unbeantwortet gelassene Brandreden zum Ausbruche kommt, im Forum der Oeffentlichkeit, im Abgeordnetenhause einzubringen. Nun erst fühlt die Judenheit Oesterreichs das Fehlen des muthvollen Kämpfers und Streiters für die jüdische Bevölkerung, des ehemaligen Kolomeer Reichrathsabgeordneten Herrn Dr. I. Bloch. Bei seiner Thätigkeit im Hause am Franzensringe hatte er nur das heilige Jntereffe seiner Wähler im Auge und wenn Angriffe gegen das Gesammtjudenthum aufs Tapet kamen, so hatte er immer das rechte Wort diese falschen Beschuldigungen zurechtzuweisen. Man möge ihm noch so viel vorwerfen, er habe als Schriftsteller oft übers Ziel hiuausgeschossen, sein Reichsrathsmandat hat er mit reinen Händen seinen Wählern zurückgegeben. Während jeder andere Reichsbote bei der Gefährdung des Lebens oder nur der Lebensexistenz eines einzigen Menschen seines Wahlbezirkes die nöthigen Schritte eingeleitet hätte, haben die Vasallen des Polenklubs so lange gewartet, bis sie auf eine größere Zahl Hinweisen konnten. Sie hätten vielleicht noch die Hände ruhig in den Schooß gelegt, wollten sie nicht vor der ganzen civilisirten Welt comprimittirt sein. Wenn die engeren Landsleute der Juden in Galizien, die ihre Abgeordneten und Vertreter der dortigen Intelligenz sind, so wenig Bekümmerniß um jene Aermsten aller Armen bezeigen, nimmt es nicht Wunder, wenn ein sonst streng liberales Blatt sich in seinem Urtheile über die mehr als eine halbe Million betragende Einwohnerschaft Galiziens, dieselbe nicht zur selben Race als die übrigen Juden zählend, auf eine in diesem Sinne vor einigen Jahren gehaltene Aeußerung eines freiheitlichen Weltblattes Deutschlands, dessen Besitzer und Leiter Jude ist, beruft?) Mit Stolz und Freude blickten die Juden Oesterreichs auf den Vorstand der isr. Cultusgemeinde Wien, welcher einmüthig die reactionären Aeußerungen des zweiten Vice- Bürgermeisters Wien's über den jüdischen Advokatenstand in die Schranken wies; jedoch mit Verwunderung erfüllt uns, daß dieser Vorstand gegen die öffentliche Drohung eines Organes des Pater Stojalewski, daß die Ruhe in Galizien erst dann, wenn zehntausend Juden niedergemetzelt sind, eintreten könne, nichts zu erinnern habe. Wir schickten dies alles nur darum voraus, um das Mitleid unserer Glaubensgenossen ohne Unterschied der Parteischattirung und Staatsbürgerschaft für diese Bedauernswerthen zu erwecken. Aus den politischen Blättern sowie aus den ausführlichen Berichten des „Israelit" werden Sie ein Bild von den Verheerungen, welche die Volkswuth anrichtete, gewonnen haben. Daß somit viele Existenzen auf lange vernichtet sind, ist klar und nur dringende Hilfe, im großen Style eingeleitet, kann helfen. Umsomehr wäre es Ehrensache aller jener Männer, die nicht zur Baseler Fahne schwören, zu bezeugen, daß auch sie, zwar nicht zionistisch gesinnt, schmerzlich berührt seien, von dem herben Unglücke, das die Juden Westgaliziens ereilte, und dies indem sie ein „Comitee zur Unterstützung der in Galizien Geplünderten" bilden. Wir wollen auf die letzten gegen die Deutschen gerichteten Unruhen in Prag verweisen, wo die Deutschen des deutschen Reiches für die ruinirten Stammesgenoffen Böhmens den Ruf zu einer Geldsammlung erließen. Was man den Deutschen nicht verargte, kann man uns nicht zum Vorwurfe machen, wenn wir für unsere Glaubensgenossen, die in normalen Verhältnissen nur unter den größten Entbehrungen ihr Leben fristen, helfend unter die Arme greifen wollen. Hoffen wir, daß unser Appell an das Mitleid aller unserer Glaubensgenossen nicht ungehört bleiben werde. u. Bamberg, 8. Juli. In hiesiger Stadt wurde der Grundstein für ein Denkmal des Prinzregenten Luitpold gelegt. Der Regent, der jüngst in Bamberg weilte, lehnte es natürlich ab, selbst den Grundstein zu legen, vielmehr erschien der Regent lediglich an einem Fenster der dortigen Residenz und besah sich, wie der Grundstein für sein Denkmal durch den Bamberger Erzbischof gesegnet und eingesetzt wurde. Bei diesem erwähnten Aufenthalte wurde das israelitische Element mehrfach bevorzugt. Der *) Es ist dies dasselbe große Frankfurter Handelsblatt, das seit einer Reihe von Jahren das Bedürfnis; fühlt, seine Leser von Zeit zu Zeit vor den „Bettelbriefen auS Galizien' zu warnen Es wäre auch wirklich ein Janimer, wenn so ein reicher süddeutscher Groß-Kaufmnnn von so einem galizischen Betteljuden durch „falsche Vorspiegelungen" um einen oder zwei Gulden geprellt würde. Dann müßte das Grab Heines doch einige Blumen entbehren. Red. d. Isr.