Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 53 (7.7.1898)
- Date
- 1898-07-07
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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973 verspürte ich doch nichts davon; ich werde mich jetzt ein Weilchen schlafen legen, vielleicht werden dann diese Schmerzen aufhören, so daß ich nachher wieder neugestärkt die Arbeit aufnehmen kann." Er streckt sich daher auf dein Grase aus, bedeckt sein Gesicht mit dem Kaftan und jchlummert bald ein. Wilde Träume durchziehen sein Gemüth, er sieht sich weitab von der Chaussee versetzt, wo ihn keine Karrenarbeiten, keine brennende Sonne plagt. Da sitzt er in einem stillen, kühlen Zimmer, leiht Geld auf hohe Prozente, schachert und feilscht. Ehrfurchtsoll begegnen ihm die Leute und schmeicheln ihm mit gleißender Zunge, da sie vor dem goldenen Kalbe Achtung hegen; einer nach dem andern sucht ihn auf, ihn um Gefälligkeiten bittend. Endlich —, es ist schon Abend, — hat er Ruhe; ermüdet von den angestellten Berechnungen, streckt er sich auf ein weiches Sopha aus, während neben ihm Banknoten aufgehäuft sind, die er jetzt zählt. Seine Geschäfte müssen ihn doch heute sehr angestrengt haben. Eine bleierne Schwere läßt sich auf seine Glieder herab. Krampfhafter Schmerz durchzuckt seine Füße, er will sie hastig hin- und her bewegen, doch vermag er sie gar nicht mehr rühren. Bange Furcht beschleicht plötzlich sein Herz; er will um Hilfe rufen, doch kann er seinen Mund nicht öffnen. Ein kalter Schweiß trieft aus allen Poren. Schaurige Todesgedanken durchzucken sein Gemüth; da gellt plötzlich das herzzerreißende Jammern skelettähnücher Gestalten an sein Ohr, die drohend gegen ihn das Schwert richten. Es sind Leute, die durch ihn ausgewuchert am Bettelstäbe sich befindend, nun ihre Rache gegen ihn loslassen wollen. Dieses Geschrei schneidet tief in sein Herz ein, Leben kehrt wieder in seine erstorbenen Glieder zurück, er springt auf, um ihre Streiche abzuwehren und — er erwacht. Er öffnet die Augen und sieht sich erstaunt auf der Chaussee. Schnell kehrt wieder die völlige Besinnung in ihn zurück. Wie komme ich, der ich niemals Geldgeschäfte machte, zu solchen Träumen. Ach die Scherze des Aussehers waren es, die ihm den Kopf verwirrten. Erleichtert athmet er auf, doch plötzlich wird er von Angst und Bangen erfüllt, er könne zu lange geschlafen haben; bald überzeugt er sich, daß er nur eine halbe Stunde geschlummert habe. Die Bauern haben noch nicht mit der Arbeit begonnen, denn in einer solchen Hitze hat Niemand Lust, das kühle Schattendach der Bäume so früh zu verlassen. Nur Chaim hat keine Zeit, ihm klingt noch das Geschrei der Kinder vor den Ohren. Trotz der sengenden Gluth holt er den Karren. Der schwache Jude mit den schwarzflammenden Augen kümmert sich nicht um den Schweiß der tropfenweise von seinem Antlitz herabrinnt. Wieder sind ein paar Stunden verflossen, die Sonne wirft nur noch schräge Strahlen, der Aufseher spaziert auf der Chaussee und wundert sich, woher der Jude Chaim so viele Kräfte hat. „Ein Jude ist doch eine zähe Bestie," sagt er lächelnd, die „zähe Bestie" hört sein Lob, er fühlt sich dadurch geschmeichelt und arbeitet unaufhörlich weiter. Doch immer matter wird er, nur noch langsam bewegt er den Karren fort, die Hände und Füße versagen ibm allmählich die Dienste. Noch einen Augenblick und er wird, glaubt er, niederfallen wie ein Pferd an der Deichsel, das weder durch Peitschenhiebe noch durch Faustschläge wieder zum Aufstehen veranlaßt werden kann. Doch steht er noch immer fest. Ein leiser Schmerzensschrei entringt sich aus seiner gequälten Brust, denn ganz angeschwollen sind ihm schon die Muskeln und die Schläfen; feine Gesichtszüge sind leblos, und doch stößt er noch den Karren vorwärts mit verbissenen Zähnen und zitternder Hand, er schreit nicht mehr, seine Nerven arbeiten nur in ihm. Endlich wird es kühler, die flammende, rothe Sonne ist im Begriff unterzugehen; der Aufseher vermerkt bereits die Arbeitsleistung eines Jeden in sein Buch und entläßt die Bauern. Doch Chaim steht noch an seinem Karren, wischt sich den Schweiß von seinem Gesichte ab und berechnet zum dritten Male seine Arbeit Er ist mit dem Ergebniß zufrieden, er hat nicht nur ebensoviel, wie die anderen, er hat noch bedeutend mehr verdient; seine Familie hat nun reichlich Brod zu essen, inorgen wird er wieder kommen und wieder mit der Sonne und den spitzen Steinchen den Kampf aufnehmen und so täglich fort, und Weib und KlNv werden keinen Hunger leiden. Helle Freude glänzt in seinen matten Augen, er will schon den Karren hinstellen und heute mit der Arbeit aufhören, da erinnert er stch, daß heute Donnerstag ist und er für übermorgen, für SchabbeS (Samstag) schon heute verdienen müsse, denn Schabbes arbeitet er ja nicht. Er beginnt wieder den Karren mit Sand zu füllen und setzt die Arbeit fort, sein Körper ist ganz krafllor er arbeitet nicht mehr so hastig wie früher, die Arbeit schreitet nur wenig vorwärts, er fühlt sich so müde und schläfrig. Wie im Traum bewegt er sich noch langsam vorwärts, während seine Gedanken weitab schweben. Ein glückseliges Lächeln spielt auf seinen blassen, eingefallenen Gesichtszügen, er sieht ja in seinem Geiste die glücklichen Gesichter seiner Kinder, denen er freudestrahlend Brod reicht. Während er so träumversunken mit dem Karren dahin wankt, hört er plötzlich die schroffen Worte des Aufsehers: „Verfluchter Jude, soll ich Deinetwegen hier die