Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1898-07-07 · Heft 53 (7.7.1898) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
39 (1898)
Issue
Heft 53 (7.7.1898)
Date
1898-07-07
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2448857-2448907--46294-2496703
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

972 ein Stolz der jüdischen Gemeinschaft. Zu einer imposanten Kundgebung von seltener Größe gestaltete sich der Bedeutung und Beliebtheit des Mannes gemäß das Leichenbegängnis Dasselbe wurde durch eine Trauerfeier im sterbehause eingeleitet. Vormittags elf Uhr versammelten sich daselbst die geistige Mite der Stadt: der Lehrkörper der Universität mit dem Rektor. Geheimrath Prof. Dr. Förster, an der Spitze, war, wie das Magistratskollegium unter Führung des Herrn Oberbürgermeisters Bender, fast vollzählig vertreten. Von sonstigen Gästen seien hervorgehoben Prof. Robert Koch, wohl der bedeutendste Schüler Cohn's, sowie Prof. Euhn- Leipzig. Nach einleitendem Gesang des Snnagogenchors ergriff Herr Rabbiner Dr. Guttmanu dar Wort, um, an knüpfend an die Klage David'S unr Abner: „Fürwahr, ein Großer ist in Israel gefallen", in formvollendeter, geist. und inhaltsreicher Rede ein Bild des Verstorbenen als Fürsten der Wissenschaft und Menschen zu entwerfen. Prof. Dr. Par, Direktor des botanischen Gartens, feierte den bedeutenden Gelehrten. Geheimrath Prof. Dr. Felix Dahn widmete dem Dahingegangenen einen poetischen Nachruf; Geheimrath Dr. Ladenburg gedachte, von der Familie zum Trauerredner erwählt, noch einmal der hohen Verdienste Cohn's als Forscher, Lehrer und Mensch, worauf die häusliche Feier beendigt war. Inzwischen hatte sich der Zug auf der Straße formirt: voran schritten in alt» spanischer Tracht die vier städtischen Ausreuter; ihnen folgten die studeniischen Verbindungen in Wichs, eine lange Reihe sonstiger Studierenden und dahinter der Leichenwagen, dem sich das übrige Trauergefolge in schier unabsehbarem Zuge anschloß. Tausende bildeten auf den Straßen zu beiden Seiten Spalier, bis der Zug den Friedhof erreichte. In der Leichenhalle ergriff Herr Rabbiner Dr. Rosenthal das Wort, um noch einmal in ergreifender Weise dein Todten Worte des Abschieds nachzurufen und des Dankes namentlich dafür, daß er treu, wie stets im Leben, auch dem Iudeuthum geblieben bis zum letzten Athemzuge. Mit Cohn ist einer der besten und größten Männer unserer Zeit dahingegangen, aber die Erinnerung an ihn wird nicht erlöschen. Vermischtes. Hannover. 3. Juli. Die Wittwe des kürzlich verstorbenen Herrn Ad. Ginsberg, Frau Franziska G insberg zu Berlin, hat zum Andenken au ihren unvergeßlichen Gemahl der israelitischen Erziehungsanstalt zu Ahlem, deren Curatoriumsmitglied er war, die Spende von M. 1000 überwiesen. Feuilleton. Der jüdische Erdarbeiter. Eine Skizze aus dem russischen Leben. Von I. Scheftelowitz, stud. pliil. ^Nachdruck verboten.! Es sind schon indessen ein paar Stunden verflossen, die Strahlen der Sonne beginnen immer senkrechter zu fallen und eine schreckliche Hitze zu verbreiten. Chaim muß sich nun niedersetzen, er wischt sich den Schweiß von seinem Angesichte ab, er berechnet seine Arbeit und aus seinem gequälten! Herzen entringt sich ein banger Seufzer. Der Ber- I dienst von diesen etlichen Stunden genügt kaum für sein Weib und die älteste Tochter. Diese Rechnung erschreckt ihn, sie verleiht ihm nun Kräfte, und zurück begibt er sich zur Arbeit. Jetzt hat er mit zwei Feinden zu kämpfen, mit den Steinen unter den Füßen und der brennenden Gluth über seinem Haupte. Er sieht die spöttische Miene des Aufsehers, der von seiner kühlen, vor den Sonnenstrahlen geschützten Stube der Arbeit zublickt. Nur einen Augenblick möchte auch er jetzt unter dem kühlen Schattendach weilen. Ach dürfte er nur so wie die übrigen Bauern arbeiten, die nur langsam und bedächtig ihrer Beschäftigung nachgehen und über seine sonderbare Kleidung spotten. Diese haben es ja nicht nöthig, sich ebenso wie er anzustrengen, denn sie haben auch ein Stück Ackerland und bekommen ihren Tagelohn. Während die Bauern doch schon gewöhnt sind in der Hitze aus dem Felde zu arbeiten, hat Chaim bisher doch noch niemals unter freiem Himmel gearbeitet. Immer heißer brennt die Sonne, die kein Mitleid mit dem armen Juden hat, der bereits mit seinen letzten Kräften arbeitet. Wie sehnt er sich nach seiner ehemaligen finsteren, dumpfen Stube zuzurück, wo er doch vor der brennenden Hitze geschützt war. Trotzdem läßt er nicht von der Arbeit ab, denn der spöttisch lächelnde Aufseher soll sich überzeugen, daß er nicht schlechter als die Uebrigen arbeite. Bah! er hat schon längst alle überholt. Es ist zwölf Uhr. Die Glocke gibt das Zeichen, daß sich die Arbeiter 11/2 Stunden Ruhe gönnen dürfen. Alle Bauern stellen sogleich ihren Karren hin und lassen sich unter den einzelnen schaltenverbreitenden Bäumen nieder, um das Mittagsmahl einzunehmen. Chaim dagegen hört noch nicht auf mit der anstrengenden Arbeit, er schleppt noch einige Karren. Endlich sinkt er fern von den Bauern neben einem Gesträuch auf das Gras nieder und berechnet noch einmal die Arbeit. Ein kalter Schweiß überläuft seine Glieder, denn seine Berechnung hat ergeben, daß er bis jetzt mit dem Verdienste nur seine Frau mit vier Kindern sättigen kann, und wo bleiben die übrigen zwei Kinder! Ausseufzend wirft er einen Blick auf die Sonne und er tröstet sich. Die Sonne steht jetzt gerade über seinem Haupt, und er hat ja noch einen halben Tag vor sich. Ein unerträgliches Brennen verspürt er in seinem Magen. Er nimmt nun seine Wasserflasche und löscht seinen Durst, dann zieht er aus seiner Tasche ein Stück Brod mit Salz heraus und beginnt dieses sein Mittagsmahl zu verzehren. „Wie müde bin ich doch," seufzt er auf, „meine Hände sind mir so schwach geworden, und jedes Glied schmerzt mir besonders; so lange ich gearbeitet habe.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.