Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 52 (4.7.1898)
- Date
- 1898-07-04
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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957 .Häuschen an der Landstraße wohnt, ist bereits wach und sitzt am Schreibpult, die gestrige Arbeit berechnend. Endlich ist er damit fertig, er erhebt sich, stärkt sich mit einigen Gläsern Branntwein und bezieht sich dann hinaus, wo die Arbeiter schon auf ihn warten. Diese sind Bauern aus der Umgegend, welche sich von ihren wenigen Hufen Ackerland nicht ernähren können und deßwegen Chausseearbeiten verrichten. Der Aufseher zählt die Arbeiter und ist gerade damit fertig, da taucht plötzlich, gleichsam wie aus dem Erdboden, eine sonderbare Gestalt auf, die sich ebenfalls in der Reihe der Arbeiter aufstellt. Den Gesichtszügen nach scheint er ein Jude zu sein. Diese schmächtige, hagere, noch jugendliche Person mit den flammenden, schwarzen Augen und den dunklen ausgebrannten Lippen sieht wunderlich unter den frischen, gesunden und stämmigen Bauern aus. Der Aufseher betrachtet diesen zaghaften, zitternden Menschen mit spöttischer Miene vom Kopfe bis zu den Füßen, endlich sagt er lächelnd: „Bist Du nicht Chaim, der Schneider von Skodwill?" Der Jude nickt demüthig mit dem Kopfe, nimmt den Hut ab und macht eine tiefe, kriechende Verbeugung. „Wie kommst Du hierher," fragt der Aufseher verwundert. „Um hier Arbeit zu suchen," seufzt schwer der Jude auf. Der Schreiber bricht darüber in ein helles Gelächter aus: „Auf der Chausiee? hahaha, glaubst Du wohl wirklich hier leichte Arbeit zu finden? erhält man in der Stadt keine Beschäftigung mehr?" „Ich bin abgebrannt," klingt es zaghaft vom Munde des Juden. „Nun bist Du gerade hier recht gekommen, glaubst Du wirklich, daß ich hier Schneider brauche? Eine Karre ist keine Nadel." Der Jude Chaim sucht nun sein Herkommen zu begründen; nicht er allein, sondern die ganze Stadt sei abgebrannt, es sei jetzt darum keine Arbeit zu finden; zu Hause habe er eine Frau mit sechs kleinen Kindern zurückgelassen, und weil er den Herrn Aufseher kenne, sei er hierhergekommen, in der Erwartung, hier Beschäftigung zu finden. Der Aufseher schüttelt verächtlich den Kops. „Du wirst es nicht können. Deine Kräfte reichen dazu nicht aus." Ein Hoffnungsstrahl durchzuckt freudig den Juden; „er sagt mir nicht gänzlich ab," spricht er zu sich; und er gibt sich nun Mühe, seine eingebogenen Schultern durchzurecken, und seine eingefallenen Wangen aufzublasen; um höher und gesunder zu erscheinen: „Weßwegen soll ich'- nicht können, —" sagt er scheinbar lächelnd, gleich als ob seine Gestalt plötzlich an Stärke zugenommen hätte, — „ich bin doch so gesund und kräftig, und ist es denn etwas Großes, einen Karren zu schleppen; die ganze Stadt kann doch bezeugen, welche Kraft in mir steckt. Uebrigens kann ja der gnädige Herr probiren; sollte ich nicht bis Mittag mit den übrigen Arbeitern gleichen Schritt halten, so soll mir der Herr absagen, und ich werde dann wieder heimkehren." Der Aufseher muß über dieses flehende Winseln lächeln. „Ist es nicht bester," sagte er spöttisch, „wenn Du mit Prozenten handeln würdest, nicht gewinnbringender, den Christen die Haut herunterzuziehen oder zu schachern und feilschen, um nur reich zu werden, oder mißglückt dieses, so könntest Du Dich doch darauf legen, Pferde zu stehlen — wäre doch immer bester, als die Arbeit hier!" Der Jude, der schon an derartige Redensarten gewöhnt ist, lächelt dabei, so daß sich die weißen Zähne zwischen den rothen Lippen zeigen. Er fühlt sich glücklich, daß der Aufseher nicht böse ist, sondern sich nur über ihn luftig macht, was für ihn das deutlichste Zeichen ist, daß der Aufseher ihm seine Bitte nicht abschlagen werde. „Arbeite, wenn Du willst," sagt barsch der Aufseher, „ich weiß zwar im voraus, daß Deine Arbeit nichts werth sein wird; glaube doch ja nicht, daß Du, während Du weniger als die Uebrigen arbeiten wirst, den vollen Tageslohn erhalten wirst, — nach der Anzahl der Karren, die Du schleppst, wird Dein Lohn bemessen sein, und zwar pro Karren zwei Kopeken! Bist Du damit einverstanden?" „Ja." „Nimm dann den Karren und fahre Sand dorthin, wirf ihn jedoch nicht um, und hole von mir bei der Rückfahrt eines jeden Karren eine Marke." Der Aufseher gibt nun das Zeichen zur Arbeit und geht wieder in seine Hütte zurück, um seine lechzende Seele abermals mit einem Trünke Branntwein zu laben. Der Jude Chaim macht sich indessen an die Arbeit; er ziebt seinen langen Kaftan aus, wodurch feine langen bis zur Erde herabhängenden Schaufäden sichtbar werden; er holt sich nun einen Karren, legt den Riemen über seine Achsel, führt ihn zu den aufgeschütteten Sandhaufen, füllt denselben bis über den Rand mit Sand und rollt ihn zu seinem Bestimmungsort. Schnell jagt er mit dem ledigen Karren an dem Hause des Aufsehers vorbei, der ihm spöttisch eine Marke zuwirft. Schnell, wie von Peitschenhieben getrieben, schüttet er wieder den Karren voll, während die Bauern um ihn, wie die Ochsen auf dem Felde, I langsam und gemächlich arbeiten. Nach jedem Karren