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Der Israelit · 1898-07-04 · Heft 52 (4.7.1898) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
39 (1898)
Issue
Heft 52 (4.7.1898)
Date
1898-07-04
Page
– (sequence 3)
Language
German
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953 eine kleine Privatanstalt für taubstumme Kinder jüdischen Glaubens. Seine hingebende Liebe zu den Zöglingen, seine gründliche Kenntniß der einschlägigen Unterrichtsweise zeitigten bald schöne Erfolge. Es meldeten sich immer mehr Kinder zur Aufnahme. Aber nicht alle konnten berücksichtigt werden. Um nun auch möglichst vielen unbemittelten Kindern den Segen des Unterrichts zu Theil werden zu lasten, setzte sich Herr Direktor Reich mit edeldenkenden Menschen in Verbindung und interessirte sie für die Sache der Taubstummen. Mit ihrer Hülfe gründete er im Jahre 1884 den über ganz Deutschland verbreiteten Verein „Freunde der Taubstummen, Jedide Jlmim". Seit einigen Jahren besitzt dieser Verein die Rechte einer juristischen Person. Die Anstalt selbst wurde dem Verein unterstellt und fortan von ihm unterhalten, auch der Direktor und die Erzieherin wurden von ihm angestellt und besoldet. Im Herbst 1890 siedelte die Anstalt nach ihrem neuen großen Heim in Neu-Weißensee bei Berlin, Parkstraße 18, über. Hier empfangen jüdische taubstumme Kinder, Knaben und Mädchen aus allen Theilen Deutschlands, vom 6. bis zum 15. Jahr Unterricht und Erziehung. In Hellen, luftigen Schulräumen werden hier die Kinder angehalten, das gesprochene Wort, das sie leider nicht hören können, von dem Munde des Sprechenden abzusehen, um so den mangelnden Gehörssinn wenigstens einigermaßen durch den Gesichtssinn zu ersetzen. Hier wird den bis dahin stummen Kindern ein Laut nach dem andern mühsam entlockt, bis sie schließlich im Stande sind, alles hörbar zu sprechen. Auch in allen Volksschulfächern, in der Religion und im Hebräischen, erhalten sie hier Unterricht. An Sabbaten und Festtagen vereinigen sich die Kinder in der Synagoge des Hauses zu kurzem, aber andächtigem Gebet. Es wird ihnen u. A. auch aus dem laufenden Wochenabschnitt etwas vorgelesen und im Anschluß daran eine kleine biblische Geschichte erzählt und erläutert. So ist neben dem Religionsunterricht auch in dieser Weise für die religiöse Erbauung der Kinder gesorgt. Dem alten Grundsatz getreu ,.Mens sana in corpore sano“, ist man in der Anstalt auch eifrig auf die leibliche Pflege der Kinder bedacht. Die streng rituell hergestelllen Speisen sind reichlich und kräftig, alle Räume lustig uno peinlich sauber. Der zur Anstalt gehörige Park bietet den Kindern einen gesunden Aufenthalt. Wenn nur irgend das Wetter günstig ist, tummeln sie sich da berum, laufen, graben, spielen Ball oder betheiligen sich an Turn- und Gesellschaftsspielen. Hie und wieder unternehmen sie auck Spaziergänge in Begleitung eines Lehrers. In der schulfreien Zeit machen die Zöglinge Handarbeiten, die Knaben Schnitzarbeiten in Holz und dergleichen oder einfache Papparbeiten, die Mädchen praktische Handarbeiten für Haus. Die größeren helfen wohl auch im Hause oder verrichten leichte Gartenarbeiten. Allen diesen Einrichtungen in Verbindung mit regelmäßigem Baden und häufigem Turnen ist es auch zu danken, daß die Kinder recht wohl aussehen, und Krankheitsfälle glücklicherweise nur selten Vorkommen. Zur Zeit sind 40 Kinder, 83 Knaben und 17 Mädchen, in der Anstalt, von denen nur ein Theil ganze oder theilweise Pension bezahlt, während die anderen gänzlich von dem Verein unterhalten werden und sogar auch Kleidung u. dgl. empfangen. Den Unterricht ertheilen außer dem Direktor drei Lehrer und eine Erzieherin, denen auch die Aufsicht, über die Kinder während der schulfreien Zeit übertragen ist. An alledem ist zu erkennen, daß die Wirksamkeit des Vereins „Freunde der Taubstummen, Jedide Jlmim" Dank der umsichtigen Arbeit seines Vorstandes und aller Bctheiligten bisher recht segensreich gewesen ist. Ganz besonders wird man sich dessen bewußt, wenn man an Ort und Stelle selbst seine Beobachtungen anstellt. Wer je der Anstalt einen Besuch abgestattet und dabei gesehen hat, wie wohl sich die armen Kinder dort fühlen, wie wenig sie daselbst ihr Unglück verspüren, wie sie, die sonst für bösartig, rachsüchtig u. s. w. gehalten werden, ruhig, bescheiden und sittsam mit einander und mit Anderen verkehren, der wird gewiß die göttliche Vorsehung gepriesen haben, daß sie solch ein Institut entstehen und von edlen Menschen erhalten ließ. Aber noch ist das Werk nicht vollendet. Noch muß rüstig weilergearbeitet werden! Müssen doch alljährlich viele unbemittelte Kinder abgewiesen werden, da die Vereinsmittel nicht ausreichen, einer größeren Zahl armer Kinder Aufnahme zu gewähren. Platz ist noch für viele da. Aber Geld mangelt! Ein eiserner Fonds existirt nicht. Das Vereinsvermögen setzt sich zum größten Theil aus einmaligen und dauernden Jahresbeiträgen zusammen. So dankenswerth diese Gaben auch sind, so reichen sie doch bei Weitem noch nicht hin. Soll die Anstalt in vollem Umfange ihrer Aufgabe gerecht werden, so müssen die Gelder viel reichlicher fließen, so muß vor allem ein genügender unantastbarer Fonds aufgebracht werden. Hier ist also unseren Glaubensgenossen, besonders den begüterten, Gelegenheit geboten, sich an einem gottgefälligen Werk zu betheiligen. Berührte es mich doch eigenartig, als ich vor einigen Wochen in dieser Zeitung las, daß ein reicher und wohlthätiger Israelit aus Oberschlesien einer christlichen Taubstummen-Anstalt ein Vermögen von ca. 100,000 M. hinterließ, während die jüdische Taubstummen-Anstalt in Neu-Weißensee auch nicht mit

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