Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 51 (30.6.1898)
- Date
- 1898-06-30
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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938 und Genüssen, und mit all seinen berückenden und entzückenden Reizen bietet sich dir zum schrankenlosen Genusie an. Du kannst und sollst auall seinen Blumen und Blüihen den Honig de- Genusies sammeln, die Süßigkeit der Freude trinken! Und glaubt ihr wohl, daß der Jüngling mit dem unreinen Herzen, der sich mit Tugend nie gewappnet, der es nie gelernt, auf die ernst mahnende Tugendstimme zu hören, desien Herzensspiegel vom Sündenhauche bereits getrübt ist, jener süßklingenden Stimme der Sinnlichkeit Widerstand leisten werde? Nicht doch! In vollen, hastigen Zügen leert er den Giftbecher, den ihm die Sünde kredenzt und begibt sich unweigerlich auf die schiefe Ebene des Lasters. Die Genußsucht vergiftet sein Seelenleben, verpestet das Empfinden seines Herzens. Er taumelt so lange von Freude zu Freude, stürmt so lange von Genuß zu Genuß, bis sein Herz ganz stumpf, ganz unempfindlich geworden für fremdes Wohl, für fremdes Glück. Sein Herz zieht sich immer mehr und mehr zusammen, engt sich immer mehr und mehr ein: er liebt nur sich und Niemand sonst, er wird zum Selbstling, der den biblischen Satz: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, also liest: Liebe dich und nur dich und ausschließlich dich und — befeinde deinen Nächsten! Er wird zum Gegner, zum Feinde der menschlichen Gesellschaft. Die Sünde hat in ihm die vierte Stufe erreicht, jene Stufe, die nach dem weisen Salomo Feindschaft bedeutet. wip niste. Mittlerweile ist der Jüngling zum Manne herangereift. Er tritt in's thätige, sturm- und drangvolle Leben ein, er wird ein treibendes, nlitkämpfendes Glied der menschlichen Gesellschaft, er betritt den Schauplatz des Lebenskampfes, des Wettkampfes um die Erhaltung, um das Dasein, und da erst treten die Folgen seiner mangelhaften Erziehung anschaulich und greifbar in die Erscheinung. ' Der kennt das Leben und die menschliche Natur schlecht, der da glaubt, daß Edelmuth und Hochherzigkeit nur spenden und nicht auch empfangen, nur auf fremden und nicht auch auf eigenen Lebenswegen Glück und Segen verbreiten. Nein, die Blumen der Freuden, die ein edles, großes Herz auf fremden Pfaden streut, erblühen ihm, ihm selbst in ungeahnter Schönheit und Farbenpracht; das Glück, das ein edler, tugendhafter Mensch andern bereitet, erschließt sich ihm selbst, ihm vor Allen in himmlischer Schöne und Herrlichkeit. Während die Selbstsucht auf einsamen, verödeten Wegen einherschleicht, wandelt die Liebe heiter bevölkerte, blumengeschmückte Pfade. Die Liebe opfert nicht bloß, nein sie empfängt und empfängt fürwahr mehr als sie opfert. Das offenbart sich dem Manne auf dem Schauplatze der Lebenskämpfe, das erkennt er da, wo er all seine Kräfte anspannt, um den schweren Lebenskampf zu kämpfen. Da überkommt es ihn wie eine Offenbarung, da fühlt er es so lebhaft und so unmittelbar, welch ein schützendes Schild, welch ein schirmender Panzer ihm die göttliche Wahrheit ist mmoi ns* utdk, die göttliche Wahrheit die Liebe lehrt und Liebe athmet, da fühlt er es so lebhaft, wie sie schützt und schirmt gegen die harten Angriffe der feindlichen Lebensmächte, gegen die rauhen Lebensstürme. Und jener, der diesen Schutz nie gesucht, der nach diesem Schirm nie gestrebt', der Mann mit dem kalten, ausgetrockneten, engen und eingeschrumpften Herzen, wo außer seinem lieben Ich keine anderen Wesen Raum finden, der sich in sein enges Ich mit allen Fäden der Selbstsucht eingesponnen — er findet den Lebensweg voll mit Hindernissen und Anstößen, die ihn auf Schritt und Tritt stören, die ihn behindern und straucheln lassen, an welche sein Fuß sich stößt bei jedem Schritt, den er vorwärts thut. Ja, die Sünde ist ihm zum Anstöße geworden, sie hat in ihm die fünfte Stufe erstiegen, die Jesaja so meisterhaft mit dem Worte tew bezeichnet, nw biL'22 uop. Und glaubt Ihr wohl, der Mann merke sich die harten Lehren des Leben-, er gehe in sich und suche sich zu bessern? O nein! Das Herz, das unbeschnitten geblieben und unrein geworden, das so lange in Unreinheit verharrte, ist den Mahnungen des Lebens wie der Religion unzugänglich. Nicht sich, die Welt klagt er an, seine Mitmenschen beschuldigt er, daß sie ihn verfolgten, daß sie ihm Hindernisse in den Weg legten, und der früher die Menschen aus Selbstsucht befeindete, er beginnt sie jetzt zu hassen aus — Rache. In der Oede und Trostlosigkeit seines Herzens faßt er einen glühenden brennenden Haß gegen seine Mitmenschen. Er sehnt sich darnach, Rache an ihnen zu üben und schmiedet Pläne und brütet Anschläge, um der menschlichen Gesellschaft zum Steine des Anstoßes zu werden. Die Sünde hat in ihm bereits die sechste Stufe erstiegen, jene Stufe, die der Prophet Ezechiel Stein nennt. Und nun ist er an dem Punkte angelangt, wo die lauernde Sünde ihn wünschte, wo sie ihn kühner fassen und greifen kann. Denn die Sünde ist eine schleichende, im Hinterhalte lauernde, tückische Feindin des menschlichen Geschlechtes, die ihr Opfer so lange und so ausdauernd umschleicht, so lange lockt und verlockt, führt und verführt, bis sie es auf jenen Punkt gebracht, wo sie es mit einem kühnen, festen Griff tödtlich fassen und vernichten kann. Von der sechsten bis zur siebenten Sündenstufe ist nur ein Schritt. uibsi unp te\ Und nun wirft er sich der Sünde ganz und rückhaltslos in die Arme; nun schreckt er auch vor dem Schlimmsten nicht mehr zurück. Er beleidigt,