Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 50 (27.6.1898)
- Date
- 1898-06-27
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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920 und diese haben weder Lust noch Pflicht Sozialisten zu sein und mit den Unzufriedenen Hand in Hand zu gehen. Es erübrigt daher ein minimaler Bruchtheil galizischer Israeliten, der schon soweit aufgeklärt ist, daß er über seine Lage im Klaren ist und es einsieht, daß er sich im Elend befindet und dieser hat sich dem malcontenten christlichen Proletariate, der internationalen Sozialdemokratie, angeschloffen. Alle galizischen Juden können daher nicht dafür verantwortlich gemacht werden, daß sich die Agitationen der Sozialdemokraten gegen den Clerus richten, denn neun Zehntel der jüdischen Bevölkerung hierzulande steht dem Sozialismus ganz ferne. Die jüngst in mehreren Bezirken vorgekommenen Judenexcesse, Judenplünderungen und dergleichen Raub und Mord sind Racheacte für die Unterstützung der Sozialisten bei der V. Kurie in Krakau und Lemberg, und nachdem in diesen großen Städten, wo scharfe Polizeidirektionen zur Aufrechter Haltung der Ordnung disponibl sind, die Anzettelung von Judenhetzen eine vergebliche wäre, kühlen die Rächer ihr Müthchen an einsamen und wehrlosen Dorfschenkern, welche in Galizien seit Wochen in mehreren Gegenden beraubt und geplündert werden. Und die intellectuellen Urheber dieser Judenplünderungen sind, wir bedauern es tief, offen sagen zu müffen, Seelsorger, die dem dummen und rohen Volke zuwinken: diere zyow, schlaget die Juden. Wohl erleiden die im Momente des Ueberfalles Schutzlosen Schaden an Gesundheit und Eigenthum, allein die am Meisten betroffenen Opfer dieser Gewallthätigkeiten sind eigentlich die Aafgehetzten, von welchen Viele schon von den Gendarmen erschoffen wurden und von welchen Hunderte die Jnquisitenzellen füllen und der harten Bestrafung entgegengehen, denn sie haben in Oesterreich, in einem Rechtsstaats das Verbrechen der schweren körperlichen Beschädigung und der Plünderung begangen. Das sind die Folgen der Aufreizungen seitens einiger welche dem Volke mit gutem Beispiele voranleuchten sollten. Es sollte Aufgabe der Kirchenbebörden sein, Schritte zu unternehmen, daß die fernern Verhetzungen gegen die Juden mit ihren verhängnißoollen Consequenzen für die Aufgcreizten, hintangehalten werden und die Grausamkeiten Galiziens werden aufhören, der Gesprächsstoff Europas zu sein. 8 Pancsova, 32. Juni. Der zwischen unserem Cultusvorstande und unseren; Rabbiner Dr. Adolf Keleman entstandene Conflict wurde friedlich beigelegt und bleibt daher der Hirt seiner Heerde erhalten. Frankreich. W. Paris, 20. Jum. (Die Haftentlassung Max Reg iS' in Algier.) „Die Session fängt gut an", werden sich die Antisemiten in der neuen Kammer sagen: ihr Schutzbefohlener, der Chefredacteur des Antijuif Max Regis in Algier, ist aus dem Barbaroffa-Kerker entlaffen worden. Eduard Drumont, der Antisemiten-Häuptling, triumphirt, und hat auch allen Grund, zu triumphiren, denn von den drei Aufgaben, die ihm nach seiner Wahl zu Algier noch zu lösen blieben, — der Freilassung Max Regis', der Abdankung des Gouverneurs Löpine und dem Widerruf des Crömieuxschen Erlaffes —, hat er die erste erledigt und die zweite, die Abdankung LspineS, wenigstens angebahnt; kommt doch jene Haftentlaffung des jungen Brandredners einer Niederlage des Statthalters gleich. Wenn überhaupt in der Stadt Algier zur Abrundung der Dictatur Eduard Drumonts noch etwas fehlte, so war es diese Freilaffung, die er dem höchsten Beamten förmlich abtrotzte. Man muß in Algier gewesen sein, um die Bedeutung dieses Sieges würdigen zu können. Dort begab sich Drumont, wenige Tage nach seiner Wahl, in festlichem Aufzuge, begleitet von seinem antisemitischen Kammerkollegen Marchand und dem Präsidenten der algerischtunesischen Preffe Laurens, nach dem Malakow-Palast, der Wohnung des Statthalters, um ihm sein Entweder —Over vorzutragen: entweder gibst du Max Regis frei, oder wir machen dich unmöglich. In andern Ländern, zumal in England, pflegen bei solchen Abordnungen Gegenstand und Behandlung der Erörterung vorher sorgfältig festgesetzt zu werden, damit nichts dem Zufall überlaffen bleibt. In Algier aber ließ die Abordnung den Statthalter darüber im Unklaren, bis sie sich im großen maurischen Saale des Palastes dem Gouverneur gegenüber sah. ..Sie kennen wohl" — so Hub Drumont an — „den Zweck unseres Besuches!" Und Lepine erwiederte: „Ich vermuthe ihn, aber bitte erklären Sie sich!" In dieser achtungsbedürftigen Weise hat sich der Statthalter, der, wenn Frankreich nicht eine Republick wäre, sich gleich den englischen Statthaltern von Indien und Irland Vice-König nennen dürfte, von einer Abordnung behandeln lassen müssen. Im weitern Verlaufe der Audienz wurde dem armen Lepine klar gemacht, daß er von algerischen Verhältniffen nichts verstände. Drumont prunkte dazu noch mit seiner prophetischen Einsicht in den Lauf der Dinge; kurzum Löpine hatte die Rolle des Lehrburschen in algerischen Dingen zu spielen. Damals — die Unterredung fand am 12. Mai statt — verteidigte Lepine seinen Standpunkt, erstens, daß Drumont, Max Regis und Genossen schon seit zwei Monaten in Algier die Revolution predigten und zweitens, daß sich das Gesetz betreffs der Sträflinge, die an den antijüdischen Krawallen theilgenommen,