Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 50 (27.6.1898)
- Date
- 1898-06-27
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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921 nicht abändern laffe, und beide Behauptungen sind im gewissem Sinne vollständig begründet. Daß die Regierung jemals vor den paar antisemitischen Abgeordneten die Waffen strecken werde, war nicht vorauszusehen; und von diesem Standpunkte hat denn auch die Freigebung Mar Negis eine die Zukunft in Mitleidenschaft ziehende Bedeutung. Das Prestige Löpines hat dadurch unendlich viel eingebüßt; ward er damals noch wegen seiner Festigkeit ein Pascha mit drei Roßschweisen genannt, so wird er jetzt wohl als Ausreißer gebranntmarkt werden; seine Stellung scheint ernstlich bedroht. Dieser erste Sieg Drumonts bereitet ihm ferner die Wege für seine Hauptforderung, den Widerruf des Crömieuxschen Erlaßes, der den algerischen Juden das Wahlrecht ertheilte. Die wenigen Stimmen der Antisemiten, die das Cabinet Möline bei der Wahl des Kammerpräsidenten Deschanel dadurch gewann, sind sicherlich zu theuer erkauft. In der Stadt Algier herrschte gestern bei dem Auszuge Mar Regis' aus dem Barbarossa-Kerker ein förmlicher Freudentaumel; die Straßen waren mit Blumen, Fahnen und Triumphbogen geschmückt; 15 0<>0 Personen sammelten sich um das Gefängniß, holten Max Regis in demselben Landauer ab, in dem Drumont die Stadt zu durchfahren pflegt. Ein Blumenregen empfing ihn, und schliesslich, als die Pferde ausgespannt waren, zog ihn die begeisterte Menge nach seiner antijüdischen Villa. Die Juden ließen sich nicht blicken, schloffen zum Theil ihre Geschäftsräume. In bedenklicher Weise ward wieder der Ruf: „A bas les Juifs!“ laut. Zugleich mischte sich in diesen Ruf der andere von der Abdankung L^p nes hinein. Die Freilassung ward ihm eben nicht als Nachgiebigkeit, sondern als Niederlage ausgelegt. Für Mar Regis beginnt jetzt eine neue Periode seiner Wirksamkeit als hauptsächlichster Vertreter des antijüdischen Hohepriesters im Palais Bourbon; er ist ein talentvoller junger Mann und kann es bei den anarchischen Zuständen in Algerien noch weit bringen. Vermischtes Altona. Zu der Enthüllungsfeicr des Kaiserdcnkmals Wilhelm I. in Anwesenheit des Kaisers und der Kaiserin hatte auch Sr. Ehrwürden Herr Oberradbiner Dr. Lerner 'j eine Einladung erhalten. Die Schüler und Schülerinnen der israelitischen Gemeindeschule hotten unter den übrigen Spalier bildenden Schülern der hiesigen Schulen ihren Platz angewiesen be» kommen. Unter den Schülerinen, die aus den Obenklassen der Mädchenschulen ausgewählt waren und die, in den verschiedenen Landestracht>n Schlcswigholsteins gekleidet, zum speziellen Empfang der Kaiserin augestellt waren, befand sich auch eine Schülerin der jüdischen Schule. .i*, — Zu den Unhaltungßkosten der jüdischen Volksschule giebt die Stadtkomune einen jährlichen Beitrag von viertausend Mark. — Das L. Bing'sche Ehepaar erhielt anläßlich seiner seiner goldenen Hochzeit die Ehrenmedaille, die ihm durch den Oberrabbiner feierlichst überreicht wurde. Feuilleton. Nathan Lamuel Esquiros. Erzählung aus der Zeit der Regentschaft. IV. Roch ein Vorschlag. Den Tag nach der nächtlichen Expedition erhielt Esquiros die Aufforderung, sich zum Regenten zu verfügen. Als er zu diesem eintrat, kam ihm Philipp mit ungemein freundlicher Miene entgegen und ließ ihn auf einen Sessel Platz nehmen, neben welchen er einen andern für sich rückte. Dubois saß an einem Schreibpulte, anscheinend in die Lcetüre eines Memoires vertieft. „Wir haben uns lange nicht gesehen, mein lieber Finanzagent," begann der Regent, „und doch haben meine Finanzen nie einen Agenten nölhiger gehabt, als eben jetzt." „Ich war immer zu Ew. Königlichen Hoheit Befehl, da aber meine Rathschläge für mißliebig befunden wllrden, fand ich's für gut in bescheidener Zurückgezogenheit zu leben." „Da habt Ihr recht gehabt, und parbleu ich wollte ich könnte auch so leben. Ach Esquiros, Ihr seid ein glücklicher Mensch!" „Nur so glücklich, wie jeder, der sich bewußt ist, seiner Pflicht zu genügen." „Zum Henkerdas soll doch keine Malice gegen mich sein? — Ich glaube, ich habe meiner Pflicht genügt. Was kann ich dafür, wenn das dumme Volk das Zutrauen zur Bank verliert. Hätten die Narren sich nicht mit solcher Wuth auf die Gelder gestürzt, die sie ihr sauer erworbenes Gut nennen, so wäre ihnen wohl und mir besser. Doch was hilft jetzt alles Klagen. Ich habe Euch kommen lassen, um Euch einen Auftrag von höchster Wichtigkeit zu geben." „Ich bin bereit, Em. Hoheit Befehle zu vernehmen." „Ihr wißt Esquiros, daß im Volke alles Zutrauen zu der Bank und den Banknoten gewichen ist. Von allen Seilen drängt man sich in die Säulengänge des Palais Royal, um die Gelder zu holen. Geht das so fort, so weiß ich nicht, was aus der ganzen Sache werden soll. Ihr allein könnt mir helfen. Ihr habt vielen Geist, tiefe Einsicht in die finanziellen Verhältnisse und — was das Wichtigste ist — Ihr genießt ein unbegrenztes Vertrauen. Ich verlange also aus Eurer Feder eine Brochüre zu erhalten, die auch den Allermißtrauischsten von der! Sicherheit der Bank, der Wohlthätigkett des Law'schen