Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 50 (27.6.1898)
- Date
- 1898-06-27
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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916 ten (als die Kinder Israel am Schilfmeere das Siegeslied sangen) einen Gesang anstimmen, worauf ihnen der Hochheilige warnend entgegenhielt: Wie wollt ihr ein Lied anstimmen, da meiner Hände Gebilde im Meere umkommen? Wie feinfühlend drücken sich da unsere Gelehrten aus: Wenn Israel auch in menschlicher Art sich freute, der Gefahr entronnen zu sein, und ein Jubellied wegen des Sieges anstimmte, so würde dennoch der Mensch, wäre er ein lauteres Wesen selbst, nicht dann jauchzen, wenn sein erbitterster Gegner vernichtet wird, sondern stets das Ebenbild Gottes in ihm sehen und ihn betrauern. Wie widerlegt diese menschenfreundliche Bemerkung die Behauptung unserer Gegner, die uns als rachsüchtig hinstellen, welche Religion gibt es noch, die thatsächlich solches Erbarmen, solche Menschenliebe den Feinden gegenüber an den Tag legt? Solche liebevolle Beachtung schenkt aber unser heiliges Gesetz nicht allein den Menschen, nein, auch auf das Thier und die Pflanzenwelt erstreckt es sich. So ist es dem Jehudi bekanntlich zur Pflicht gemacht, den Segensspruch ottw zu sprechen, wenn er ein neues Bekleidungsstück anlegt. Eine Ausnahme'jedoch hat man zu machen bei aus Leder verfertigten Schuhen, da zur Lieferung dieses Materials ein Geschöpf den Tod erleiden mußte. — Aus diesen wenigen Beispielen wird jeder zur Genüge die Herzensreinheit der Gesetzeslehrer erkennen, von deren Größe und Erhabenheit übrigens masienhast Beweise zu erbringen sind. Außerdem sind die ms* ■’p-ie, „Sprüche der Väter", welche einen wertbvollen Schatz anSitten-undLebensregeln enthalten, wohljedem Jehudi bekannt, und der Born solcher Weisheit ist gewiß ein lauterer und klarer. Und die Denkungsart jener großen Lehrer, sie ist auch übergegangen auf alle diejenigen, welche sich später mit den Lehren unserer Weisen besaßt und für die Verbreitung jener Sorge getragen haben. Wie sie Glaubensinnigkeit lehrten, und welchen hohen Begriff sie von der Gottheit und der Frömmigkeit hatten, ersehen wir beispielsweise aus folgendem Passus des Schulchan Aruch 98, der von der Heiligkeit des Gebetes spricht, dort heißt es: Der Betende möge sich genau die Worte zu Herzen nehmen, welche er mit seinen Lippen hervorbringt und sich der Majestät Gottes gegenüberstehend betrachten, alle fremden Gedanken, die ihn einnehmen, entfernen, so daß sein Denken und Sinnen in seinem Gebete ein geläutertes sei. Der Mensch möge sich vorstellen, er stände einem irdischen Könige gegenüber, wie würde er da seine Worte ordnen und Werth auf fie legen, um wie viel mehr müffe er dieses dem Könige aller- Königedem Hochheiligen gegenüber thun, der da alle Gedanken prüft. Ja, die Frommen und großen Männer des Glaubens und der That hatten sich an einsamen Stellen zurückgezogen, wo sie sich erst so in das Gebet hineingedacht, hineinversenkt, daß sie zu einem Grade der seelischen Vergeistigung und des Obsieges der Verstandeskraft gelangt seien, der sie nahe der Prophetie gebracht habe." — So war das ganze Streben der Bewahrer des mündlichen Gesetzes nur darauf gerichtet, sich über die niederen Sphären zu erheben und dem Schöpfer des Himmels und der Erde, dem Vater aller Wesen, Körper und Geist dienstbar zu machen und dadurch alle Menschen zu ihm, zu seiner Erkenntniß zu führen und den Intentionen des mündlichen und schriftlichen Gesetzes gemäß den Frieden auf der Well zu verbreiten. Betrachten wir so jenes hohe, erhabene mündliche Gesetz und seine Wächter und Ueberlieferer, dann werden wir von Schmerz erfüllt, daß eine Generation herangewachsen ist, die leider alles Verständniß dafür verloren har, und daß es nur verhältnißmäßig wenige mehr sind, die das göttliche Gebot der Forschung in unserer heiligen Thora erfüllen. Einstens bemühten sich die Väter, ihren Kindern das Gesetz zu eigen zu machen. Sie wußten, daß ihnen dadurch ein Halt geschaffen wurde, der sie über alle Beschwerden dieser Welt erhob. Sie wußten, daß sie dadurch gefeit waren gegen alle Versuchungen, womit der Unglaube an sie heranzutreten wagte, aber auch gegen alle Angriffe, mit denen man sowohl dem Judenthum wie seinen Anhängern Schaden zufügen wollte. Sie waren sicher, daß die mit der Lehre Gottes ausgerüsteten Nachkommen das Erbe der Väter und mit ihm auch das Andenken der Eltern selbst heilig und in Ehren hallen würden. Wie anders ist das leider in so vielen Familien heute geworden! Wie verwahrlost bleiben die Kinder so vieler Eltern in religiöser und geistiger Beziehung. Der Born des Lebens, der unsere Voreltern erquickt hat, er bleibt für sie verstopft. Gerade aber in unserer Zeit, in der man das Judenthum und seine Anhänger wieder auf das härteste bekämpft, da gilt es, sich mit den Waffen des Geistes auszurüsten, da gilt es zu zeigen, daß wir die Gotteslehre besitzen, die weltumfaffend ist durch ihre Toleranz und hohe Moral. Wenn es je eine Zeit gegeben hat, in der an uns die Anforderung herangetreten ist, das Banner der Thora hochzuhalten und dadurch uns selbst Achtung und Anerkennung zu erringen, so ist dies heute der Fall. Heute muß sich der Jeyudi durch seine Sittenreinheit, durch lauteren Lebenswandel, durch strenge Rechtlichkeit auszeichnen, aber auch den Beweis erbringen können, daß die Anleitung zu all jenen edlen menschlichen Eigenschaften, entgegen den verleumderischen Behauptungen unserer Widersacher, durch unser Gesetz und zwar vornehmlich durch die ns bviv min gegeben, daß sie der Inbegriff alles Hohen und Edlen ist. Und wenn der Geist des Judenthums dann durch seine ewigen