Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 49 (23.6.1898)
- Date
- 1898-06-23
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXXIX Jahrgang. Erste Beilage;u J\i 49 des „Israelit". Leitender Artikel. Wischer Wrlotlsms ln AwerlKa. Von Witttz Hetz. Seit zwanzig Jahren hat sich das jüdische Element in den Vereinigten Staaten von Nordamerika gar sehr verändert. Während früher die aus Deutschland eingewanderten Juden in allen Gemeinden tonangebend waren und diese sich so vollkommen assimilirt batten, daß sie sich nur als amerikanische Bürger fühlten, ist durch die massenhafte Einwanderung der vertriebenen russischen und polnischen Juden ein ganz anders geartetes Element hinzugetreten. Die Zahl der Juden hat sich enorm vermehrt; da keine Zählung nach Religionen in Nordamerika cxistirt, so hat man auch für diesen Zuwachs keine genauen Ziffern, aber da die gesammte jüdische Bevölkerung der Vereinigten Staaten nach bester Schätzung etwa dreiviertel bis eine Million ausmacht, so bilden die russischen Juden etwa zwei Drittel dieser Masse. Zudem sitzen sie in großen Gemeinden dicht beisammen, besonders in einigen großen Städten wie New Jork, Philadelphia, Chicago, San Francisco rc. Daher macht sich bei ihnen ein starker Zug gellend, ihre jüdische Besonderheit auch im öffentlichen Leben zur Geltung zu bringen. Der amerikanische Jude ist immer, wie übrigens auch in allen Ländern, bestrebt gewesen, ieine patriotischen Pflichten in höchstem Maße zu erfüllen und er hat auch in Ableistung des Kriegsdienstes nicht zurückgestanden. Obwohl derselbe in Amerika nicht auf der allgemeinen Wehrpflicht, sondern ausschließlich auf der freiwilligen Dienstleistung beruht, sind die Juden in den Heeren der Vereinigten Staaten immer mit einer Quote vertreten gewesen, die erheblich über ihren Antheil an der Bevölkerungsziffer hinausgeht. Sie haben auch ruhmreichen Antheil an den Secefsionskriegen genommen und bei diesem auf beiden Seiten gestanden, eigenthümlicherweise aber in Friedenszeiten, obwohl sich auch in dem stehenden Heere jüdische Offiziere befanden, die Kriegsflotte stark bevorzugt. Man weiß, daß zu den Axiomen der Antisemiten gehört, daß die Juden das Wasser fürchten, aber die Mannschafts- und Offizierslisten der amerikanischen Flotte haben immer einen schlagenden Gegenbeweis gebildet. In Amerika achtet man aber den Wehrstand nicht, wie bei uns als eine bevorrechtigte Klasse und man hat deßhalb diese Theilnahme der Juden an Heer und Flotte nicht sehr beachtet. Durch die neuen politischen Ereignisse ist dies anders geworden, man hat durch den Krieg zwischen den Vereinigten Staaten und Spanien regstes Interesse für die Mannschaften des Heeres und der Flotte, und wir sehen nun mit Erstaunen die große Zahl an Juden in der letzteren. Auf der „Maine", dem amerikanischen Kriegsschiff, das vor Havanna in die Luft flog, waren unter 2<j(i Mann 11 Juden, deren Namen damals durch alle Zeitungen gingen. Die Kommission, die diesen Fall zu untersuchen hatte, stand wieder unter dem Vorsitz eines Juden, ILvutvuant-commanckei- Adolph Marix, dessen Bericht den unmittelbaren Anstoß zu der auflovernden Kriegsbegeisterung gab. Ferner dienen gegenwärtig auf den Kriegsschiffen „Java" Sergeant Simons, „Puritan" Kanonir Rohrbach, „Cartine" Lieutenant Strauß, „Brooklyn" Ingenieur S. E. Moses, „Massuchesetts" Ingenieur LouiS Shaacc und I. C. Rosenblüth, „Männeapolis" C. D. Stern und E. Th. Cohnstein. Indessen ist diese Thatsache, die ja für unsere Leser nichts Neues sein kann und die wir von Juden nichts anders erwarteten, nicht so interessant, als das ungeheuere Feuer der Begeisterung, das aufloderte, sobald der Krieg mit Spanien in Aussicht stand. Noch ehe derselbe erklärt war, predigten die Rabbiner in den modernen Tempeln der Großstadt den Vergeltungskrieg gegen Spanien und erimcrten daran, daß vor 400 Jahren dieses Land einst mehr als 300,000 Juden in Elend getrieben hätte. Denselben Ton schlugen die jüdischen Zeitungen an und in den Vereinen und Versammlungen zog man schon die Praktischen Consequenzen, indem man sich auf den Krieg vorbereitete. In Baltimore meldeten sich sogar bereits jüdische Freiwillige, die sich von der Regierung Gewehre erbaten, um immer sich emrx.rziren zu können. Soweit wir dies übersahen, erhob sich innerhalb dieses Chorus nur eine Stimme, die auf die Thatsache hinwies, daß Amerika nur gegen Spanien die Rechte der Humanität vertrete, sich aber wohl gehütet habe, für die Millionen russischer Juden in Rußland die gleiche Rechte zu fordern. Freilich sei Rußland stark und Spanien schwach! Wie seltsam, daß der einsame Sittenprediger, der die Jnconsequenz der Amerikaner geißelt, ein Nachkömmling jener vertriebenen spanischen Juden ist. Hat Herr Dr. Pereira Mendes vielleicht noch im Stillen ein wenig Anhänglichkeit für das Vaterland seiner Ahnen, wie noch heute die Sephardim im Orient? Merkwürdig genug, daß von den allerdings nicht sehr zahlreichen