Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 49 (23.6.1898)
- Date
- 1898-06-23
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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901 k.H^r«»f'rzr**!:*- ■- ' ' •-*■.. •*»:. Feuilleton. Nathan Samuel (Esquiros. Erzählung aus der Zeit der Regentschaft. III. Ein gefährliche- Projeet. Nach langer Wanderung durch die vielfach verschlungenen, unheimlich düstern Gaffen des nächtlich stillen Paris langte endlich Esquiros mit seinem räthselhaften Begleiter, der während der ganzen Zeit kein Wort mit ihm gewechselt, vor einem alten gothischen Gebäude, der r»6 Vivienne an, dessen fest verschloffene Thür erst auf ein dreimaliges Klopfen des Unbekannten von einem alten Diener geöffnet wurde. Dieser leuchtete den beiden Ankömmlingen eine steile Wendeltreppe hinauf, die sie in einen von zahlreichen Menschen gefüllten Saal führte. Ein leises Gemurmel verbreitete sich in der Versammlung, in der Esquiros manches bekannte Gesicht gewahrte, doch noch weit mehr Unbekannte, kräftige Gestalten mit gebräunten Gesichtern, in denen sich trotzige Entschlossenheit und wilde Thatkraft bekundeten. Die zahlreichen Wappen, die auf den Aermeln der Gewänder eingestickt waren, zeigten dem Kundigen Abkömmlinge der Bretagne, einer Provinz, die von jeher durch starre Opposition gegen den Thron und eifrige Wahrung ihrer Adelsprivilegien sich ausgezeichnet hatte. Eine Zeitlang stand Esquiros allein da, indem sein Begleiter zu einer Gruppe in der Mitte getreten war, aus der aber bald ein Chevalier aus der Rohanschen Familie, unserm Nathan wohlbekannt, auf ihn zuschritt. „Es freut uns alle herzlich. Euch hier zu sehen, wackerer Esquiros, und ich denke, es wird Euch nicht gereuen, unserm Rufe Folge geleistet zu haben. Vor allem aber schwöret auf die hebräische Bibel, welche auf jenem Tische aufgeschlagen liegt, daß Ihr Keinem mittheilen werdet, was Ihr hier gesehen und gehört habt. Von diesem Schwur hängt das Wohl Frankreichs ab." „Ich bin nie ein Verräther gewesen; wo man mir mit Vertrauen entgegenkam, Hab ich es nie mißbraucht. Den Schwur aber kann ich nicht leisten, bevor ich das gehört, was Ihr mir zu sagen habt. Uebrigens verspreche ich Euch, daß Ihr durch meinen Mund kein Unheil erdulden sollt, soweit sich ein Stillschweigen meinerseits nur irgend mit meinem Gewissen verträgt." „Aus Eurem Munde genügt dies, und der Schwur wird Eurem Willen anheim gestellt bleiben. — Nun also zur Sache, wegen der wir Euch berufen." Die Anwesenden stellten sich in einen Kreis um den Chevalier, und dieser begann folgendermaßen: „Es wird Euch so wenig, wie irgend einem Franzosen entgangen sein, daß Frankreich sich am Abgrunde des Verderbens besindet, und daß es nur durch rasche und kräftige Hülfe gerettet zu werden vermag. Unsere Freiheit ist schmählich vernichtet, unsere Finanzen sind in entsetzlicher Zerrüttung, unser Volk ist elendiglich demoralisirt, wir sind allen Völkern Europa'S zum Spott geworden, und das schmachvollste Erröthen muß unablässig unsere Wangen bedecken, wenn wir uns das Bild unserer jetzigen Zustände vor die Seele rufen. Und wer ist Schuld an allem diesem Uebel? Ich brauch's Euch nicht zu sagen. Euer Herz nennt Euch den, der dieses Unglück über Frankreich gebracht, wenn Ihr ihm auch vieles zu verdanken habt, — es ist Philippe von Orleans, der sich Frankreichs Regenten nennt. Er und sein Kamerad Dubois, der Knecht seiner schändlichen Lüste, haben mit Unersättlicher Wuth am Ruine Frankreichs gearbeitet. Noch aber ist es ihm nicht gelungen, alle Herzen zu entmuthigen, alle Arme zu lähmen. Es giebt noch eine Anzahl von Patrioten, die beschlossen haben, das Vaterland durch den Sturz des Regenten und seiner Kreatur zu retten. Bretagnische Edelleute haben den Anstoß gegeben und in der Hauptstadt hat ihre heroische Aufforderung in manchem edlen Herzen lebendigen Wiederhall gefunden. Wir aber, die Ihr hier versammelt seht, zum großen Zwecke in Leben und Tod vereinigt, wissen es wohl, daß Geldkräfte ein notwendiger Hebel unserer Unternehmungen sind, wir erkannten die Nothwendigkeit, unser Project einem Manne anzuvertrauen, der noch mehr durch seinen Charakter, als durch seinen Reichthum eine mächtige Wirksamkeit ausübt, und Ihr seid der Einzige, der uns der Genossenschaft würdig erschien. Erkennt unsere Meinung von Eurem Verdienste an dem Schritte, den wir heute gethan. Obgleich uns Euer Verhältniß zum Regenten wohl bekannt, haben wir dennoch geglaubt, daß Ihr für das Wohl des Vaterlandes einen noch größer» Raum in Eurem Herzen habt, als für die Dankbarkeit gegen einen Mann der Euch jetzt verächtlich erscheinen muß, wenn er auch einst Euer Wohlthäter war, und zwar aus einem wohlberechneten Interesse. Wir brauchen Euch nicht zu sagen, welcher Lohn Euer harrt, wenn Ihr Euch unserer Sache als einer glücklichen anschließt, doch auch die Gefahr brauchen wir Euch nicht zu nennen, in die Ihr Euch durch den Anschluß an unsere Sache begebt. Und jetzt entscheidet, wollt Ihr zu uns treten — es wird uns hoch beglücken; wollt Ihr es nicht, so seid verschwiegen und zieht in Frieden dahin." Esquiros stand einige Augenblicke nachsinnend da; dann sprach er mit klarer, fester Stimme: