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Der Israelit · 1898-06-23 · Heft 49 (23.6.1898) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
39 (1898)
Issue
Heft 49 (23.6.1898)
Date
1898-06-23
Page
– (sequence 6)
Language
German
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900 Schlachta jetzt mit Entsetzen ein. Sie mag diesmal nicht mit dem Feuer spielen laffen, auch wenn es vorläufig nur jüdischen Besitz einäschert. Der Polenklub des Abgeordnetenhauses hat deswegen die Regierung um strenge Maßregeln gebeten, und die Regierung hat in die etwa 40 von der aufrührerischen Bewegung ergriffenen Orte — Mittelpunkt Jaslo — Militär geschickt. Das Militär hat energisch eingegriffen; einige Bauern haben den Aufruhr mit ihrem Leben gebüßt, es scheint in Folge dessen auch etwas Ruhe im Lande eingetreten zu sein. Aber die eigentlichen Quellen der Gefahr, die Armuth und die Unwissenheit der Bauernschaft, bleiben bestehen. Aber immerhin: die Schlachta ist gewarnt und die österreichische Regierung auch. Seit der glorreichen Ministerschaft des Grafen Badeni weiß man so ziemlich in der ganzen Welt, wie verrottet die Zustände in der „Provinz Badeni" sind, und woran das Land eigentlich krankt: an der gewissenlosen Adelsherrschaft. An diese aber wagt sich die Regierung nicht heran. Die „autonomistische" Parlamentsmajorität bildet einen Wall, um die galizische Adelsherrschaft zu sichern. Die Regierung kurirt deswegen auch jetzt nur die Symptome, aber nicht die Krankheit. Diese ist, wie die „Franks. Zeitung", der wir diese Ausführungen entnehmen, sehr richtig bemerkt, ein Theil der großen Krankheit, an der Oesterreich leidet: der Herrschsucht und der Gewissenlosigkeit des Adels aller Nationalitäten. Frankreich. (4. Paris, 13. Juni. (Die Freilassung RLgis) Aus Algier wird gemeldet, daß auf Anordnung des Ministers des Innern die Freilassung Max RLziS und der übrigen Verurtheilten heute Mittags erfolgt ist. Vor dem Gefängniß hatte sich eine große Menschenmenge eingefunden. Der Platz vor dem Gefängnißgebäude war durch Zuaven-, Jäger- und Gendarmerieabtheilungen abgesperrt. Die Menge gab dem Wagen, den der Freigelassene bestieg, das Geleite. Derselbe machte eine Rundfahrt durch die Straßen der Stadt, bevor er sich nach Mustapha wandte. Es ereignete sich hiebei kein ernster Zwischenfall. Gestern Abend wurden zwei Israeliten mißhandelt. Die gestern wegen Steinwerfen in der Rue Rovigo auf die von Barbercusse zurückkehrende Menge vor dem Zuchtpolizeigericht erschienenen Jüdinnen wurden zu 6-, 4- und ^tägigem Gefängniß ververurtheilt. Ein Knabe wurde freigesprochen. Da die den Verhandlungssaal füllende Menge lärmende Scenen veranstaltete, ließ der Gerichtspräsident den Saal räumen. Die Truppen haben heute Bereitschaft. Rußland. X. Petersburg. (Militärdienst.) Man kennt den Vorwurf, der den russischen Juden hergebrachterweise gemacht wird: sie entziehen sich dem Militärdienst, so heißt es immer wieder in den antisemitischen Blättern. Wir wollen unter vielen einen Fall hervorheben, der den Beweis liefert, wie weit das dumme Märchen sich Kredit verschafft hat. Es ist in Voznensensk, Provinz Kharkof; die Stadtregister nennen 2 Commis, die das Unglück haben, dieselben Namen und Vornamen zu führen: Zelman Matowzowsky. Der eine bewotmt in Wirklichkeit die Stadt Elisabethgrad. Dieser letztere hat einen 21jährigen Sohn, der im Jahre 1893 in die Reihen berufen wurde. Die offizielle Berufung wurde nach Voznesensk gerichtet, wo sie nicht den Adressaten, sondern seinen Vetter erreicht, der seinerseits einen 18jährigen Sohn besitzt. Dieser letztere heißt Jroul, der eigentlich eingezogene Orsei. Dieser Unterschied stört die Lokalpolizei nicht im mindesten. Jroul wurde statt Orsei genommen. Drei Jahre später erhält der alte Matonzowsky in Voznesensk den Befehl seinen Sohn Jroul zur Revision zu schicken. Trotz allen Protestirens des armen Vaters und der Beweisstücke, daß sein Sohn bereits in Odessa affentirt sei, waren seine Bemühungen umsonst. Die Verwaltung des Distrikts von Elisabethgrad beschloß, daß die Familie Matonzowky, nach dem Wortlaut des Gesetzes von 1886, 300 Rubel Strafgeld zu zahlen habe. Der Gouverneur der Provinz bestätigte den Beschluß der Bezirksverwaltung. Der arme Mann wandte sich in der Verzweiflung an den Senat. Der nächste Fall ist noch eigenthümlicher, da es sich um eine Geschlechtsoerwechslung handelt. Ein Jude besitzt eine Tochter Namens Sascha. In Civilstandsregistern steht das Mädchen als Knabe eingetragen. Man kann sich das Erstaunen des Vaters denken, als er aufgefordert wird, die Person männlichen Geschlechts mit Namen Sascha der Regierung zu stellen. Vermischtes. Mainz, 22. Juni. Aus vielen größeren Städten Europas gehen uns bereits Berichte zu über die Trauerfeierlichkeiten, die zu Ehren des dahingeschiedenen Rabbi Samuel Mohilewer abgehalten worden sind. So aus Paris, Wilna, Jassy, Krakau u. s. w. Der uns zur Verfügung stehende Raum gestattet uns nicht Einzelheiten hierüber mitzutheilen. Viele geistvolle und gediegene Reden hätten cs wohl verdient, weiteren Kreisen zugänglich gemacht zu werden. Vielleicht entschließen wir uns die Eine oder die Andere später zum Abdruck zu bringen. Basel, 19. Juni. In Ergänzung der kürzlich von Ihnen gebrachten Demission des Vorstandes der hiesigen Gemeinde erlaube ich mir, Ihnen mitzutheilen, daß heute, bei einer noch nie dagcwesenen Betheiligung (von 269 Berechtigten stimmten 200) Herr I. Dreysus-Strauß mit großer Majorität zum Gemeinde-Präsidenten wiedergewählt worden ist. V

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