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Der Israelit · 1898-06-23 · Heft 49 (23.6.1898) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
39 (1898)
Issue
Heft 49 (23.6.1898)
Date
1898-06-23
Page
– (sequence 5)
Language
German
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899 aufgehäuft ist. Der Polnischen Gesellschaft fehlt seit Jahren der Mittelstand. Als besten Surrogat wurden die Juden ausgenommen. Sie bilden das Zwischenglied zwischen der priviligirten Adelsklaste, den Schlachzizen, und dem unterdrückten Bauernvolk. Sie sind Händler für alle Waarenkategorien, sie kaufen und verkaufen die landwirthschaftlicheff Produkte des Landes, sowohl die der gutsherrlichen wie die der bäuerlichen Wirthschaften, sie leihen daraus beiden, Gutsherren wie Bauern, Geld, sie sind die Detailhändler, Gaftwirthe und Schnapsbudiker des Landes. Ueberdies benützt sie der Adel, um durch ihre Vermittlung die Bauernschaft wirthschaftlich und politisch auszubeuten. Jede derartige Verrichtung, die den Schlachzizen selbst zu gemein ist, überträgt er auf den Juden, und dieser muß sie übernehmen, weil er sonst in diesem halbbarbarischen Lande vom adeligen Gutsherrn zu Grunde gerichtet würde. Der adelige Gutsherr z. B. hat in seinem Bezirk das Monopol der Branntweinbrennerei und deS Branntweinfchanks (Propination). Das Letztere verpachtet er dem Juden zu einem horrenden Preis, den der Jude durch Preisausschlag vom Bauern hereinvringen muß. Ein anderes Beispiel: DaS veraltete fiskalische System des Landes hat die gehässigen Mauthsteuern aufrecht erhalten. Der Jude ist der Mauthpächter, oder: die Schlachta übt bei den politischen Wahlen die ungeheuerlichste Korruption aus. Auch hier durch den Juden. Vor der Wahl muß der Jude im Dorf umhergehen, die Einen bestechen, die Anderen durch Androhung wirthschaftlicher Nachtheile gefügig machen, schließlich die Allerwiderspenstigsten mit List oder Gewalt von der Wahlurne fernhalten. Alles, damit der Kandidat der Schlachzizen durchdringe. So hat sich der Gegenstand alles wirthschaftlichen und politischen Haster der galizischen Bauern im Juden verkörpert. Der Gutsherr lebt auf seinem Schlöffe, in Wien oder in Paris, fern vom Schuß. Der Jude sitzt vereinsamt auf jedem Dorf mitten unter der an Zahl ihm hundertfältig überlegenen Bauernschaft, zumeist ebenso arm und elend, nur nicht so ungebildet wie diese. Im Osten des Landes besteht die Bauernschaft aus Ruthenen, im Westen aus Masuren (Polen). Beide Haffen den Juden, aber in verschiedener Art. Der Ruthene ist melan» cholisch, in sich gekehrt, indolent, der Masure laut und gewaltthätig. Wo Juden unter Masuren verstreut leben, stehen sie permanent in Gefahr. Es gibt Dörfer, wo der Jude auch in normalen Zeiten am Sonntag Abends, wenn die Masuren angeheitert sind, nicht auf die Straße gehen kann, ohne von ihnen thätlich behelligt zu werden. Unter den Masuren in Westgalizien sind auch die neuesten Judenverfolgungen auSgebrochen. Der Hunger, der jetzt in der Zeit der hohen Getreidepreise, vor der Ernte die galizische Bauerschaft peinigt, hat im Osten des Landes zu unblutigen Brodkrawallen, im Westen zu Plünderung und Brandstiftung geführt. Entsetzlich ist die Leichtgläubigkeit der masurischen Bauern, die dabei zu Tage kommt. Sie glauben, daß die Regierung ihnen die Juden für einige Tage oder Wochen preisgegcben hat. Auch das Märchen findet Anklang, daß der verstorbene Kronprinz Rudolf, den das galizische Volk in Amerika glaubt, die Erlaubniß zu den Plünderungen gegeben habe. Mit ähnlichen Märchen pflegen auch die Agitatoren der Schlachzizen bei Wahlen zu operiren, z. B. daß der Kaiser eine bestimmte Wahl wünsche. Diese Un wiffenheit der Bauern, sonst von den Schlachzizen für ihre Zwecke ausgenützt, ist die größte Gefahr für die Ruhe des Landes. Jetzt leiden nur die Juden darunter. Der Bauernapoftel P. Stojalowski, der mit der Regierung, mit der Schlachta und mit den Bischöfen seinen Frieden gemacht hat, lenkt die Unzufriedenheit der ihm ergebenen Bauernschaft zunächst auf die Juden ab. Aber daß die Bauern bei den meist armen Landjuden nicht stehen bleiben werden, wenn sie einmal in Aufregung gerathen sind, daß sie schließlich wie 1846 auch auf den Gutsherrn losgehen werden, das sieht die Rabviner Seligmann Fromm f'XT.

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