Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 47 (16.6.1898)
- Date
- 1898-06-16
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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sei. Auf seine direkte Veranlassung ist denn auch in Tanger ein Jude zum belgischen Generalkonsul ernannt worden. — Die Wahlen zum Senat haben die Wiederwahl des einzigen jüdischen Senators Mon» tefiore Levi ergeben, der in Lüttich mit großer Majorität ohne Stichwahl gewählt wurde. Amerika.? New-Nork. Eine für die Juden wichtige Entscheidung ist im Repräsentantenhause getroffen worden, während man in dem Kriegslärm die Sache gar nicht beachtet. Die Einwanderungsbill, die im Senat schon angenommen war und die im vorigen Jahre nur in dem Veto des Präsidenten Cleveland scheiterte, ist diesmal im Repräsentantenhaus durchgefallen, obwohl der Präsident Mac Kinley sie kräftig unterstützte. — Das Kriegsfieber greift auch unter den Juden immer mehr um sich, sie melden sich von allen Seiten zum Kriegsdienst. So waren unter den kalifornischen Freiwilligen, die nach Manila abgingen, mehr als 100 Juden, darunter auch Major Harry Weinstock. General Salomons, der aus dem Bürgerkriege rühmlichst bekannt ist, hat seine Dienste angeboten und von der Regierung ein Commando erhalten. Auch sonst sind die Juden in eifriger Thätigkeit, die von Cincinnati aus begonnenen Sammlungen für den Ankauf eines Kriegsschiffes ergaben eine sehr hohe hohe Summe. > Vermischtes. Lausanne (Schweiz.) (Israelitisches internationales Waisenhaus für Knaben und Mädchen.) Unter der Aufsicht des Herrn Großrabbiners Wertheimer, Professor an der Universität Genf, ist ein israelitisches Waisenhaus in Lausanne gegründet worden. Frau Baronin Hirsch hat dem Waisenhaus den ersten Schützling anoertraut. Gewiß wird die anerkannt jüdische Freigebigkeit durch weitere MithÜl^e diese edle Stiftung fördern. Lausanne eignet sich ganz besonders für ein internationales Waisenhaus, da es auf vollständig neutralem G - biete liegt und feiner gesunden Lage wegen internationale Fremdenstadt ist; auch besitzt es eine Universität, Polytechnikum, Handelsschule und Konservatorium. Deßhalb können hervorragend talentirte Waisen berücksichtigt werden ohne große Unkosten zu verursachen. Den Kindern ist Gelegenheit geboten, jeden Stand, je nach Neigung und Intelligenz, zu erlernen. Sie werden liebevoll gepflegt, sorgfältig überwacht, einfach, moralisch und praktisch erzogen. Religionsunterricht wird von einem kompetenten Lehrer ertheilt. Das Waisenhaus mit schönem Garten befindet sich in freundlicher, freier Lage der Stadt mit wundervoller Aussicht auf den See und die Alpen und entspricht allen hygienischen Anforderungen der Neuzeit. Milde Gaben werden gerne entgegengenommen von Herrn Großrabbiner Wertheimer, me St-L6ger, 8 in Genf, oder auch im Waisenhaus. Die wohlthätigen Spender werden im Jahresbericht verzeichnet. Feuilleton. Nathan Samuel (Lsquiros. Erzählung aus der Zeit der Regentschaft, l. Der Regent und sein Mentor. Es war im Jahre 1712, an einem nebligen Herbftabend, als das schmutzige Straßenpflaster vor dem Louvre, dem ehrwürdigen Königssitze jder alten Stadt Paris, von dem Raffeln einer schwerfälligen Karosse erschüttert ward, die von fackeltragenden Dienern zu Pferde eskortirt, grade ins Hauptportal hineinfuhr, und durch diese, damals höchst wichtige Bevorzugung errathen ließ, daß ein Mann von höchster Bedeutung auf ihren Polstern sich dehne. Im Marmor- Hofe hielt sie an; reich gallonirte Lakaien mit unheimlich großen Allongeperücken flogen herbei, und beförderten eine lange hagere Gestalt heraus, die jetzt, vom Schein der Fackeln beleuchtet noch einen Augenblick nachdenkend dastand, ohne auf die demüthig harrenden dienstbaren Geister zu achten, die tief gebückt den Griff der inner» Flügelthüren gefaßt hatten, um den hohen Ankömmling hineinzugeleiten. Dieser starrte auf die bunten Verschlingungen des musivisch verschlungenen Marmorbodens und wechselnde Gemüthsbewegungen zogen wie Wetterleuchten über sein gebräuntes Gesicht. In seinen Zügen malten sich im entsetzlichsten Gemisch die größte Verworfenheit und die erbärmlichste Feigheit, in seinen Mundwinkeln lauerte die Hinterlist der Schlange zugleich mit der kalten Grausamkeit der Hyäne. Auch seine spitze, sonderbare Kopfform hätten manchem Phrenologen zu thun gegeben, aber es existirten damals weder ein Virchow noch ein Lembroso und so ging diese eigenthümliche Schädelbildung der Wiffenschaft verloren. Sowohl die Kleidung als Tonsur bezeichnete einen Geistlichen; doch daß dieser grade keinen ascetischen Lebenswandel geführt, bezeugten eben so deutlich tiefe Furchen der ausschweifenden Lebensart, welche die gerechte Nemesis auf dem Gesichte des Mannes gezogen. Unablässig zuckten die schmalen Lippen des Mundes, sinster zogen sich die Runzeln auf der Stirne zusammen, und im blitzenden Schwarzauge spiegelte sich eine ganze Welt von listigen und boshaften Plänen. Mit einem Wort, Mephisto in der Kardinalssoutane konnte nicht besser dargestellt werden, zumal der Mann an einem Fuße etwas lahm schien. Nach einigen Minuten rief er einen der umstehenden Diener zu sich und flüsterte ihm zu: „Ist er allein?" „So eben war er's, aber bei ihm kann man nie