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Der Israelit · 1898-06-16 · Heft 47 (16.6.1898) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
39 (1898)
Issue
Heft 47 (16.6.1898)
Date
1898-06-16
Page
– (sequence 4)
Language
German
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?»j^^WWWWWWWWWWW WWWWWW 862 lich oder unabsichtlich, der Stimme des Blutes folgend, parteiisch für ihre Glaubensgenossen urtheilen. Aus Norddeutschland. (Elsässische und moderne deutsche Judeu). Es ist höchst selten, einen Artikel von modernen Juden, von Juden, die „weder orthodox noch reformiert" sind, in einem jüdischen Blatt zu sehen; und es ist höchst interessant, wenn einmal ein solcher Artikel erscheint, das innere Wesen, den Charakter dieser indifferenten Juden zu ergründen. Eine solche Gelegenheit ist uns nun durch den Artikel des Herrn A l s a t i c u s in Nummer 22 der „Allgemeinen Israelitischen Wochenschrift" geboten, der eigentlich eine Erwiederung auf den „Israelit" ist. Uebergehen wir die eigenthümliche Veranlassung desselben, hören wir nur, was er von seinem Juoenthume, das er indentisch hält mit dem der übrigen Elsässer und das zugleich auch das Bekenntnis der sonstigen sogenannten modernen Juden Deutschlands ist, spricht. Um sich noch als Jude zu rechtfertigen, haben sie sich eine Zwittergestalt von Judenthum ausersonnen; denn das drücken die Worte des Herrn Alsaticus aus: „Wir wollen bleiben was wir sind und was wir waren, weder orthodox noch reformiert." Kein Streben nach Vervollkommnung, vielmehr ewiger Stillstand, der ja bekanntlich nichts weiter ist, als ein unaufhaltsamer Rückschritt auf der schiefen Ebene des Verderbens. In diesen Worten ist ein offenes Bekenntnis von der Characterlosigkeit dieser Art Juden niedergelegt. Unbekümmert um das Judenthum wollen sie in den Tag hineinleben. Was fcheert sie orthodoxes oder reformirtes Judenthum! Sie haben kein inneres Selbstbewußtsein, keine Achtung vor ihrem Ich, denn sonst müßten sie in sich selbst die Juden schätzen, sich um das Judenthum kümmern. Diese Ziele des Herrn A l sa ti cus erinnern mich unwillkürlich an einen besonderen Vorfall noch von meiner Schulzeit her. Ich hielt damals auf der Oberprima einen Vortrag, dessen Stoff größtentheils aus dem Talmud geschöpft war, worüber der Lehrer und die christlichen Mitschüler ihren Beifall ausdrückten. Die jüdischen Mitschüler dagegen machten mir heftige Vorwürfe etwa folgendermaßen: „Wie burfteft du nur etwas aus dem Talmud vor Christen erwähnen, wir glaubten vor Scham beinahe umzukommen, dich und uns hast du dabei nur lächerlich gemacht, wir wollen nicht an den Talmud erinnert werden, der nur dem Antisemitismus Stoff liefert. Uns ist der Talmud ganz gleichgiltig, wir leiden schon genug, daß wir zufällig Juden sind." Welch' eine niedrige, sklavische Gesinnung gibt sich in diesen Worten kund; und das sind Menschen, die auf Bildung Anspruch erheben. Das sind Juden von Ihrer Art, Herr Alsaticus, Juden, die „weder orthodox noch reformirt" sind, die nur noch mit Widerwillen den Namen Jude tragen, ihn gern ablegen würden, wenn der Antisemitismus sie dann in Ruhe ließe. Diese Armen! sie leiden für das Judenthum und sind sich doch gar keiner Schuld bewußt. Benimmt sich nicht ein solcher Jude, wie ein emporgekommener, zu Reichthümern gelangter Stallknecht, der nun eine ängstliche Sorgfalt auf sein ganzes Benehmen verwendet, stets in Furcht ist, daß man aus seiner Haltung, aus seinem Gespräche, die oberflächliche Bildung, den ehemaligen Knecht errathen könnte. Durch solch niedrige Gesinnungsweise, durch solche dauernde Sorglosigkeit verrottet das Gewissen, es wird in den allmählichen Uebergang von kleineren zu größeren GewissenSlosigkeiten mehr und mehr zum Schweigen gebracht, bis sie in die dunklen Tiefen des Unbewußten versinkt. Sie, die »über sich" nicht hinaussehen, die in ihrem Ich nicht ihre Vorfahren achten, und „über sich" gar nichts anerkennen, verlieren allen Boden unter den Füßen. Ihr eigener persönlicher Nutzen gilt ihnen als das allein Erstrebend werthe. Solche Menschen handeln in keiner Beziehung nach sittlichen Prinzipien, sondern nur nach eigenem, subjektiven Gutdünken und Gefallen. Daher darf es uns gar nicht auffallen, wenn Herr Alsaticus im Namen seiner Anhänger über die jüdische religiöse Kultuseinrichtung sagt: „Sie gefallen uns gerade so, wie uns unsere Sprache, unsere Kleidungsart u. s. w. gefällt; andere Leute mögen in dieser Hinsicht anderer Meinung sein; les goüts sont differents, aber niemand ist berechtigt uns hierüber Vorschriften zu machen. Wir sagen zu unfern altdeutschen Glaubensgenossen, wenn ihnen unsere Kultuseinrichtungen nicht gefallen, so mögen sie eigene Gemeinden gründen und diese ganz nach ihrem Gutdünken." Wir denken uns beim Lesen dieser Zeilen unwillkürlich in die sogenannte alte, goldne Zeit zurückversetzt, die der sittlich erkrankte Tasso so sehnlich herbeiwünscht! „Die goldene Zeit, wohin ist sie geflohn, Nach der sich jedes Herz vergebens sehnt? Da auf der freien Erde Menschen sich Wie frohe Heiden im Genuß verbreiteten; Wo jeder Vogel in der freien Luft, Und jedes Thier, durch Berg' und Thäler schweifend, Zum Menschen sprach: Erlaubt ist, was gefällt." Die ganze niedrige Gesinnung dieser Art Juden spiegelt sich wieder in den Worten des Herrn AlsaticuS. Lernen wir denn etwa unsere deutsche Muttersprache deßwegen, weil sie uns gefällt? Vielmehr nicht deßhalb, weil es unsere Pflicht ist? Diese modernen Herren Juden lernen sie jedoch, weil sie ihnen ebenso, wie ein Kleidungsstück gefällt, nur weil sie dadurch praktischen Nutzen erzielen. Nach ihrer Anschauung wäre der Dieb völlig schuldlos, der die Diamanten genommen, nur deßhalb, weil sie ihm gefallen. Mögen diese Herren Juden nur auf die vortreffliche Mahnung hören, die die sittlich er-

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