Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 46 (13.6.1898)
- Date
- 1898-06-13
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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848 doch nur Juden, die gequält, ihres Erwerbs beraubt und wilden Thieren gleich von einem Orte zum anderen gehetzt werden! Halali! Halali! Welch' grandioses Vergnügen ist doch die Menschenjagd! . . . Auch die heutigen Zeitungen bringen wiederum eine Bestätigung dieser betrübenden Thatsache. Wie bekannt, ist es den Juden im Königreich Polen streng verboten, auf dem den Bauern gehörenden Grund und Boden selbst als Miether zu wohnen. Nun ist den Behörden hinterbracht worden, daß dieses Verbot oft umgangen wird und daß neuerdings in einigen an den Stadtgrenzen gelegenen Dörfern ganze jüdische Ansiedlungen aufgeblüht sind. Eine in Folge dieser Nachrichten auf Befehl des Bezirkshauptmannes verfertigte Namensliste der jüdischen Bevölkerung ergab den Beweis, daß ungefähr 300 Familien ihren Wohnsitz in Dörfern aufgeschlagen hatten, wo dies nicht gestaltet ist. So z. B. 78 in der Gemeinde Mlociny, 30 in Pruszkow u. s. w. Zwar sind es stille, ruhige Bürger, die sich von ihrer Hände Arbeit ernähren und denen nicht das geringste Unrecht vorgeworfen werden kann. Doch „gleichviel, der Jude wird verbrannt!- und wurde daher den dreihundert Familien befohlen ihre Wohnstätten bis zum 20. d. zu verlassen. Ob diese Leute, die doch selbstverständlich nicht zu den Vermögenden sich zählen, das zu bewerkstelligen im Stande sind, danach wird nicht gefragt, auch nicht, wovon sie sich dann ernähren sollen. Personalien. 2*tttt i. Rböngebirge. Am 9. Silvan (30. Mai) starb Hierselbst, in ihrer Gemeinde beliebt und geehrt, in weiten Kreisen hochgeachtet und geschützt, Frau Babelta Freudenthal, geborene Stern. — Als eine 7’n nttfN, wie sie solche in des Wortes wahrster Bedeutung verkörperte, hat sie derartig gewirkt, daß der reiche Inhalt dieses nunmehr abgeschlossenen Lebens auch weiteren Kreisen bekannt zu werden verdient. Fast 77 Jahre hat ihr der Allgütige geschenkt, und diese Lebenszeit, sie war Mühe und Arbeit; von früh bis spat hat sie mit Fleiß ihre Hände geregt, 7>7'7 “nj?3 Dpro stand auf. da es noch Nacht, und gönnte sich nicht eher Ruhe, bis wiederum die Nacht heraufgkzogen war. Und so hat sie gearbeitet und sich gemüht, fast ihr ganzes Leben lang Aber nicht nur für daS materielle Wohl ibrer Lieben war sic besorgt, noch viel mehr lag es ihr am Herzen, ihre Kinder und Enkel zu gotteSfürchtigen Menschen heranzubilden, sie zu erziehen nNT3, ihnen das jüdische Bewußtsein einzupflanzen, welches ihr eigenes Innere fo ganz erfüllte, (Sin tiefer religiöser Sinn, ein inniges unbegrenztes Gottvertrauen, Liebe zu den Lehren und Satzungen des Judenthums, vereint mit humaner Duldsamkeit gegen Andersgläubige, zeichneten die Verblichene in seltenem Maaße aus. Innig-jüdisches Familienleben lernte man in den Räumen kennen, wo sie so lange geschaltet und gewaltet, gar manches Leid haben freilich auch diese Räume gesehen, sie sind Zeugen manchen herben Schmerzes gewesen, aber auch in den mannigfachen Prüfungen, die ihr leider nicht erspart blieben, hat sie sich bewährt; ihre NeUgton, ihr Gottvertrauen haben sich als echt bewiesen. Nun hat cS Gott dem Allmächtigen gefallen, diese edle Frau, eine Wohlthäterin für Arm und Reich, wo es nur galt ION np-13 auszuüben, von dieser Welt hinwegzunehmen, sie eingehen zu lassen in ein besseres Jenseits. Leicht werde ihr die Erde! rrssun. Feuilleton. Por hundert fahren. Wenn ich mich nicht sehr irre, so giebt's noch Leute hier zu Lande, welche Scholemche Schulklopper gekannt haben. Daß er schon lange gestorben, ist mir bekannt; allen aber, die sich seiner erinnern, wird er lebendig vor Augen stehen mit seinen pfiffigen Aeuglein, seiner saftigen Gemüthlichkeit und seinem unerschütterlichen Phlegma. Er war ein durchaus philosophischer Charakter, voll von Sentenzen und Sprüchwörtlein, und wenn ihm die böse Welt etwas nachsagen konnte, so war es einzig und allein eine etwas zu schwärmerische Neigung für Belche Posners Koscherwein, zu deren Residenz in der klassischen Kuhgaffe es ihn unwiderstehlich hinzog, und deren enges Schenkstübchen zum Paradiese für seine ewig durstende Kehle wurde. Uebrigens war Scholem — so müssen wir ihn ttennen, denn das Diminutivum ließ er nur guten Freunden hingehen — ein sehr würdiges Männlein, und er fühlte die Wichtigkeit seines Amtes so sehr, daß er nimmer müde ward, die erhabene Stellung eines Schulkloppers allen, die es hören wollten, zu demonstriren. Er wußte wohl, daß er der eigentliche Pförtner des Himmels war, der die Leute in denselben spedirte durch sein kräftiges Klopfen und seine noch kräftigere Tenorstimme, er wußte, daß von seinem guten Willen das Sein oder Nichtsein einer betenden Versammlung abhing; er wußte, daß ein Schulklopper eine bedeutende Person im Staate. Ihr alle, die Ihr nicht einmal wißt, was ein Schulklopper ist, lächelt vielleicht und schüttelt verwundert das Haupt; Ihr aber, die Ihr noch aus Eurer Jugendzeit Euch jenes Mannes erinnert, der Euch so oft aus süßen Träumen emporschreckte, dessen Stimme Ihr täglich wiederkehrend hörtet, dessen bekannte Gestalt allmorgentlich an Euerem Fenster sich zeigte, Ihr lächelt wohl auch, aber anders als jene, schmerzlich und sehnsüchtig, bei dem Gedanken an ferne, glückliche Zeiten. Doch — um wieder auf Scholem zurückzukommen — er war ein speculativer Kopf und erstreckte seine Wirksamkeit nicht bloß auf obenerwähntes Amt, sondern zugleich auf einen Kleiderhandel, der ihn mit gar manchem Modegotte jener Zeit zusammenbrachte, und ihn tiefere Blicke in die Verhältnisse mancher Familie werfen ließ. Jeder kannte ihn, wenn er des Morgens mit