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Der Israelit · 1898-06-13 · Heft 46 (13.6.1898) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
39 (1898)
Issue
Heft 46 (13.6.1898)
Date
1898-06-13
Page
– (sequence 7)
Language
German
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849 seinem dreieckigen Hütlein durch die Straße zog, und bald in dies, bald in jenes Haus einkehrte, bald beladen. bald leer herauskam, und im unendlichem Schaffen des Tages Last und Hitze standhaft ertrug. Aber jeder kannte ihn auch, wenn er mit ernster Miene sein Amt verrichtete und seine Stimme weit durch die stillen Gaffen erschallen ließ. Mit einem Wort, Scholem war ein öffentlicher Charakter. Es war im Jahre 179*, da stand Scholem vor seinem Keller in der Böhmkenstraße und rauchte ein Pfeifchen. Seelenvergnügt hörte er auf die Vorlesung seines Nachbarn, des Herrn Schneidermeisters, der ihm mit Würde den Inhalt des weltberühmten „Altonaer Merkurs" vortrug, der damals, wenn auch klein und räucherig aussehend, dennoch höchst intereffante Dinge enthielt. Bei dieser Lectüre seufzte Scholem tief auf — denn, um es aufrichtig zu gestehen, er war Royalist, und liebte die Umwälzung Frankreichs nebst deren Folgen durchaus nicht, — und wenn eine recht demokratische, oder vielmehr demagogische Stelle vorkam, in der jedes Wort ein Blutstrom, so schüttelte er schmerzlich lächelnd das Haupt und brummte leise so Etwas zwischen den Zähnen, was der Vorleser, ein fanatischer Jakobiner, nicht hören durfte. — Als die Vorlesung beendet, nahm Scholem eine Prise, wie dies in kritischen Verlegenheitsfällen gebräuchlich; der Schneider aber begann zu jauchzen und zu frohlocken über die göttliche Freiheit, die so liebevoll in Frankreich hauste und der's in ihrer liberalen Gesinnung auf ein Paar Köpfe zuviel gar nicht ankam. Als aber Scholem in dieses Hosianah nicht miteinstimmte — denn ein Mann von Charakter war er, und wußte nicht zu heucheln — da entfernte sich der Volksfreund und rief noch, als er die enge Saaltreppe Hinaufstieg.° „Wart Nachbar, die Jakobiner werden's Euch noch eintränken!" Diese Drohung aber brachte Scholem wirklich zum Lachen. Wie konnte er, der ehrsame Schulklopper der guten Stadt Altona von jenen verruchten Mördern etwas zu fürchten haben, die weit, weit hinter Wandsbeck, in Paris hausten. Denn für Scholem war „hinter Wandsbeck" das beliebteste Distanzmaaß, wie in der Fabel von Lichtwer „elfhundert Meilen hinter den Huronen" Doch mit des Geschickes Mächten war es selbst dem Schulklopper Scholem nicht vergönnt, einen ew'gen Bund zu flechten, und das Fatum nahte schon leisen Tritts. Denn eben, als Scholem sich in das Innere seines Kellers zurückziehen wollte, kam ein kleiner, scharfblickender Kerl auf ihn zu, präsentirte ihm einen Bündel, und fragte ihn in gebrochenem Deutsch, ob er das darin enthaltene Zeug kaufen wollte. Unser Scholem war gern bereit, und bald hatte er einen respectablen grauen Rock, eine rothe Weste und einen stattlichen Dreimaster erstanden. Die nächste Woche war Schowuoth und am ersten jener festlichen Tage beschloß Scholem, ein kühnes Unternehmen zu vollführen, was er schon lange beabsichtigt, nämlich, im Hamburger Jungfernstiege spazieren zu gehen. Ich nenne dies Unternehmen kühn, weil Scholem sehr selten über die Grenzmarken Altona's hinauskam, und in seinem langen Leben fast nur Beschneidungen und Hochzeiten ihn als Festgenossen in die alte Hansastadt gezogen hatten. Aber heute sollte eine eigene Promenade, nach Schul, angestellt werden, und jener Dämon, welcher überall sein Spiel hat, flüsterte es Scholems eitelm Herzen zu, sich in die Kleider zu werfen, die er vom Männchen erstanden, da er hoffte, sowohl durch den Hut, als die rothe Weste besonders zu imponiren, und Jedermänniglich ein wohlgefälliges Schauspiel zu geben. Freilich saß der Hut etwas tief, und der Rock sammt der Weste etwas weit, aber das schadete in jenen glücklichen Zeiten ja nichts, wo die Göttin der Mode noch nicht so viele Altäre zählte. Ueberdies hatte er sich überzeugt, daß sein Staat nach Vorschrift mit Seide genähet war. Einem gespreizten Pfaue gleichend, schritt Scholem über die wüsten Felder St. Pauli's in Hammonia's Thor ein, wo ihn bei dem damals sehr engen Eingang ein vorbeirollender Wagen den Zipfel seines langes Rocks faßte, und ihn beinah gerädert hätte. Jetzt schon ward Scholems Herz von Ahnungen übermannt, und er dachte, es wäre wol bester, zu Hause geblieben zu sein und Altona das Schauspiel eines stattlichen Schulkloppers gegönnt zu haben. Als er durch beit Steinweg und über den Burstah kam, da ward ihm verzweifelnd zu Muthe ob der vielen Rippenstöße, die der alte Dulder empfing. Er athmete tief auf, als er sich endlich post. magna discrimina rerum, wie unser Virgil sagt, auf dem Jungfernstiege befand. Kaum aber war er etwas auf- und abgewandelt, und von Reb Lebisch, Reb Netzen und einigen andern Hamburger Bekannten begrüßt worden, so bemerkte er, daß zwei sein gekleidete Herren sich in einer kleinen Entfernung hinter ihm kielten. Endlich kamen sie immer näher, und der Eine stellte sich vor ihn hin und redete ihn in einer kauderwelschen Sprache an, von der Scholem nur ahnte, daß es Französisch sein könnte. Ungeduldig schüttelte er den Kops, und um zu zeigen, daß er Nichts verstände, schrie er in einem fort: „Mn Muusje!" Der Eine der Fremden ließ ein feines Lächeln zum Andern hinübergleiten, der beistimmeüd nickte, und hierauf Scholem in sehr gutem Deutsch ersuchte, ihm in ein Häuschen, welches ex Finger bezeichnet^ zu folgen, wo man ihm wichtige Mittheilungen zu machen hätte. Scholem weigerte

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