Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 45 (8.6.1898)
- Date
- 1898-06-08
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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832 WMWWWWWWWWWWWWWW wollen sie schützen gegen das „gefräßige" Großkapital. Das ist aber eine Sisyphusarbeit und gerade die letzte Legislaturperiode hat bewiesen, wie aussichtslos ein solches Unterfangen ist. Die Antisemiten schimpfen auf den unlauteren Wettbewerb und Herr Liebermann von Sonnenberg wird selbst wegen dieses Vergehens, begangen noch dazu gegen ein jüdisches Geschäftsunternehmen, vom Gericht verurtheilt. Sie wollen den Befähigungsnachweis für das Handwerk und Steuern auf den Großbetrieb. Derweil aber sinken immer zahlreichere Mittelexistenzen ins Proletariat hinab und die Maßnahmen, die zur Erhaltung des „Mittelstandes" dienen sollen, schlagen häufig in ihr Gegentheil um. Zugleich wiederum schädigen die Antisemiten den Handwerker, den sie angeblich fördern wollen, aufs schwerste durch ihre Agrarpolitik. Da sie alle Leute glücklich machen wollen, warum nicht auch die Landwirthe? Um diese zu stärken, haben sie sich völlig dem Programm des Bundes der Landwirthe verschrieben, so daß das neue agrarische Handbuch die Kandidaten der deutsch-sozialen Reformpartei als unbedingt vertrauenswürdig, noch vertrauenswürdiger als selbst die konservativen Kandidaten anpreist. Die Antisemiten sind nicht nur gegen die Handelsverträge und für Erhöhung der Schutzzölle, sondern auch für den Antrag Kanitz und alle extremsten Forderungen des Junkerthums, durch deren Verwirklichung gerade der Mittelstand im Handel und Gewerbe schwer geschädigt werden würde. Indem so die Antisemiten nach echter Demagogenart es allen recht machen wollen, läuft ihre Politik schließlich darauf hinaus, daß das, was sie dem einen bieten, das dem andern gegebene Versprechen aufhebt, so daß als Fazit <>,0 herauskommen muß. Dem Arbeiter versprechen sie Schutz, aber der Kleinbetrieb, den sie auch schützen wollen, kann den Arbeiterschutz am schwersten gewähren. Dem Handwerker und Kaufmann versprechen sie Schutz, aber schädigen ihn durch Brotvertheuerung, die sie der Landwirthschaft Zusagen. Der kleinen Bauern wollen sie sich annehmen, aber bringen sie immer tiefer herab, indem sie die verderbliche Politik der indirekten Steuern für den Militarismus mitmachen und fördern. Durch solche völlig unreife Bestrebungen ist diese Partei der allgemeinen Lächerlichkeit bei allen ernsthaften Politikern verfallen. Aber man darf nicht nur über sie lachen, denn durch den Lärm, den sie macht, durch die großen Phrasen, mit denen sie rückständige Bevölkerungselemente benebelt, leistet sie der Reaktion werthvolle Dienste. Sie nennt sich „Reformpartei", ist aber thatsächlich eine der allerreaktionärsten Parteirichtungen. Von den Konservativen unterscheidet sie sich eigentlich nur dadurch, daß die Konservativen ihr reaktionäres Herz wenigstens einigermaßen offen zeigen, während die Antisemiten ihre volksfeindlichen Gelüste unter einem Schwall dröhnender Worte heuchlerisch zu verstecken bemüht sind. Aber selbst in ihren eigenen Reihen hat das Bewußtsein von der Oede der antisemitischen Bestrebungen und von der Werthlosigkeit ihrer Betätigung Platz gegriffen. Professor Förster sagte sich los von der Partei, indem er sein Urtheil über die bisherigen Fraktionsgenossen wörtlich dahin zusammenfaßte: „Gerade in der sozialen Politik fehle es noch an der rechten Stellungnahme. Mittelstand und Mittelstand, darauf sitzen wir fest, ohne daß recht ersichtlich wird, was wir wollen und was wir nicht wollen. . . . Stillstand und Mangel an Leben überall! Oder zu viel Leben, das heißt oberflächlicher Natur mit verbrauchten Schlagworten! Welchen Werth hat die Zugehörigkeit zu einer solchen Partei!" Dieses Statut des Professor Förster trifft den Nagel auf den Kopf. Es ist daher auch sicher, daß die deutsch-soziale Reformpartei bei der bevorstehenden Wahl sehr mäßig abschließen wird. Sie wird vielleicht in einigen rückständigen Kreisen, wo bisher der dumpfe Konservatismus alleinherrschend war, Erfolge erzielen, wogegen auch nichts einzuwenden ist, weil auf diese Weise wenigstens etwas politisches Leben in den konservativen Sumpf kommt. Aber wo dre Bevölkerung bereits politisch einigermaßen durchbildet ist, da kann die „Reformpartei" nichts ausrichten, und wo sie bei der vorigen Wahl einige Erfolge erreicht hat, da wird sie dank der von ihr in der vergangenen Legislaturperiode bewiesenen Unfähigkeit am 1«'>. Juni zurückgeworfen werden. — Daß dieser Artikel, den wir dem „Vorwärts" entnehmen, bei den Antisemiten gesessen hat, das be weift die grenzenlose Wuth, mit welcher die Rischusblütter auf die genannte Zeitung herfallen. Daß die antisemitische Bewegung sich nur gegen die Juden persönlich richte, bezeichnet die edle Staatsbürgerin als eine Lüge, sie kämpfe nur gegen jüdischen Geist und gegen Verjudung des deutschen Volkes. Wer sich von Zeit zu Zeit das zweifelhafte Vergnügen macht, die Ahlwardt'sche Aetendeckelzeitung anzufassen und einen Blick hineinzuwerfen, der weiß ja sehr genau lvie fern derselben persönliche Anwürfe gegen die Juden liegen, und was den Kampf ausschließlich gegen den jüdischen Geist betrifft, so hat man noch nie gehört, daß bei dem bekannten Antrag auf das Einwanderungsverbot russischer Juden, die Antisemiten etwa „anständige" oder vom „deutschen Geiste erfüllte" Juden von dem Verbote ausgeschlossen sehen wollten.