Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 45 (8.6.1898)
- Date
- 1898-06-08
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXXIX. Jahrgang. Erste Beilage zu M 45 -es „Israelit“. Leitender Artikel. Pie mWkNk ffegislnturpertotie u»d ölt Aatiftmttt«. Die Antisemiten haben sich gründlich abgewirthschäftet- Wenn je einmal ängstliche Gemüther gefürchtet hatten, die Ahlwardt, Böckel, Liebermann v. Sonnenberg und so weiter würden im deutschen Parlanient einen bestimtnendcn Einfluß aus die Negierung und Gesetzgebung erlangen, so haben die Antisemiten selbst dafür gesorgt, daß solche Befürchtungen ein für allemal ausgeschlossen sind. Die antisemitischen Parteien haben sich selbst untereinander abgeschlachtet. Man ist versucht, diese gegenseitigen Abschlachtungen auf den Charakter der Persönlichkeiten zurückzuführen, die der antiseniitischen Partei zuzählen, aber so wahr es ist, daß unter den antisemitischen Abgeordneten Leute ganz zweifelhafter Qualitäten sind, so halten wir es doch für verkehrt, die persönlichen Verstöße einzelner Antisemiten auf das Konto der Parteien selbst zu rechnen. Die antisetnitische Bewegung würde auch mit den besten Führern in Deutschland heute keineu Grund und Boden mehr finden können. Alan hat einmal den Antisemitismus den Sozialismus der Dummen genannt; und es gereicht Deutschland zur Ehre, daß sein Volk sich von diesem Sozialismus nicht mehr einfangen läßt. Es ist eben sehr schwer, den deutschen Bauern, dem deutschen Handwerker, denl deutschen Kaufmann mit Erfolg einzureden, daß nur die jüdischen Viehhändler, daß nur die jüdischen Konkurrenten an einem sozialen Darniederliegen schuldig seien. Und sobald dem Antisemitismus die Berechtigung seiner Judenhetze genommen ist, so bald hat man ihm auch die Zähne ausgebrochen. Infolge der starken Entwickelung der Sozialdemokratie sind die Antisemiten selbst schon genöthigt, bei der Aufstellung sozialer Forderungen auch den christlichen Fabrikanten, den christlichen Wucherer den Juden an die Seite zu stellen. Wenn man das letzte Programm der Antisemiten vom Jahre 1895 auf seine Stellung zu den Juden durchsieht, so beschäftigt sich der größere Theil der Forderungen mit allem andern, nur nicht mit den Juden. Plagiate aus dem sozialdemokratischen, nationalliberalen und konservativen Programm bilden den wesentlichen Inhalt des antisemitischen Programms. Da findet sich ein Kuddelmuddel von Anschauungen innerhalb der antisemitischen Parteibildungen, der l zeigt, daß die Angehörigen der antisemitischen Gruppen aus den verschiedenartigsten politischen Elementen zusammengewürfelt sind. Nichts beweist das deutlicher, als die Haltung der Antisemiten bei den verschiedenen Abstimmungen im Parlamente. Wir wollen hier nur einige Fälle anführen. Nach einer Ucbersicht der nationalliberalen Korrespondenz vom November 1895 bis inklusive Juni 1897 haben etwa 45 namentliche Abstimmungen stattgesunden. Bei diesen 45 Auszählungen ergab sich, daß von den 16 Antisemiten etwa immer nur die Hälfte, genast 8, 4, anwesend waren, und zwar fehlten von der anderen Hälfte die meisten ohne Entschuldigung. Die wenigen „deutschsozialen Reformer", die an den namentlichen Abstimmungen theilgenommen haben, sind aber keineswegs einig gewesen. Einmal, am 22. Juni 1896, wußten sie überhaupt nicht, wie sie abftimmen sollten. Als an diesem Tage über den sozialdemokratischen Antrag verhandelt wurde, wonach die Krankenversicherungspflicht durch einen Paragraphen des Bürgerlichen Gesetzbuchs eingeführt werden sollte, fehlten 13 Mitglieder, und die anwesenden 3 enthielten sich der Abstinimung. Und sünfzehnmal stimmten diese Reformer lustig wider einander; wir greifen zur Jllustrirung nur folgende Einzelfälle heraus: Für das Bürgerliche Gesetzbuch stimmte einer, 6 enthielten sich der Abstimmung, 9 fehlten. Am 20 März 1897 stimmem 13 für, 2 gegen die Bewilligung des Panzerschiffes „Ersatz König Wilhelm". Beim Magarinegesetz stimmten 9 für, I gegen die Trennung der Magarine Verkaufsräume, sechs fehlten. Für die Handwerkerorganisation stimmten 2, 11 dagegen, 3 fehlten. In sozialpolitischer Beziehung wissen die Leutchen garnicht, was sie thun sollen. Zwar schwatzen sie auch davon, daß sie „ein gutes Herz" für die Arbeiter hätten. Aber auch nur die geringste Thai können sie nicht aufweisen. Wo immer Arbeiter ihre Interessen verfochten, traten ihnen die Antisemiten in den Weg. Im Kampfe gegen die winzige Bäckereiverordnung des Bundesraths standen die „Reformer" in erster Reihe. Wo cs gilt, den Arbeitern das Versammlungs- und das Koalitionsrecht zu verkümmern, immer waren sie dabei, während sie in ihren Reden und in ihren Zeitungen sich als Freunde jenes Rechts ausspielten. Wie sollte diese Partei auch etwas Ernstliches für die Arbeiter übrig haben, da sie sich selbst mit Vorliebe als eine Partei des Mittelstandes bezeichnet. Unter Mittelstand verstehen die Antisemiten aber — sofern sic sich überhaupt etwas Klares unter diesem Schlagwore vorstellen — die Leiter der Mittelbetriebe, die kleineren und mittleren Kapitalisten. Diese