Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 45 (8.6.1898)
- Date
- 1898-06-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2448857-2448899--46130-2496531- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
824 ches sich unseres Wissens noch keine moderne Hand gewagt hat. — Doch stellen wir unsere Betrachtungen weiter an! Die drei Hauptgebete, die sogenannten nirwnE, welche einen integrirenden Theil des Gottesdienstes, ja einen der wichtigsten Acte destelben bilden, sie sind Ausflüsse der mündlichen Lebre. Auch diese hochheiligen Gebete pflegen von den Neologen noch respectirt zu werden, und nur ein winziger Theil derselben hat in neuester Zeit an triefe uralten, ehrwürdigen Denkmäler der Vorzeit die Hand anlegen und sie verstümmeln wollen. Die hehren Stellen nämlich, in welchen der einstigen Pracht und Größe Israels Erwähnung gethan und der Hoffnung aus eine glückliche Zukunft Ausdruck verliehen worden ist, hat in den Augen des Stettiner Rabbiners keine Gnade gefunden, und ihm zuliebe gaben einige Gemeinden in Westfalen ihre Vergangenheit und Zukunft, ihren Stolz und ihr Selbstbcwußtsein auf. Sonst aber betet man noch allenthalben diese uralten Gebete, in welchen das Lob des Höchsten so wunderbar innig ausklingt, ebenso aber auch alle unsere frommen Herzenswünsche so inbrünstig zum Ausdruck gebracht worden sind; und die vom Glauben und seiner Wahrheit durchglühten, sprechen sie mit jener Andacht, die unsere Weisen durch die Worte bezeichnen wollen: (Tractat! Berachoth 5). „Man darf dieses Gebet nicht unterbrechen, selbst wenn eine Schlange sich um unsere Ferse gewunden hat." — Ja, unzählig sind die Satzungen und Lehren, Verordnungen und Gebräuche, d:e der mündlichen Lehre entfließen. Welcher wahre Jehudi beobachtet nicht die Verordnungen der Reinheit und Lauterkeit, durch welche wir uns auch äußerlich für den Dienst lns Hochheiligen weihen? Das Waschen unserer Hände am Morgen, es soll uns aus die Läuterung unseres ganzen Daseins Hinweisen, denn nur durch ein solches werden wir in den Stand gesetzt, dem lautersten und vollkommensten Geiste unsere Bitten vorzutragcn und ihn zu loben ahnl'.ch den hestren geistigen Wesen, den Engeln, die auch in Reinheit den Lobgesang des Allmächtigen rin das Dreimal-Heilig erschallen lassen. Selbst die Nnrung, die wir zu uns nehmen, sie soll lediglich dazu dienen, den Körper als Inhalt der gottgeweihten Seele zu erhalten. Und so betrachten wir unfern Tisch, nach der Ausführung unserer Weisen, als einen Altar und die Speise wie ein Opfer, und wir sind durch die mündliche Lehre gehalten, bevor wir das Brod genießen, unsere Hände zu waschen, damit wir, wie einst der Priester zu den heiligen Handlungen sich hierdurch vorbereitete, auch solcher Art handeln und so stets von dem Bewußtsein unseres hohen menschlichen Zweckes erfüllt sind. Dies sind alles mit dem Judenthum innig verwachsene, wichtige Gebräuche, die charakeristisch für daffelbe sind, und ohne welche es in sich zerfallen und formuno seelenlos werden würde. — Die Autorität der Rabbinen und der von ihnen tradirtcn Gesetze war aber auch von jeher eine tief im Volke eingewurzelte, es wußte genau, daß jene nur das Wort Gottes unverfälscht Wiedergaben. Daher beten wir auch: Gelobt sei Gott, der uns befohlen hat, die Hände zu waschen; Gelobt sei Gott, der uns befohlen, das Hallel zu lesen u. s. w. Wir legen die heiligen Gebetriemen an, die nach Anordnung urd Vorschrift der Tradition geschrieben und eingerichtet sind, befestigen die ebenso beschaffene Mesuffah an unfern Thürpfosten und erklären beide nur dann für geeignet und dem schriftlichen Gesetze entsprechend, wenn alles das peinlich befolgt ist, was unsere Weisen festgesetzt haben. Auch die Frau erfüllt die ihrem Geschlecht besonders aufgetragenen Gebote genau nach dielen Bestimmungen und betet mit Begeisterung, wenn sie das Gebot des Anzündens der Sabbatlichlichter, welches ihr die Chachamim zur schönen Pflicht gemacht haben; „Gelobt sei der Ewige, der uns befohlen hat, die Sabbatlichter anzuzünden!" Doch genug sei es an diesen wenigen Beispielen, welche darthun, welches Vertrauen man den Ueberlieferern der mündlichen Lehre entgegengebracht hat. Und wahrlich die Rabbinen, die haben sich nicht irgendwie eine Macht angeinaßt, oder gar nach Gutdünken entschieden, weder dem Volke irgend ein Erschwerniß auferlegt, noch sich herausgenommen, es mit irgend einem Gebote leicht zu nehmen. Denn, wer ihre Aussprüche kennt, wer da weiß wie sie ihr ganzes Augenmerk darauf gerichtet hatten, das Volk zu belehren, wie sie iedem zur religiösen Pflicht machten, das Gesetz zu studiren, der weiß, daß sie sich nicht etwa durch ihr Wiffen mit einem Nimbus uingeben und, wie diejenigen der Neologen, welche ihren Titel usurpiren, als Geistliche angesehen und geehrt wissen wollten. Dem einen solchen Stand kannte das Judenthum insofern nie, als jeder Anhänger ein Glied des Volkes war, das ein großes Priesterreich bilden sollte, und jeder konnte durch das Studium des Gesetzes sich den Ehrentitel Rabbi erwerben. Unseren Weisen war die Unwissenheit verhaßt, sie wollten das Volk wahrhaft aufklären und bilden. Sie, die da verboten, den Namen Gottes im Gebet zwei Mal ohne Grund auszusprechen, sie hätten es als eine Entweihung angesehen, in seinem Namen etwas zu lehren, was nicht auf tiefer Wahrheit beruht, oder gar mit der GottesgelehrthAt zu prahlen. War doch ihr Wahlspruch der des großen Hillel:?pn s;rc trentMn „Wer sich der Krone (Thora) als Werkzeug bedient, der vergeht" und px -pcv m*n -re^n NL' „Schön ist das Studinm der Thora in Verbindung mit bürgerlichen Geschäften", wie Rabbi Gamliel sagte. Demzufolge waren sie auch olle Handwerker, dieses Gewerke war ihr einziges Exist.nzmittel und sie trieben das Studium, urtheilten in Rechtssachen und belehrten das Volk nur aus reinster idealer Absicht, aus lauterer Frömmigkeit. Aber auch das Israelitische Volk war „ inr»WBi