Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 44 (6.6.1898)
- Date
- 1898-06-06
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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m blikanische Majorität, für den Durchfall der jüdischen Candidaten entschädigt sie die Niederlage von Thiebaud in CarpentraS und die Ziffern der antisemitischen Stimmen suchen sie mit allen Mitteln, durch Rechenkunstslücke 2C. zu verringern. Diese Politik erinnert gar sehr an die' bekannte des Vogel Strauß. Weil die französischen Juden nicht sehen wollen, wie große Gefahren ihnen bevorstehen, können sie vermelden, dieselben zu sehen, aber nicht sie aus der Welt schaffen. Leider ist bei den Wahlen das Verhallen mancher der jüdischen Candidaten recht erbärmlich gewesen, wie kürzlich erst von dem neugewählten Abgeordneten Klotz bekannt wurde. Nun veröffentlicht G. Clemenceau in einem neuen flammenden Schreiben an die „Aurore" den Wahlaufruf des früheren Deputaten Fernand Cremieux, der den Namen jenes Gründers der Alliance trägt, deffen Größe in seinem muthigen Auftreten für bic unschuldig Verfolgten in Damascus den Ursprung fand. Aber dieser Cremieux versichert seinen Wählern: „Um alle Verleumdungen und Lügen kurz zu erledigen, erkläre ich auf Ehrenwort, daß ich, Patriot vor allem, von der ersten Stunde an jenen hassenswerthen Feldzug verabscheut habe, den man gegen die Armee der Republik gerichtet hat, und ich verpflichte mich in aller Form, gegen die Revision des Prozeß Drepfus zu stimmen." Erfreulicherweise ist dieser Cremieux trotzdem nicht gewählt worden, aber man begreift die Erregung von Clemenceau über diese Mandatskleber. Griechenland.? Athen. Kaum, daß die Griechen wieder in Theffalien einrücken, das jetzt von den Türken geräumt wird, so beginnen schon wieder Hetzereien gegen die Juden in diesem Lande. Man macht ihnen zum Vorwurf, daß sie nach den Niederlagen der Griechen nicht mit diesen geflohen sind, sondern die siegreichen Türken erwartet haben. Thatsächlich haben sich die Juden in den Türken nicht getäuscht, denn sie sind von ihnen durchaus gerecht und gut behandelt worden und hatten keinen Grund unzufrieden zu sein. Die größten griechischen Zeitungen, z. B. „Akropolis", treten übrigens den Hetzereien scharf entgegen. Rumänien. Jassy. Großes Aussehen erregte hier die am Schowuoth gehaltene Predigt unseres Rabbiners Dr. Niemürauer, da dieselbe mit beißender Ironie und wahrhaft religiösem Eifer einen wunden Punkt in der Erziehung unserer Töchter behandelt hat. Hier herrscht leider die Unsitte Kinder jüdischen Glaubens im katholischen Institute, das ausschließlich von Nonnen geleitet und in welchem jede Schülerin am katholischen Gottesdienste theilnimmt, erziehen, und dadurch ihrem angestammten Glauben entfremden zu laffen. M. Stradourizi. personal Nachrichten. AuS dem Reg.-Bez. Cassel. Nach dem es Herrn Lehrer Flörsheim zu Wolfshagen vor einigen Jahren vergönnt war, sein 25-jähriges Dienstjubiläum begehen zu können, werden cs n"2 am 15. Juni abermals 25 Jahre, daß Herr Flörsheim in der Gemeinde Wolfshagcn aut eine segensreiche Thätigkcit zurückblicken kann. Wir wünschen demselben, in Körper- und Geistessrische dieses schwierige aber auch umsomehr erfreuende Amt zum Wohle seiner Gemeinde wie insbesondere der ihm anvertrauten Jngend noch recht lang vermalten zu können. Breslau. Rabbiner Dr. Finkelscherer vom hiesigen Seminar ist zum zweiten Nabb in München gewählt worden. Feuilleton. Der Väter Schuld. Erzähl u n g aus der Gegenwart. Non 2j) ~ Arnold Mann. ~~ (Nachdruck verboten.) Seit seiner Studienzeit war der Justizrath nicht mehr in Berlin gewesen. Daran mußte er denken, als der Zug mit einem leisen Ruck Halt machte. Und jetzt sah er die Reichshauptftadt in solchem Schmerze und zu solcher Veranlassung wieder-! Der Justizrath ergriff seine Handtasche und stieg aus, indeß ein tiefer Seufzer seine Brust hob. Er erwartete, daß ihn der Absender der Depesche auch abholen werde und blieb deshalb unwillkürlich an der Kupeethüre stehen, bis ihn wohl der fremde Herr aus dem Menschengewühl, das der ankommende Fernzug mitbrachte, herausgefunden haben würde. Da trat ein alter Herr mit grauem Bart und gebeugtem Gang auf ihn zu und sprach mit leiser, zitternder Stimme: „Emil, kennst Du mich noch?" Der Justizrath blickte den Sprecher aufmerksam an. Dann riß er plötzlich in starrem Staunen die Augen auf — er hatte Julius Hohenthal erkannt. „Du?" rief er und vergaß in seiner Ueberraschung ganz des eigenen Schmerzes, „wie geht's Dir?" Aber gleich senkte er den Blick wieder und fügte leiser hinzu: „Weißt Du, weßhalb ich komme?" Das Herz wollte ihm schier brechen, daß er den Jugendfreund in solcher Verfassung wiedersah. Doch was war denn das? Hohenthal hatte „Ja" gesagt? Er wußte also? Wie kam er dazu-? „Nachher" fuhr Hohenthal fort, „jetzt komm mit, von hier weg!" Als sie dann in der Droschke saßen, um nach