Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 44 (6.6.1898)
- Date
- 1898-06-06
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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MWMWWWWWWWU 819 Hohenthals Wohnung zu fahren, eröffnete Hohenthal dem Justizrath die schreckliche Wahrheit. Schlesinger war wie betäubt. Er glaubte zu träumen, daß er plötzlich neben dem Jugendfreunde saß und daß dieser so fürchterlich an dem Unglück betheiligt war, welches ihn hierhergeführt hatte. Als sie dann in Hohenthals Wohmlng angelangt waren, mußte der Justizrath mit Gewalt eine kleine Erfrischung zu sich nehmen. Die Räthin wußte sich kaum zu fassen vor Wehklagen und starrte mit verweinten Augen den Vater des jungen Mannes an, den ihr Kurt im Duell getötet hatte. Dann waren die beiden Männer allein, Nie hat Jemand erfahren, was in dieser Stunde von ihnen gesprochen wurde. Jedenfalls erfreulich war der Rückblick nicht, den sie gewiß vergleichend auf ihren Lebensgang geworfen haben, er führte ihnen — jedem nach seiner Art — die eigene Schuld vor die Seele. Mehr als eine Stunde hatte die Aussprache schon gedauert, als es draußen klingelte. Kurz darauf meldete das Mädchen, daß draußen ein junger Mensch sei, der den Herrn Rath durchaus zu sprechen wünsche. „Lassen Sie ihn eintreten" erwiederte Hohenthal. Ein blasser, hagerer, junger Mensch mit einem schrecklich abgehärmten Gesicht trat in den Thürrahmen. Er getraute sich nicht ins Zimmer zu gehen. „Kommen Sie nur näher", forderte ihn Hohenthal auf. „Was wünschen Sie", fügte er dann hinzu, als der Blasse mitten im Zimmer stand. „Entschuldigen der Herr Rath" begann der junge Mensch mit weinerlicher Stimme, „Ihr Sohn schickt mich zu Ihnen!" „Mein Sohn?" „Ja!" „Wo haben Sie den heute gesprochen?" „Heute nicht." „Wann denn?" „Schon — schon einige Wochen!" „Und was sollen Sie hier?" „Der Herr Sohn meinten, Herr Rath wolle mir was abkaufen!" „Was verkaufen Sie denn?" „Allerlei, ich habe meinen Kasten unten beim Portier; ich gehe, ihn holen!" „Warten Sie erst mal", hielt ihn Hohenthal zurück, „warum kommen Sie denn nun erst heute, wenn mein Sohn Sie vor einigen Wochen geschickt hat?" „Ach Gott, Herr Rath" erwiederte der Hausirer seufzend, „der weite Weg! Ich verkauf sonst nur im Centrum, da besuch' ich die Restaurants; in alle darf ich ja nicht, aber doch in die meisten. Run — und jetzt, Herr Rath, jetzt ist mirs schon acht Tage lang so schlecht gegangen, ich habe nichts verkauft, nur Kleinigkeiten und zu Hause — mein alter, kranker Vater-. Da Hab ich in meinem Notizbuch Ihren 'Namen gefunden; den Hab' ich mir damals ausgeschrieben. Vielleicht machst Du dort ein gutes Geschäft, Hab' ich zu mir gesagt, beim Herr Rath — und — und da bin ich hergegangen — mit meinem schweren Kasten zu Fuß den ganzen Weg-" „Wie heißen Sie denn?" unterbrach ihn Hohenthal voll Theilnahme. „Bär." Die beiden Männer horchten auf. Sie waren eben, wo das Schicksal sie nach langen, langen Jahren wieder zusammengeführt hatte, in jener Stimmung, in der sie sich über ein neues Zusammentreffen nicht im mindesten gewundert haben würden. Darum dachten sie beide unwillkürlich, als sie diesen Ramen hörten, an den kleinen Aron Bär, der in ihrem Heimathsdorfe ihr Spielgenoffe gewesen war. „Wie alt ist Ihr Vater?" fragte Hohenthal weiter. „Bald 70 Jahre." „Hat er immer in Berlin gelebt?" „Nein, Vater stammt aus der bayerischen Rheinpfalz." „Und wie heißt Ihr Vater mit Vornamen?" „Aron." Da schauten die beiden Männer einander an in sprachlosem Staunen. Es stimmte alles; Bär war etwas älter als sie beide gewesen. Es war klar, daß sein Sohn hier vor ihnen stand. Da überkam sie ein heiliges Mitleid mit dem guten Jungen, der für seinen kranken Vater hausieren ging und um ein paar Pfennige keinen Weg, keine Mühe scheute. Sie fragten den Staunenden nach des Vaters Wohnung, schenkten ihm eine schöne Summe Geldes und entließen ihn. Als er gegangen war, kaum glaubend, daß ihm solch' ein Glück zu Theil geworden, den unterwürfigen Dank stammelnd, trat in dem Gemache ein beredtes Schweigen ein. Was lag näher, als daß diese beiden Väter ihrer eigenen Söhne gedachten, des Weh's und Jammer's, das sie über ihrer Eltern Haupt gehäuft, daß ihnen mitten im Reichthum und mitten in ihrer Bildung und fortgeschrittenen Gesinnung der arme, alte Aron Bär beneidenswerth schien, und sein hausierender Sohn als das Ideal eines braven Sohnes?.' „Was haben wir nun," sprach Schlesinger endlich, „mit all' unserer kunstvollen, mühereichen Erziehung unserer Söhne erreicht? Nichts als Unheil. Ich werde an die Leiche des meinen gerufen und Du