Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 43 (2.6.1898)
- Date
- 1898-06-02
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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789 Feuilleton. Der Väter Schuld. Erzählung aus der Gegenwart. Von 23) zz: Arnold Mann, uz (Nachdruck verboten.) Als trüge er eine Centnerlast aus der Brust — mit einem solchen Gefühle verließ der Landgerichtsrath den schauerlichen Raum und begab sich in das Bureau zurück« Dort fragte er den Beamten nach der Adresse des Herrn, der die Benachrichtigung des Justizraths übernommen habe. Man nannte ihm die Adresse des Arztes, Dr. Röwer. Auch nach Ludwig Schlesingers Wohnung erkundigte sich Hohenthal und sie suchte er zunächst auf. Frau Köhler, die Wirthin, kam Hohenthal unter Klagen und Jammern über das entsetzliche Unglück entgegen. Der junge Mann sei so gut und so solide gewesen, so fein und so anständig — einen solchen Miether habe sie in ihrem ganzen Leben noch nicht gehabt. Hohenthal bat, ihn in die Stube zu führen, die Schlesinger bewohnt hatte. Die Wirthin öffnete. Das erste, was Hohenthal in's Auge fiel, war eine offenbar den Iustizrath darstellende große Photographie, die auf dem Schreibtisch stand. Sinnend betrachtete er das Bild. Es waren dieselben Züge wie damals, nur voller, niännlicher und durch einen schwarzen Vollbart gehoben. „Hat der junge Mann keine Briefe zurückgelaffen?" fragte Hohenthal die Wirthin. „Doch, zwei", erwiederte sie, „die hat ein Herr Dr. Römer abgeholt." Hohenthal versprach der fortwährend jammernden Frau, ihr für einen neuen Miether zu sorgen, ließ ihr einen anständigen Trostpfennig zurück und begab sich unverzüglich zu Dr. Römer. Dort erfuhr er endlich den ganzen Hergang, der zu dem Duell geführt hatte, hörte auch, daß eine Tochter des Justizraths in der Stadt set und wie schändlich sich Kurt benommen. Er selbst, Dr. Römer, habe dem Mädchen einen von dem Bruder an sie zurückgelassenen Brief übergeben. Herzzereißend sei die Scene gewesen, als er der Aermsten von dem Unglück schonend Mittheilung machte. Jetzt lechze sie nur dem Augenblick entgegen, wo sie mit dem Vater in die Heimath werde zurückkehren können. Auch an den Vater habe der junge Mann einen Brief zurückgelaffen. An den Iustizrath sei vor einer halben Stunde ein Telegramm abgegangen. Er werde wohl am anderen Tage um l(28 Uhr mit dem Schnellzuge eintreffen. „Ueberlaffen Sie's mir", bat Hohenthal, „den Iustizrath abzuholen und in alleeinzuweihen. Ich habe als Vater Kurts doch wohl ein Recht darauf, wohl auch eine Pflicht." „Gern", erwiederte Dr. Römer. Jetzt erst empfand Hohenthal ein gewisses Gefühl der Erleichterung und machte sich wieder auf den Weg nach seiner Wohnung. VIII. In der darauffolgenden Nacht reifte Iustizrath Schlesinger nach Berlin. Es war eine fürchterliche Reise nach einem herzzerreißenden Abschied von der Gattin. Am Vormittag war Ludwigs Brief angekommen, in welchem er den Eltern Betti's beabsichtigte Heimkehr mittheilte. Schon dieser Brief hatte die Eltern stutzig gemacht. Er war — schon in der Schrift — in einer eigenthümlich aufgeregten Weise gehalten, und das ahnungsvolle Gemüth der Eltern las zwischen den Zeilen, daß irgend etwas Ungewöhnliches vorgefallen sein müsse. Kaum eine Stunde später brachte das in rücksichtsloser Offenheit abgefaßte Telegramm die entsetzliche Lösung des bangen Räthsels. Ludwig sei im Duell gefallen, besagte das Telegramm, der Justizrath solle kommen. Unterzeichnet war Name und Wohnung von Dr. Römer. Die Eltern waren faffungslos. Der einzige, hoffnungsvolle Sohn im blühendsten Alter einem grausamen Geschick erlegen! Es war ein Jammer ohne Gleichen, der in diesem Vater und in dieser Mutter wüthete. Sie weinten den Abend heran und um acht Uhr hatte der Iustizrath den Kurierzug bestiegen. Vorher hatte er Dr. Römer telegraphisch angezeigt, mit welchem Zuge er komme. Da fuhr der gequälte Vater nun in die Nacht hinaus, den toten Sohn zu holen. Auch dieses Vaterherz ward nun von den Leiden bitterster Reue erfaßt. Der Iustizrath war sich ohne weiteres klar darüber, daß er selbst bi» zu einem gewissen Grade an dem schrecklichen Ereignis die Schuld trage. Zwar hatte er ja erst vor wenigen Wochen eine ernste Mahnung an Ludwig gerichtet, er solle allem fernbleiben, was ihn zu einer Anerkennung des Zweikampfes führen könne; ja er solle eventuell sogar aus der studentischen Körperschaft austreten, wenn die Anerkennung des Duells als Bedingung der Mitgliedschaft betrachtet werde. Jetzt machte sich der Iustizrath die bittersten Vorwürfe, daß er nicht energisch genug gewesen. Er hätte es mit allen möglichen Mitteln versuchen müssen, den Sohn von dem thörichten Wege, den er eingeschlagen, zurückzuhalten. Wäre er nur schon vor Wochen, als Ludwig so begeistert von seinen Fecht-