Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 43 (2.6.1898)
- Date
- 1898-06-02
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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784 ihr werthvolleS Gut und Selbstbewußtsein, Würde und Selbstachtung verleugnend, schämten sie sich nicht, zu entleihen, mit aller Vergangenheit zu brechen und die ewigen Prinzipien aufzugeben. Nachdem die ersten Schritte hierzu einmal gethan waren, fanden sich gewissenlose Individuen genug, die auf den Namen „Rabbiner" und deren hohes, wichtiges und geheiligtes Amt Anspruch machten, aber, der erhabenen Würde diese- Titels gleichsam zum Hohn, der Leichtlebigkeit der ihrer Obhut anvertrauten Gemeinden Thür und Thor öffneten und Stein für Stein von dem alten, ehrwürdigen Religionsgebäude abbröckeln halfen. Sie erreichten hierdurch für ihre Zwecke Doppeltes: sich selbst entledigten sie jeder ihnen als Zwang erscheinenden, von der heiligen Thora aufgelegten Pflicht, verkehrten mit der Außenwelt in ungebundenster Weise und machten andererseits sich bei der ihnen anvertrauten Gemeinde durch weitgehende Eonzefsionen volksthümlich und beliebt. Die meisten Glaubensgenossen sind ja leider auf dem Gebiete der Religion Laien und setzen in die Autorität ihres Rabbinervolles Vertrauen, andere aber lullen ihr Gewissen gern mit der Ausrede ein: „Der Rabbiner hat eS ja erlaubt!" Diese Herren „Rabbinen" aber suchten sich bezw. ihre Ansichten und Entscheidungen durch einen Schild zu decken. Sie führten gegen die gut gewappneten Vertheidigerdealten unumstößlichenGesetzeS sophistische Gründe und Scheinbeweise ins Treffen, unlautere Waffen, die sie scheinbar aus der Rüstkammer des Talmuds hervorholten, indem sie mit aus dem Zusammenhangs gerissenen Sätzen den Angriffen zu pariren versuchten. Dann aber wagten sie für alle die so tief in das Fleisch des Judenthums einschneidenden, unter dem Namen „Reform" in dasselbe hineingetragenen fremden und irrigen Ideen die Autorität eines Mannes zu mißbrauchen, der, alles Andere als ein Neuerer und Umstürzler, im Gegentheil einer der treuesten Anhänger des überlieferten Judenthums gewesen ist. Viele mögen ja den Charakter dieses großen Mannes, Moses Mendelssohns nämlich, der ebenso ein Muster von Glaubensinnigkeit, wie von echt jüdischer Toleranz und Menschenliebe gewesen ist, aus eigener Engherzigkeit und Geistesarmuth nicht verstanden haben. Es ist ja kein Wunder, daß jene edle Persönlichkeit, die durch ihre Weisheit und Duldsamkeit selbst einen Lessing zu seinem unsterblichen Drama „Nathan der Weise" begeistert hat, von jenen falsch aufgefaßt worden ist, die in ihrem mit Oberflächlichkeit ihre» Wissen» gepaarten ehrgeizigenStrebersinn unv in hartnäckiger Neuerungssucht keinen Widerspruch ertragen konnten und Blitze ihre» unversöhnlichen Haffe» auf jeden schleuderten, der sich ihren Absichten widersetzt. Manche aber haben, da ihre eigene Autorität zu wenig imponirte, gegen besseres Wissm den Namen jene» Großen in Israel vorgeschoben und benutzt und diesem Manne Ansichten und Urtheile über das Judenthum und den Talmud imputirt, die, wie sein eigenes, streng gesetztreues und enthaltsames Leben zur Genüge dargethan hat, nimmermehr die seinen sein konnten. Trotz der schon von einem heidnischen Weisen ausgestellten Lehre der Moral Tov teSvijxota ßrj xaxoloyeiv d. h. von dem Todten nichts Unwahres zu benchten, benutzten diametral ihm gegenüberstehende Leute jenen frommen und unzweideutigen Anhänger deZ auf Sinai überlieferten Gesetzes, um ihrem lockeren Systeme Halt zu geben und ihrem verderblichen Wirken einigermaßen einen Schutz zu verleihen. So wurde die ne byzv min, die mündliche Lehre, die in Mischna und Gemara niedergelegt ist, als veraltet und mit den Ansichten der Jetztzeit unvereinbar erklärt, aber gleichzeitig der Jugend das religiöse Bewußtsein und jeglicher Halt dadurch geraubt, daß man sie nicht mehr, wie ehedem, einweihte in die ewigen und großen Lehren des göttlichen Gesetzes. Man setzte an die Stelle des tief eindringenden, die Schüler vergeistigenden und über das Niveau des Alltäglichen hoch erhebenden Thora-Studiums einen sogenannten Religionsunterricht, der durch Oberflächlichkeit, Flachheit und Hohlheit eher abstoßend als anziehend auf das in der Regel gut und hervorragend veranlagte jüdische Kind wirkte. Auch diese Art und Weise de» Unterrichten» paßte in den Plan der sogenannten „Reform-Rabbinen," denn dadurch, daß sie dem Volke alles Wissen entfremdeten, galten sie als die alleinigen Wächter des Gesetzes und konnten die ihrer „Seelsorge" anvertraute Heerde nunmehr nach ihrer Bequemlichkeit am Gängelbande dorthin leiten, wohin es ihnen bequem war, und ihnen angemessene „geistige" (?) Nahrung vorsetzen. So bildete sich ein dem Wesen des Judenthums völlig fremde Hierarchie. Hierdurch ist aber eine Zeit eingetreten, von der es in der Mischna, Tractat Sotha 9, 15 heißt: .n*nw «nn noxm ivxv' xton rrii man oneio nr»n „Die Weisheit der Schriftgelehrten wird verhaßt, die Gottesfürchtigen werden verachtet, und die Wahrheit wird vermißt!" Der weitaus größte Theil unserer heutigen Glaubensgenossen kennt kaum noch mehr als dem Namen nach unsere heilige Thora, und ihre Gesetze und Rechte sind ihnen fremd geworden. Durch die irrigen Ansichten, die sie sich naturgemäß zufolge ihres ihnen gewordenen Unterrichtgebildet haben, sind sie in den Wahn versetzt, als feien jene Anordnungen der mündlichen Lehre nur ein Menschenwerk, das nur allmählich ins Judenthum hineingetragen worden sei und mit dem Kerne desselben nichts zu thun habe. Haben sie doch von sogenannten „Rabbinen" oder ihren Geistlichen, wie sich diese Art Herren seit Anbruch der neuen Aera