Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 43 (2.6.1898)
- Date
- 1898-06-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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’fc'KlETX. gahrgoxg. M 48 Der Israelit. Ein Gentrak-Hrgan für das orthodoxe Iudenlhum Begriindet von Dr. ITe^tnamt in Ltt«tnr Donnerstag, den 2. Juni S858 (1888). Leitender Artikel. Die mündliche Lehre. Von Simon Frankfurter in Wesel. Es war Ende des vorigen Jahrhunderts, als durch die Proktamirung der Menschenrechte unseren Glaubensgenossen endlich das Morgenroth einer schöneren Zeit heranzubrechen schien. Sie hatten nun die Aussicht, von dem auf ihnen lastenden Drucke befreit und bald als vollgültige Bürger des Staates anerkannt zu werden, in dem sie geboren und erzogen worden, dessen Sprache die ihre war, dessen Pflichten sie gerne und freudig übten, und für dessen Wohl sie beteten. Die Hoffnung erfüllte sich in dem einen Lande mehr, in dem andern minder. Die Ghetti's öffneten sich, und menschenwürdigere Verhältnisse traten für unsere Glaubensgenossen ein. Aber von dem Augenblicke an, da sich für Israel die Thore des öffentlichen Lebens aufgethan hatten, entstanden neue Gelüste in ihm, und es gerieth auf Irrwege. Je mehr es der Freiheit theilhaftig wurde, umsomehr empfand es die heiligen Gesetze und Lehren, von denen es heißt: mw yvb ww’31 oant»n xn o. „Denn sie (die Thora) ist eure Weisheit und eure Vernunft in den Augen der Völker", als Hemmnisse und Hinternisse auf seinen Wegen. Wie schon beim Auszuge aus Egypten die Vorfahren angesichts der Wunder, die der Herr hatte für sie geschehen lassen, die Wohlthaten vergaßen, nachdem sie dieselben kaum genossen, und murrten und sich auflehnten; so hatte Israel auch jetzt wieder vergessen, daß Gott es gewesen, der die Herzen der Völker und Fürsten teuft, der sie auch jetzt von dem Drucke befreit hatte. Das göttliche Wort, welches ihr Schutz und Trost in der trübseligen Zeit der mittelalterlichen Finsterniß gewesen war, die unergründlich tiefe Lehre, der sie ihre Intelligenz verdanken, und vermöge deren sittlich stärkenden Inhalt sie sich, trotz der auf sie gehäuften Schmach, ihren moralischen Werth und ihre Geistesvorzüge erhalten hatten: dieses hohe, erhabene Gut betrachteten sie nun als eine Fessel, deren sie sich entledigen zu müssen glaubten, um die volle Freiheit zu erlangen. Und wie es zu allen Zeiten und bei allen Nationen Leute gegeben hat, die, durch Eitelkeit und Ehrgeiz angestachelt, darauf ausgingen, sich um jeden Preis einen Namen zu machen, und sich Mühe gaben der großen Menge zu imponiren, wenn sie selbst das Heiligste deßwegen antasten und Umwälzungen Hervorrufen mußten; so entstanden auch jetzt solche, die dem sogenannten Zeitgeist fröhnten und sich dadurch bei der Menge beliebt machen wollten. In pietätloser Weise zogen sie geg»m die alten, ehrwürdigen Traditionen und Sitten zu Felde, viele von diesen Umstürzlern waren jedes tieferen Wissens baar und täuschten das Volk mit leerem Phrasenkram — und setzten Haltloses und äußerliches Gepränge an die Stelle des Erhabenen und Werthvollen : D3VDK dtw sb 1X2 mpo B’Bnn. Neues, seit Kurzem Entstandenes, was die Vorfahren nicht gefürchtet — nicht gekannt hatten. Der eigenen, uralten Religion wurde das Eigenthümliche, Gemüthvolle genoinmen und dem Fremdartigen Concesnonen gemacht. Man beachtete nicht mehr jenes inhaltsvolle Thorawort: xi? nnxi v'2i o’i: „Du wirst vielen Völkern leihen, du selbst aber sollst nichts entleihen." Trotzdem sich unsere Thora als der seltene, vielbegehrte Schatz erwies, als der kostbare Schmuck, mit dem sich alle civilisirten Nationen zu zieren suchten, den alle, in Bewahrheitung und Erfüllung des Schriftwortes, zu entlehnen und sich zu eigen zu machen bemühten, verschmähten die eigentlichen Besitzer