Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 74 (20.9.1898)
- Date
- 1898-09-20
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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1383 Zeitungsnachrichten und Korrespondenzen. Deutschland. V. Berlin, 15. Sept. Anläßlich der stattgefundenen Einweihung der Svnagoge in der Lützowftraße dürfte es interessiren, daß Fürst Bismarck am 5. September 1866 der Einweihung der „neuen Synagoge" in der Oranienburgerstraße beigewohnt hat. Es erschienen mit ihm außer den städtischen Behörden unter Führung des Bürgermeisters Seidel die Minister v. d. Heydt, Mühler, Eulenburg, Feldmarschall Wrangel, General von Waldersee. Am folgende,! Tage besichtigte der Kronprinz in Begleitung Roon's und Moltke's das interessante Bauwerk, mit dem sich die jetzige erste in Berlin W. erbaute Synagoge Lützowstraße in architektonischer Beziehung nicht messen kann. Die jüngste Berliner Gemeindesynagoge ist ganz nach dem Muster der Synagoge Lindenstraße erbaut und enthält 1600 Sitzplätze. Die „neue Svnagoge" in der Oranienburgerstraße hat neun Mal den Besuch des Kronprinzen erhalten, der zumeist deutsche Fürsten, aber auch auswärtige Potentaten gerne „führte", wenn sie das im Bädeker mit einem Stern hervorgehobene Bauwerk besichtigten. Der jetzige Kaiser wohnte als Prinz Wilhelm mit dem Prinzen Heinrich dem Gottesdienst am 1. April 1874 bis zum Schlüsse bei. Die Trauerfeierlichkeiten für hervorragende Männer, wie für die Abgeordneten Kosch, Lasker, Stadtrath Magnus, denen der größte Theil der geistigen Elite Berlins beiwohnte, fanden stets in der Synagoge in der Oranienburgerftr. statt. B. Darmstadt. Am 26. August starb an einem Herzschlag im Atter von 72 Jahren der sehr verdienstvolle und in weiten Kreisen bekannte Schulmann, der kaiserliche Schuldirector a. D. Fiedler in Darmstadt. Früher war er Volksschullehrer in Viernheim bei Mannheim und einer der Mitbegründer des hessischen Landeslehrervereins. Seine Wirksamkeit auf landwirthschaftlichem Gebiete veranlaßte im Jahre 1871 seine Berufung als Lehrer an die neugegründete landwirthschaftliche Lehranstalt in Rufach im Oberelsaß, zu deren Direktor er später ernannt wurde und au der er eine Reihe von Jahren segensreich wirkte. Nach seiner Versetzung in den Ruhestand siedelte er nach Darmstadt über, wo er sich jedoch nicht beschaulicher Ruhe hingab, sondern sich eifrig an gemeinnützigen Bestrebungen betheiligte. So war er u. a. Vorsitzender des Volksbildungsvereins und Vorstandsmitglied des Gartenbauvereins, in dem er häufig Vorträge hielt. Ec war ein makelloser Charakter und ehrenhafter Mann, der aus seiner lieberalen Gesinnung niemals ein Hehl machte, weshalb er zur Zeit der Reaktion unter der Regierung Dalwigks vielfach zu l iden gehabt hatte. Fiedler ist auch in Wort und Schrift energisch zu Gunsten unserer Glaubensgenossen eingetretcn. Namentlich in Hessen hat sein Wort und Beispiel schön gewirkt. So hat er in der Bezirkslehrerversammlung zu Darmstadt am 17. Januar 1891 einen Vortrag gehalten über „die Antisemitenbewegung in Deutschland in ihren Ursachen und Folgen." (Erschien in Darmstadt b. H. Schmitt.) Darin heißt cs: „Deutsche Männer aller Bekenntnisse, täuschen wir uns nicht über den Ernst der Zeit- Die Todtengräber des religiösen Friedens sind zugleich die Todtengräber des deutschen Reichs. Und dieser Friede liegt schwer geschädigt darnieder. Die ersten Spatenstiche zum Grabe desselben sind bereits aufgeworfen Und schon stcht der Kondukt, der den Leichenzug des religiösen Friedens feierlich leiten möchte» marschbere'u an den Thoren des Vaterlandes. Wir können und dürfen nicht zugeben» daß das^ bereits angefangene Werk Vollendung findet. DaS auf den Schlacht felvern für Deutschlands Einheit und Größe geflossene Blut würde gegen uns znm Himmel um Rache schreien! Darum ist es Pflicht Aller, deren Väter, Brüder oder Söhne in den heiligen Kämpfen für Deutschlands Einheit gefallen sind; Aller, die in jenen furchtbarenKämpfen mit: gerungen haben; Aller, welche die Folgen der Antisemiten Bewegung zu überfchauen^vermögen, daß sie zusainmentreten, iim diesen verderblichen Ltrom in sichere Ufer einzudämmcn. Und wenn manche unter uns sein sollten, welche von ^nden Unbilligkeiten erfahren baden, so mögen sie das eige ie Weh vergessen gegenüber dein Unheil, welches der ganzen deutschen Bevölkerung vnrch einen Sieg der 'Antisemiten droht." Aus lauterem Herzen geboren, mögen diese Worte lautere Herzen gewinnen. Besser kann die Erinnerung an den edlen Mann nicht bewahrt werden! H. Siraßvnrg, i. E., 15. Sept. (Zur Ges chichte der Straßburge r Syllagogen.) Bei Betrachtung des Prachtbaus, der kürzlich seiner gottesdienstlichen Bestimmung übergeben wurde, schweift der Blick in die Vergangenheit zurück. Bekanntlich waren früher den Juden besondere, von denen der christlichen Bevölkerung streng geschiedene Stadttheile angewiesen. In Straßburg zeugt die „Judcngassc" davon, dort hatten ursprünglich die Inden ihre Synagoge und ihre Wohnungen. Bezeichnend ist es, daß diese Gasse im Jahre 1791 den Namen Eue de Droits de l’Homme (Straße der Menschenrechte) erhielt. Zu dem Hause Nr. 15 der Judengasse heißt es in Seyboth's „Das alte Straßbnrg": „Synagoge der man sprichet die Judenschule, und Hüser und Hofstatt die darzu gehörent, gelegen in Judengasse und stossent einseite an Bertolt Manssen Hus und Hof vornan und hindenan und ziehet vornan von des vorgenanten Bertolts Hus vür sich hin, das Ort (Ecke) hümmbe, untze hinden an das Gessclin, das do ist neben der Trinkstube zum Rippernantz." Dieser Hof, der noch 1772 unter dem Namen Judenbad vorkommt, ist wahrscheinlich