Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 74 (20.9.1898)
- Date
- 1898-09-20
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1382 - n:. p *9^+* genommen, und erscheinen sie auch meist unserem schwachen Denkvermögen mtr farblos, so sind doch ihre äußeren Umrisse treu nach der Wahrheit gezeichnet, und dadurch gegen jedes Bestreben nach Veränderung geschützt, gegen jedes Antasten vor Verfälschung gesichert. Dasselbe Verhältniß daher, welches zwischen Wesen und Bild überall besteht, daß nämlich von der Erhabenheit des Einen sich auf die des Andern schließen läßt, findet auch zwischen Gesetz und des ihm innewohnendett Begriffes, um desto sicherer statt. Wenn ich daher eines der göttlichen Gesetze zum Gegenstände unserer heutigen Betrachtung aufstelle, welches schon als solches in seiner äußeren Erscheinung, also als Bild, durch seine Erhabenheit unfern Sinn feffelt, so dürfte es wohl dem Begriffe entsprechend sein, wenn wir es versuchen, in diesem Spiegel noch ein erhabeneres umfangreicheres Bild zu zeigen, wohl wiffend, daß auch dieses nur ein schwacher Abdruck und nicht Wirklichkeit sei. Wer von Ihnen wäre nicht ergriffen von der Wirkung des heiligsten Tags im Jahr — des Versöhnuugstages; des Tages, an dem wir abgezogen von allem Irdischen, gewissermaßen nur in Gottes Heiligthum leben. Aber was wir von der erhebenden geistigen Wirkung dieses Tages kennen ist nur ein schwacher Schatten noch von derjenigen Wirkung, die hervorgebracht worden, zur Zeit, als Gottes Herrlichkeit noch in dem heiligen Tempel strahlte und der Hohepriester den Dienst darin ver richtete, nach der Vorschrift, welche mit folgenden Worten beginnt: „Der Ewige sprach zu Moscheh, nachdem die beiden Söhne Ahrons das Leben verloren, als sie nänllich vor den Ewigen hintraten und starben. Da sagte der Ewige zu Moscheh: Rede mit deiuem Bruder Ahron, daß er nicht zu jeder Zeit in das Heiligthum innerhalb des Vorhangs komme, nämlich vor den Deckel, welcher auf der Lade liegt, damit er nicht umkomnre, denn ich werde in einer Wolke über dem Deckel erscheinen. Mit Folgendem soll Ahron in das Heitigthum kommen, mit einem jungen Stier zum Sündenopfer und einem Widder zum Ganzenopfer. Einen Leibrock von Leinewand des Heiligthums soll er anziehen, und leinene Beinkleider an seinem Leibe haben, mit einem leinenen Gürtel sich umbinden und einen leinenen Bund sich aufsetzen; es sind heilige Kleider, daher soll er sich vorher baden, und sie dann anlegen." (3. B. M. 16, 1—4.) So beginnt die Vorschrift des heiligen Dienstes für diesen Tag, und die in ihrer Fortsetzung noch dahin lautet, daß, mit diesen heiligen Kleidern angethan der Hohepriester viermal ins innere Heiligthum trat, in welchem die Herrlichkeit des Allerhöchsten über der Bundeslade thronte. Zuerst mit einer Kohlenpfanne, auf deren heiliges Feuer er im Innern Räucherwerk streute, damit eine Welke von Weihrauchduft das innere Heiligthum füllte. Zum zweitenmale trat er alsdann mit denk Blute des Opferftiers ins Heiligthum, das Heiligthum zu sühnen, indem er von diesem Blute einmal gegen die Höhe des Deckels der Bundestade und siebetlmal unter demselben sprengte. Aus dem Heiligthum herausgetreten, und nachdem er durchs Loos den einen der beiden ganz gleichen Ziegenböcke bestimmt hatte, der, belastet mit den Sünden Israels, in einer Wüstenei dem Verderben preisgegeben ward, trat der Hohepriester mit dem Opferblute des andern zuur drittenmale ins Heiligthum, durch die nämlichen Besprengungen auch mit diesem Opfer das Heiligthum zu entsündigen. Und endlich, nach Vollführung aller diesem Tage besonders geweiheten Dienste, trat er zunr viertenmale ins Heiligthum, um die Pfanne des ausgebrannten Kohlenfeuers herauszutragen, wo er alsdann die heiligen Kleider auszog und sie für immer ablegte. Alle diese Vorschriften gehören nun zwar nur noch der geschichtlichen Vergangenheit, und der von uns noch erhofften Zukunft an, und scheinen für die Gegenwart bedeutungslos zu sein. Doch schon haben wir ja die göttlichen Vorschriften insgesammt den Lichtbildern verähnlicht, und zeigen diese ja den Abdruck der Wirklichkeit noch künftigen Geschlechtern, wenn diese auch längst schon geschwunden ist. Warum sollten wir jetzt in diesen Abdrücken nicht noch diejenige heilige Wirklichkeit erkennen und verehren, welche nicht geschwunden, sondern sich nur ins Dunkel gehüllt hat? Können wir daher auch nicht beurtheilen, ja nicht einmal vermuthen, was die göttliche erhabene Absicht bei Anordnung des Dienstes dieses Tags war, so können wir doch ahnen, daß ein Tag dazu bestimmt, den Sterblichen zu sich und zu seinem Schöpfer zurückzuführen, alles in sich vereinigen mußte, was geeignet war im Kleinen des Lebens Gesammtanschanung zu zeigen und zu versinnlichen. Und so sind auch für uns diese Anordnungen höchst bedeutungsvoll, da sie uns als Erinnerungszeichen dienen können, und vielleicht mit dazu angeordnet sein mochten, wie in den vier Perioden des Daseins, 1. in der Kindheit, 2. in der Jugend, 3. im Mannes- und 4. im Greisenalter der Sterbliche hienieden in Heiligung und Weihe vor Gott wandeln soll. (Schluß folgt.)