Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 41-42 (26.5.1898)
- Date
- 1898-05-26
- Page
- – (sequence 26)
- Language
- German
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776 Georg, der der Alien zunächst Stehende, dabet hob er drohend den Stock. „Pfui, schämt Euch," verwies die alte Frau, sich fester in ihr Tuch wickelnd. Ihr waren raufende Kinder stets ein Greuel, und mehr als einmal trat sie, Frieden stiftend, dazwischen. Aber heute predigte sie tauben Ohren. Sie erreichte nichts weiter, als daß sie verlacht wurde. Die Nutzlosigkeit ihrer wohlmeinenden Worte einsehend, humpelte sie ihres Weges weiter. Wirklich hatte der Verfolgte in der engen Gasse Versteck und Schutz bei Ludwig Thielen, seinem einzigen, treuen Freunde und Mitschüler gefunden. Die beiden Knaben befanden sich allein in der Wohnung. Ludwigs Mutter, eine arme Wäscherin, ging tagsüber ihrem Verdienst nach. Sie mußte sich, da ihr Gatte vor Jahren schon gestorben war, tüchtig rühren, um für ihr Kind und sich den Lebensunterhalt zu erwerben. Ludwig mar ein stramm gewachsener, breitschulvriger Bursche. Er überragte Alfred fast um Haupteslänge, obgleich er nur ein halbes Jahr älter war altz jener. Unschlüssig standen die Knaben in der niedrigen, ärmlich eingerichteten Stube horchend beieinander. Jetzt klangen die Worte „Feige Memme" au ibr Ohr. Alfred preßte die Lippen auseinander, während Ludwig ausbranfte: „Geh fort, Alfred — laß mich hinaus, ich — alle schlage ich sie über den Haufen, die erbärmlichen Wichte.- Gewaltsam schob rr den Freund beiseite und riß den Besen aus der Ecke. „Nein, nein, thu' es nicht", bat Alfred schreckensbleich. Mit bebenden Fingern umklammerte er Ludwigs Vertheidigungswaffe. „Was, sollen sie dich feige nennen!" flammte der junge Riese auf. „Wir sind zu zweien, jene über acht. Der Uebermacht darf man weichen. — Ihr Vorwurf der Feigheit verletzt mich nicht, er fällt auf sie selbst zurück ... Es gehört doch wenig Muth dazu, den für sie günstigen Kampf so begierig zu wünschen', erklärte Alfred besonnen. Dabei sah er den Aufgeregten so treu und herzlich bittend an, daß dieser nachgab. Mit einer unmuthigen Geberde warf Ludwig den Besen aus der Hand und murmelte kaum verständlich: „Ich allein trage die Schuld am ganzen Auftritt. Denn ich bin's gewesen, der es dem Lehrer gesagt, daß sie dich täglich verspotten und beschimpfen. Ich wollte oir damit einen Dienst erweisen und habe nur alles verschlimmert." Einige Augenblicke stand Ludwig in Nachdenken versunken. Noch immer tönten von draußen lärmende Knabenstimmen. Wieder begannen Ludwigs Augen zornig zu blitzen. „Komm", Hub er entschlosien an, „ich gehe zu ihnen. Wenn ich ihnen sage, daß nicht du, sondern ich der Anträger beim Lehrer war, dann fällt ihre Rache auf mich, und ich fürchte mich nicht vor ihnen. Dich lasten sie dann ruhig deiner Wege gehen." „Nie — nie leide ich das!" erwiederte Alfred leidenschaftlich. Er umschlang den Freund mit beiden Armen. Ludwig machte sich los und sagte halb belustigt, halb ernst: „Dann bleibt dir keine andere Wahl, als hier bei mir au^zuhalten. Auf jeden Fall wird dir das leichter wie jenen draußen", schloß er überzeugt, denn er wußte, wie gern der Freund stets bet ihm weilte. „Ach", klagte Alfred, „meine arme Mutter wird sich inzwischen zu Tode um mich ängstigen. Sie ist gewohnt, daß ich sonst direct von der Schule nach Hause komme." Ludwig sann und sann. „Ich weiß einen Ausweg!" rief er mit einem Male hoch erfreut. „Ich hole Bosco, euren Hund herbei." „Ja, wenn wir den hätten, dann fürchtete ich mich vor der ganzen Elaste nicht. Bosco zerrisse jeden in Stücke, der sich mir feindlich nahen würde", versicherte Alfred fest überzeugt. „Eben darum. Das Thier ist so klug und verständig. — Ich ineine, seitdem du ihn neulich aus dem brennenden Heuschuppen gerettet hast, wäre er noch viel anhänglicher an dich." „So?" lächelte Alfred nicht ohne Stolz. „Ganz gewiß", bekräftigte der andere. „Der gute Kerl ahnt vielleicht, daß du ihn mit eigener Lebensgefahr —" „O, o! mach' es nicht gar so schlinlm, Ludwig", unterbrach Alfred munter. „Jst's etwa nicht wahr? — Keiner der Feuerwehrleute wollte sich doch in den rauchgefüllten Stall wagen, als du —" „Die kannten eben den gefahrlosen Seileneingang des Gebäudes nicht und dachten auch vielleicht, Papa läge mehr an einigen geretteten Heubündeln, als an dem guten, treuen Hunde." „Und daß er mehr werth ist, das soll er jetzt beweisen. Ich laufe, in fünf Minuten bin ich mit Bosko wieder hier." „Aber vorsichtig, Ludwig. Nicht, daß Mama etwas davon merkt!" rief er dem Freunde noch in den schmalen, dunkeln Flur nach. Erleichtert athmete Alfred auf. Er freute sich nun fast auf das bevorstehende Scharmützel an der Seite Boscos und des Freundes. Kaum jedoch, daß er darüber nachdachte, da ging die Stubenthür auf und Ludwig kam zurück. „Da bin ich wieder!" rief er dem erstaunten Freunde entgegen. „Des Hundes Hülfe ist überflüssig geworden. Die Straße ist wie ausge-