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Der Israelit · 1898-05-26 · Heft 41-42 (26.5.1898) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
39 (1898)
Issue
Heft 41-42 (26.5.1898)
Date
1898-05-26
Page
– (sequence 7)
Language
German
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757 ™'’■•*'•' '"'*' :'-*i '/"^assp^^rAt^^;• -7-~, -VT ‘ durfte Hohenthal nicht stören und begab sich wieder auf die Straße. Wie im Traum wandelte er weiter, er sah keinen von den hastenden Menschen, die des Unglücklichen nicht achtend, an ihm vorübereilten. Hie und da blieb ein Bekannter, der den Rath gegrüßt hatte ohne eine Erwiederung zu empfangen verwundert stehen und schaute dem gedankenvoll, mit zusammengekniffenen Lippen Weiterschreitenden kopfschüttelnd nach. Jetzt begann Hohenthal schneller zu gehen. Er hatte einen Entschluß gefaßt. Er ging mit raschen Schritten bis zum nächsten Polizeirevier, das in der Mauerstraße lag. Dort stellte er sich dem fungierenden Polizeilieutenant vor und fragte, ob man ihm über die Persönlichkeit eines heute früh in einem Duell gefallenen Studenten nähere Auskunft geben könne. Es ergab sich, daß man auf dem Revier überhaupt noch nichts wußte. Doch rieth der Lieutenant dem Landgerichtsrath, im Schauhause nachzufragen. Die Leiche werde, wenn der Student hier keine Angehörigen besitze, gewiß dorthin gebracht worden sein und dort im Bureau werde man auch alles erfahren können, was über die Persönlichkeit des Todten eruiert worden sei. So machte sich Hohenthal auf den Weg zum Schauhaufe. Er dachte einen Augenblick daran, eine Droschke zu nehmen, stand aber alsbald wieder von diesem Entschlüsse ab. So sehr er nach Gewißheit lechzte, so war doch eine Stimme in ihm, die ihn zurückhielt. Die lauernde Angst verlangsamte unwillkürlich seinen Schritt. So war er fast eine Stunde in tiefer Selbstvergessenheit gegangen, als er vor dem niedrigen, langestreckten, düsteren Gebäude stand. Im Bureau, wo er sich vorstellte, wurde er von den Beamten mit der Nachricht empfangen, daß soeben von einem Polizeirevier im Westen die Nachricht eingegangen sei, es habe sich ein junger Mann Namens Hohenthal als der Gegner eines heute früh im Duell gefallenen Studenten gestellt. Ob er, der Landgerichtsrath, mit jenem Hohenthal verwandt sei? „Es ist mein Sohn!", hatte Hohenthal erwidert. „Ach?!" sagte der Beamte voll Theilnahme, „da führt Sie gewiß der Wunsch zu uns, sich nach dem Getödteten zu erkundigen?" „Allerdings", entgegnete der Rath, keines weiteren Wortes mächtig. „Ja", machte der Beamte achfelzuckend, „bir jetzt wissen wir über den jungen Mann sehr wenig. Es wurde nichts weiter als ein Brief, der wahrscheinlich von seinen Eltern herrührt, bei ihm gefunden. Der Briefbogen," setzte der Beamte unter einigen Papieren suchend, fort, „der Briefbogen trägt allerdings an der Spitze eine aufgedruckte Firma, wenn ich nicht irre, „Justizrath."-" Hohenthal zuckte zusammen. Das wäre möglich, fuhr es ihm durch den Sinn. Emil Schlesinger hätte also auch Carriere gemacht! Wie lange doch der Beamte brauchte, bis er den Brief herausfand. Hohenthal zitterte. Jetzt kommt das entscheidende Wort — jetzt — da hält er einen kleinen, eingeschriebenen Bogen fest und blickt oben links auf den Stand. —- „Emil Schlesinger, Justizrath in Frankfurt am Main.-" Hohenthal griff krampfhaft nach der Lehne eines Stuhles, der in seiner Nähe stand. „Es greift Sie stark an", fuhr der Beamte fort, als er gelesen hatte und, aufblickend, die zuckende Bewegung Hohenthal-, sowie sein todtenblaffes Aussehen gewahrte, „darf ich Ihnen, Herr Rath, ein GlaS Wasser bringen?" „Bitte", erwiederte Hohenthal schwach. Der Beamte brachte Wasser, aber der Rath nippte nur an dem Glase. „Hat man", fragte er stockend, mit umflorter Stimme, „hat man — dem Vater — bereits —?" „Ist alles bestens besorgt", beruhigte der Beamte, „die Herren, welche hier waren und den Toten begleiteten, übernahmen die Aufgabe, den Vater zu benachrichtigen und seine Hierherkunft zu wünschen!" „Und — er kommt?" forschte Hohenthal weiter. „Es thut mir leid, darüber keine Auskunft geben zu können", erwiederte der Beamte achselzuckend." „Kann ich den Toten sehen," fuhr Hohenthal plötzlich auf. „Gewiß! Aber ob es Sie nicht zu stark angreifen wird?" „Bitte führen Sie mich hin," erwiederte Hohenthal, ohne den Einwand des Beamten zu beachten. Wenige Minuten später starrte der Landgerichtsrath Hohenthal in das fahle Antlitz Ludwig Schlesingers. Die Aehnlichkeit des Tolen mit dem Bilde, das er von dem Jugendfreund in sich trug, war unverkennbar. Es war unwiderruflich: Kurt hatte den Sohn des Jugendfreundes gelötet. In diesen Augenblicken, an der Leiche des bedauernswerthen Jünglings, büßte Hohenthal ein gut Theil der Schuld, die er auf sich geladen, ehrlich ab. Das Bild des Jugendfreundes trat hier angesichts des gelöteten Sohnes mit einer Deutlichkeit vor seine Seele, als sei er erst gestern mit ihm durchZfdie schmalen Gassen Heidelberg'» gewandert. Er sah ihn vor sich, wie er ihn, den nach der Taufe lüsternen, an das Elternhaus, an die gemeinsame Heimath erinnerte, er sah noch die stille Thräne, die gleich einem perlenden Thautropfen über seine Wange lief. Die Thräne hatte Schlesinger dem abfallenden Freunde nachgeweint, und jetzt — nach Jahrzehnten — hatte derselbe Freund dem getreuen Eckart aus der Jugend-

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