Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 41-42 (26.5.1898)
- Date
- 1898-05-26
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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756 Gprechsaal. Nochmals AUS Güddeutschland- Der in No. 33 ds. Bl. enthaltene Artikel ^Khilleleben auf dem Lande" hat eine Entgegnung gefunden, die wir am allerwenigsten vermuthet hätten. Derselbe wird auf eine bestimmte Gemeinde bezogen. während er doch ganz allgemein gehalten ist. Gerade darin erblicken wir aber daS Anstößige, daß die religiösen Institutionen sämtlicher jüd. Gemeinden Süddeutschlands abfällig kritisirt werden- In liebloser Weise wird da in erster Linie über die Schule, dem AllerweltSprügelknaben, geurtheitt. Nur leere Phrasen, unnützes Zeug, hohler Gedächtniskram soll es sein, das den Schülern in möglichst kurzer Zeit eingedrillt wird. Wo. mein lieber Herr, frage ich Sie, haben Sie denn, Ihre reiche Erfahrungen gesammelt, auf Grund deren Sie Ihr hartes Urtheil zu fällen sich berechtigt und gezwungen, fühlten? Haben Sie etwa ganz Süddeutschland, also auch alle jüd Landgemeinden Bayerns oder auch nur Untersrankens bereist und deren Schulen einer gründlichen Visitation unterzogen? Bitte kommen Sie doch einmal zu uns; es soll Ihnen gezeigt werden, daß unsre Schüler auch in tfDin, rDsn, D*7nh, >70v rc. rc. unterrichtet sind und über relig. Vorschriften und Gebräuche gründlich Bescheid zu geben wissen. — Wenn man Ihren Artikel liest könnte man meinen, in unseren Landgemeinden herrsche ein vollständiger religiöser Verfall. Die Kleinen wachsen ohne gründlichen fruchtbringenden Unterricht auf, die Gemeinden selbst seien nyn DH7 ]’N hk ]syD, kurz, Sie lassen vor unserem geistigen „Auge" ein Bild erstehen, das, wenn es der Wirklichkeit entspräche, geeignet wäre, unser Herz mit Sorge und Wehmuth zu erfüllen. G. s. D. sieht es aber im Ganzen und Großen nicht so traurig aus, wie Sie, geehrter Herr, mit Ihrem scharfen Kritikerblick zu schauen vermeinten. Die Mehrzahl wenigstens der bayer. Landgemeinden steht auf dem Boden des wahren Judenthumtz; Rabbiner und Lehrer thuen ihre Schuldigkeit, ein religiöses und sittl. starkes Geschlecht heranzuziehen. — Ihnen aber, mein geehrter Herr Weltverbesserer, seien zum Schlüsse die Worte zugerusen: nnn ü’DDfl. Vermischtes. Posen AuS Anlaß seines 70. Geburtstages hat der Rentier Nathan Bernstein. Berlin, seine Vaterstadt Posen mit recht bedeutenden Spenden bedacht. 15 000 Mark schenkte er der Stadt. Die Zinsen dieses Kapitals sollen alljährlich an städtische Arme ohne Unterschied der Konfession und Nationalität vertheilt werden. Ferner spendete er dem Verein junger Kaufleute zum Bau eines Vereinshauses 10 000 M. My-lowitz, 24. Mai. Hier starb im Alter von 8t Jahren der pensionirte Rabbiner Dr. I a f f e. Die Beerdigung fand am Sonntag statt. Die Rabbiner Dr. Cohn aus Kattowitz, Dr. Kopfstein aus Beuthen und Dr. Münz aus Glaiwitz hielten Trauerreden. Plesche« Dieser Tage hielt der Rabbiner Dr. Königsberger aus Pafewalk in der hiesigen Synagoge eine Probepredigt. Dieselbe fand allgemeinen Beifall, so daß Vorstand und Repräsentantenversammlung der israelitischen Gemeinde in einer heutigen gemeinsamen Sitzung den einstimmigen Beschluß faßten, Herrn Dr. Königsberger die vakante Rabbinerstelle zu übertragen. Wiep. Die letzte stattgehabte Generalversammlung des Oest-Ung. Eantorenvereins hat Herrn Obercantor Jsaac Heymann in Amsterdam in Würdigung seines vielfach bekannten collegialen Wohlthätigkeitssinnes und in Anerkennung stiyer Verdienste um die Förderung der Interessen des Eantorenvereins, einstimmig zum Ehrennritgliede ernannt. Feuilleton. Der Väter Schuld. Erzählung aus der Gegenwart. Von 22) —~ Arnold Monn. ' ' (Nachdruck verboten.) Als er auf der Straße angekommen war, ward sein ganzes Innere sofort eine hilflose Beute der furchtbaren Ahnung, die er oben bei der Nennung des Namens „Schlesinger" nur mit Mühe niedergekämpft hatte. Wenn es wäre! Wenn es sein Sohn wäre! Wenn der grausame Zufall fo schrecklich gewaltet hätte! Der Rath schauderte bei diesem Gedanken, und doch rief eine Stimme in seinem Innern deutlich und vernehmbar: „Er ist's, er ist's. Das Maß meiner Leiden wäre nicht voll, wenn nicht auch diese schreckliche Möglichkeit zur schrecklicheren Gewißheit würde." Und als sähe er bereits den todten Sohn des Jugendfreundes vor sich, murmelten seine Lippen: „O, Gott, o, Gott, warum strafst Du mich so hart?" Was wollte er denn eigentlich auf der Straße? Wozu hatte er denn das Haus verlassen? Ja, um allein zu sein, unbemerkt von den spähenden Blicken der besorgten Gattin, um sich ganz in selbstquälerischem Grübeln seinen Gedanken hingeben zu können, die jetzt wie mörderische Feinde auf ihn einstürmten! So ging er jetzt, in sich versunken, wankenden Schrittes die Potsdamerstraße entlang. Plötzlich empfand er das brennende Bedürfniß, sich jemanden mitzutheilen, sich mit jemanden auszusprechen, in hörbare Worte zu kleiden, was jetzt so furchtbar in ihm tobte, irr ihm rang und kämpfte! Da fiel ihm der Sanitätsrath ein. Der vortreffliche Mann war ja der einzige, dem er sich anvertraut hatte, der ihm mit opfervoller Hilfsbereitschaft zur Seite gestanden und ihm den Sohn wieder zurückgeführt. Den Sohn! O, wie hatte sein Vaterherz diesem Tage entgegengejubelt, wie hatte er sich heute früh von feinem Lager erhoben, gestärkt und gekräftigt und völlig gesundet. — Und jetzt — er fühlte deutlich, daß der tödtliche Feind eifriger den je an seinem Innersten zerrte; der erwartete Freudentag war ein Tag des Schreckens geworden. Der Sohn, den er zu neuem, schönerem Wirken an das beglückte Vaterherz zu schließen gedachte, als ein Mörder war er in'S Elternhaus zurückgekehrt, ja, als ein Mörder — und — und als ein Mörder weffen-?? Der Rath hatte oben bei Ehrenberg nachgefragt. Der Arzt hatte gerade Sprechstunde. Da wollte und