Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 40 (23.5.1898)
- Date
- 1898-05-23
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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745 bei offener Scene stürmischer Beifall laut. Er galt aber nicht der Tendenz de- Stückes, sondern den Darstellern." Es ist Lesstngs „Nathan der Weise", von dem mit solchen Worten gesprochen wird, und zwar in der „Kreuz-Zeitung". Vielleicht kreuzigen die KreuzzeiiungS-Männer die Männer, die anderer Meinung sind? So einen gewissen Göthe, einen gewissen Treitschke. Wie Goethe über diese Frage dachte, geht aus folgendem Ausspruch Goethes hervor: „Möge doch die bekannte Erzählung, glücklich dargestellt, das deutsche Publikum auf ewige Zeiten erinnern, daß es nicht nur berufen wird, um zu schauen, sondern auch um zu hören und zu vernehmen! Möge zugleich das darin ausgesprochene göttlicheDuldungs- und Schott ungsgefühl heilig und werth bleiben!" Und Treitschke, den die „Kreuzztg." gewiß preist und als Autorität anführt, schreibt in seinen historischen und politischen Aufsätzen (I. S. 618) mit Bezug auf Lessings „Nrthan" und auf die Verhältnisse, aus denen diese Dichtung herausqewrchsen ist: „Auch diese Dichtung, welche diesen Kämpfen entsproß, ragt hinaus, über das Verständniß seiner, und, soll ich nicht auch sagen — unserer Zeit. Denn wohl in tausend Herzen lebt jenes Evangelium der Duldung Nathan des Weisen. Aber vor diesem Werke am schmerzlichsten empfinden wir, daß die besten Männer unseres Volkes Helden des Geistes waren; hier gerade thut sich vor uns auf eine unselige Kluft zwischen den Gedanken unseres Volkes und seinem politischen Zustand. Erst wenn die Ideen des „Nathan" in unserer Gesetzgebung sichvollständig verkörpert haben, dann erst dürfen wir uns rühm.en, in einer gesitteten Zeit zu leben." O e st e r r.- u n g a r. Monarch: e. Prag, 17. Mai. (Ein antisemitischer „R e d a c 1 e u r.") Aus dem Advokatenschreiber Franz Struogal aus Kladno wurde über Nacht ein großer Herr — er wurde „Eigenthümer, Herausgeber und Chefredacteur der czechifch-antisemitischen Zeitschrift „Listy z. Prahy“. Er kündigte den Kampf gegen das „betrügerische und corrupte Judenthum" an und predigte mit Emphase die Beobachtung des „Sevuj k. sv6mu“ gegen alle Nichtarier. Die „Listy z. Prahy“, von welchen blos vierzehn Nummer das Licht der Welt erblickten, darunter einige mit dem Vermerk „ConfiScirt", strotzten von allerei „Picanterien." Das Unternehmen schien zu proSperiren, der Herr Redacteur wenigstens lebte sehr gut. Ein Staab von Berichterstattern, Administratoren, Expeditoren, Comptoiristen, Manipulantinnen u. s. w. stand unter seiner Oberleitung. Bald aber zeigte es sick, daß er alle diese Leute nur engagirt, um deren Eautionen einzustecken und für sich zu verwenden. Auf diese Weise brachte der Herr Redakteur rund 0000 ff. an sich. Die Sicherheitsbehörde machte dem Treiben des Weltbeglückers ein Ende und brachte ihn hinter Schloß und Riegel. Heute sprachen die Geschworenen ihr Verdict, auf Grund dessen Strougal, 36 Jahre alt und verheirathet, wegen Betruges zu drei Jahren schweren, mit Fasten verschärften Kerkers verurtheilt wurde, 'n rmr p. M. Reiser, Rabbiner in Neuern. Belgien. Brüssel. In dem Leitartikel der Nummer 37 des „Israelit" überschrieben „Eonsistorialherrschaft in Elsaß-Lothringen", geißelt der Verfasser die Consistorial-Einrichtung im Allgemeinen und das Gebühren des Metzer Consiftoriums im Besonderen. Ein dem „Forbacher" ähnlicher Fall, aber nicht von derselben Tragweite, ereignete sich vor vielen Jahren in Brüssel. Es wurde mir erzählt, daß ein der konservativen Richtung angehöriges Gemeinde- Mitglied bei Gelegenheit der Berheirathung feiner Tochter die Bitte an da» Consistorium richtete, dem Rabbiner zu gestatten, den Trauakt in der Behausung des Vaters der Braut vorzunehmen, da der Bräutigam nicht in einer Orgelsynagoge getraut werden wolle. Es soll übrigens im betreffenden Hause eine Privatsynagoge bestehen — die Bitte wurde abgeschlagen. Vierzehn Tage später wurde ein ähnliche- Gesuch an das Consistorium gestellt. Der Bittsteller soll ebenfalls der conservativen Richtung angehört haben, der Bräutigam jedoch der atheistischen — der überhaupt nicht religiös getraut werden wollte — ihm wurde die Bitte gewährt. Der Rabbiner vollzog den Trauakt in einem Privathause. Intoleranz nach rechts und Liebäugeln nach links. In der Nummer 33 berichten Sie über zwei Gesuche, welche in der am 17. April stattgehabten Gemeindeversammlung vorgebracht worden seien — Gemeindeversammlung ist eigentlich hier ein ungeeigneter Ausdruck, da nur einige Mitglieder der Gemeinde-Verwaltungtn und sage vier Beitragspflichtige ohne Mandat anwesend waren — Wiederherrrchtung der israelitischen Gemeindeschule und Einführung von Conferenzen religiösen Inhalte-. Beide Gesuche wurden vom Consistorium abschläglrch beschießen. Auf das erste Gesuch, das auf das Wärmste vom Antragsteller empfohlen und nach allen Seiten beleuchtet wurde, wurde mit einer an Anmaßung grenzenden Unverfrorenheit erklärt, daß das Consistorium ein entschiedener Gegner confessioneller Schulen sei, nicht bedenkend, daß die jüdischen Kinder nichts destoweniger gezwungen sind, konfessionelle Schulen zu besuchen, nämlich die öffentlichen, welche aber in der That nach dem Gesetz konfessionell sind; nur find sie nicht jüdisch, sondern katholisch. Der Herr, der im Namen des Consistoriumdiese unheilschwangere Erklärung abgab, glaubt nichtsdestoweniger selbstgcfällig ein guter Jude zu sein.