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Der Israelit · 1898-05-23 · Heft 40 (23.5.1898) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
39 (1898)
Issue
Heft 40 (23.5.1898)
Date
1898-05-23
Page
– (sequence 2)
Language
German
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736 PP Das Buch zerfällt in vier Abschnitte: 1. Das Revolutionsaller, 2. Reaktion, 3. Neues Leben, 4. Politische Wandelungen. Der dritte Abschnitt ist eS, der vorwiegend unser Interesse in Anspruch nimmt. Die große Revolution, die alle Verhältnisse gründlich umgewandelt hat, ist nicht spurlos an der Judenheit vorübergegangen. Hier regte sich mit den ersten Freiheitsstrahlen, die in die Unfreiheit der Ghetti drangen, das Bedürfniß nach Umgestaltung alles Bisherigen, aus der einen Seite, während man aus der andern Seite nur um so zäher am Bisherigen festhalten zu müssen glaubte, als man die kleinste Aenderung als den Anfang der Auflösung fürchten zu müssen meinte. Diese Furcht mußte um so begründeter erscheinen, als in Berlin mit der ersten Annäherung der Christen an die Juden ein eklatanter Abfall eintrat; man emancipirte sich vom Judenthum, man ging mit fliegender Fahne in das christliche Lager über. So fand das neue Jahrhundert bei seinem Anfänge zwei Parteien, die sich stark befehdeten. Die Reform etablirte sich auf deutschem Boden, das Judenthum wurde aus den Häusern hinaus in die Tempel gewiesen, die in den Formen des christlichen Cultus das Judenthum conserviren und den neu ausgebrochenen Judenhaß zum Schweigen bringen sollten. Fast wäre man versucht das Verfahren eine homöopatische Kur zu nennen. Im Hamburger Tempel ertönte die Orgel, Frauenchöre begleiteten den Gottesdienst, und wie hat diese Neuerung das Judenthum gehoben? Selbst ein Heine konnte für diesen „mosaikartigen" Tempeldienst nichts anderes als Spott übrig haben, und dies war doch schon nach Verlauf einer solchen Zeit, in der man sich schon ein Urtheil hätte bilden können. In Berlin selbst war man so blasirt, daß die Gründung eines Kulturvereins selbst bei den Anhängern der Richtung, die die Gründer vertraten, Fiasko machte und die von Zunz ins Leben gerufene „Zeitschrift für die Wissenschaft des Judenthums" nach einjährigem Bestände einging. Freilich waren auch die Männer, die Zunz zu seinen Mitarbeitern sich erwählt, nicht dazu angethan, in dem Kampfe der Meinungen das Judenthum glücklich zu vertheidigen und ihm als Stütze zu dienen, nicht einmal ein reformirtes Judenthum zu kräftigen. Der einzige Mann, der trotz seines Standpunktes auf dem Boden der Reform durch seine aus seinen Studien geschöpfte Liebe zum Judenthum und seiner Literatur, dieser Achtung zu erringen geeignet war, der durch sein ausgebreitetes Wissen imponirte, war Leopold Zunz. Sein Einfluß ist auch geblieben, sein bahnbrechendes Genie wirkt heute noch mächtig selbst bei denen, welche in religiöser Beziehung einen ihm entgegengesetzten Standpunkt einnehmen. Woher kommt dies? Nicht allein die Resultate seiner Forschungen, die ja nicht immer unanfechtbar sind, haben diesen Einfluß -bewirkt, es ist die hohe Achtung und Verehrung, mit welcher er an die nachbiblische Literatur, die den Helden der Reform zumeist ein Gegenstand der Geringschätzung war, herantritt. Er lehrte vor den Erzeugnissen unseres talmudischen Schriftthums Achtung haben, und dies war es, was seinen Forschungen die Richtung gebende Wirkung verschaffte. Sehen wir dagegen seine Mitarbeiter an. Ein Lazarus Bendavid, ein Heißsporn, der Sinn für Bildung und Wisienschaft erwecken wollte, indem er mit rauher Hand den pietätvollen Messiasglauben zu zerstören suchte, konnte die Reformpartei, oie diesen schön längst abgcthan, nicht gewinnen und mußte diejenigen Frommen, die Bildung, aber nicht für Preisgebung ihres Judenthums, wollten, zurückstoßen. Und Eduard Gans — mit welcher Wärme er dem Judenthume zugethan sein konnte, beweist ja der Mannesmuth, den er durch die Taufe bezeugte, die ihm eine Staatsanstellung einbrachte. Hier setzen nun die Betrachtungen ein, die unter der Ueberschrift „Neues Leben" den Fortgang der Geschichte der deutschen Judenheit darstellen. Wenn wir aber diesen Abschnitt lesen, so wird uns immer mehr zur Gewißheit, was wir bis dahin nur vermuthen zu muffen glaubten, daß der Vers, nämlich trotz mancher Seitenhiebe auf die Reform, doch allein diese und ihre Helden verherrlichen will, daß er nicht über „Juden und Judenthum", sondern über das Reformjudenthum schreibt. Daß er Rapoport und Luzzatto ihre Bedeutung läßt, mildert nichts an dem Vorwurfe, den wir dem Verf. zu machen haben, daß der Titel des Buches mehr verspricht, als es hält und, daß durch Voreingenommenheit das Urtheil getrübt ist. So erhält Sachs eine Note, die man als „ziemlich befriedigend" bezeichnen könnte; er sei ein vorzüglicher Kanzelredner gewesen, der auch Andersdenkende habe hinreißen können, ein Mann von hoher klassischer Bildung, eine vornehme Natur u. s. w. Aber seine wissenschaftliche Bedeutung sei von seinen Anhängern überschätzt worden, nur seine philologischen Leistungen auf dem Gebiete des jüdischen Schriftthums seien von Bedeutung, aber „das umfassende tiefere theologische Wiffen, um sich in Berlin bei den talmudischen Gelehrten alten Schlages in Respekt zu setzen," habe ihm gefehlt. Darum sei seine Stellung von Anfang an eine schwierige gewesen, man habe in ihm nur den großen Kanzelredner geachtet und sich dann gewöhnt das Rabbineramt von dem des Predigers zu trennen. Darum habe er nach keiner Seite wirksamen Einfluß üben können. Daß der Einfluß Sachs nicht so am Tage liegt, ist sicher, daß er aber mehr Einfluß geübt hat, als all- >

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