Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 39 (18.5.1898)
- Date
- 1898-05-18
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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718 von innerer Wärme durchdrungenen Rede die Bedeutung Schapiras als Gelehrter, als Mensch und als Jude. Er gab in kurzen Worten eine vorzügliche Schilderung seines Charakters, seines Wesens und Schaffens und beklagte den großen Verlust, den das Judenthum und die Wissenschaft erlitten haben. Am Grabe legte Herr Professor Dr. Leffmann aus Heidelberg, der treue Freund des Verstorbenen, im Namem der Heidelberger Universität und der Kollegen einen prächtigen Kranz nieder und nahm in rührenden Worten Abschied. Kränze legten auch nieder unter kurzen Ansprachen ein Vertreter des „Mathematischen Vereins" in Heidelberg und einige akademische Freunde aus Süddeutschland. Dann ergriff das Wort Herr Rechtsanwalt Dr. Bodenheimer im Namen der „Zionistischen Vereinigung für Deutschland" und schilderte in einer längeren warmen Rede die Verdienste des Verblichenen um die zionistische Bewegung. Die Hoffnung auf die Befreiung der Judenheit von äußerem Elend und innerer Schmach sei der höchste Trost Schapiras gewesen und mit dem Eifer eines Jünglings sei er für Alles eingetreten, was die Judenheit sittlich, geistig und sozial zu heben berufen ist. Herr David Wolffsohn aus Köln sprach im Namen des Wiener Aktionskomitees und gab in bewegten Worten der tiefen Trauer Ausdruck, die alle Zionsfreunde über den Verlust dieses treuen Mitkämpfers empfinden. Das jüdische Volk windet seinen Söhnen keine Kränze, aber es wird stets dem eben der Erde übergebenen Manne Dank zollen für sein Wollen und Wirken. Die Reihen der Reden schloß Herr Studiosus Epstein aus Heidelberg, der im Namen des zionistischen Studentenvereins „Ben-David", deffen Gründer Prof. Schapira war, dem Verstorbenen in einem klassischen Hebräisch den letzten Abschiedsgruß bot. Schapira war einer von denjenigen wenigen Männern, die alle Phantastereien des Zionismus preiszugeben bereit waren, nur um den Namen der Bewegung zu retten. Er war daher auch einer der sympathischsten Erscheinungen auf den vielen Congrefsen und Congreßchen, die in jüngster Zeit in Süddeutschland abgehalten wurden. 112 Viersen, 17. Mai. Die „Köln. Volks-Ztg." schreibt: Nach dem Vorgänge von Rheydt hat nun auch das hiesige Stadtverordneten - Collegium bcschloffen, den christlichen Metzgern das Schächten ganz zu untersagen und es den jüdischen Metzgern nur für je ein Stück Großvieh und ein Stück Kleinvieh wöchentlich zu gestatten. Von christlichen Metzgern wurde das Schächten so stark betrieben, daß im letztverfloffenen Monat ein Viertel des im Schlachthofe geschlachteten Großviehes geschächtet wurde, was zu der Bovölkerungszahl der hiesigen Juden, welche neben 22,800 Christen nur 123 beträgt, in gar keinem Verhältniß steht. (Wir kommen auf diese tieftraurige Angelegenheit noch zurück. Red. d. Jsr.) Oldenburg. Das Lehrer - Pensionsgesetz ist endlich trotz heftiger Gegenagitation vom Jüdischen Landesgemeinde-Rath endgiltig auch in zweiter Lesung angenommen worden und hat die Bestätigung der Großherzoglichen Staatsregierung erhalten. Das Gesetz war am 9. Januar an eine Commission verwiesen worden und kam am 15. Mai in der Sitzung des Jüdischen LandeSgemeinde-Rathes zur endgiltigen glücklichen Entscheidung. Der JüdischeLandesgemeinde- Rath, besonoers sein Vorsitzender Herr Landrabbiner Dr. Mannheimer, hat sich von Neuem dem Lehrerstande in wohlwollender Weise gezeigt, indem er unbeirrt dasjenige vertrat, was Recht und Billigkeit fordert. Auch die Anstellung eines Wanderlehrers für die Zerstreut liegenden kleinen Gemeinden wurde beschlossen. Oe st er r.-Ungar. Monarchie. W. Wien, 16. Mai. Die Fortschrittspartei des Gemeinderathes verlangte die zwei erleoigten Stadtrathmandate. Der Antisemitenklub erklärte sich schriftlich bereit, diesbezüglich zu paktiren, will jedoch darauf bestehen, daß kein Jude als Kandidat aufgestellt werde. Diese Bedingung sei acceptabel, wird höhnend hinzugesügt, weil die Fortschritlichen in der letzten Wahlkampagne ein Kompromiß mit den Schönerianern abgeschloffen hatten, deren Programm ebenfalls den Ausschluß der Juden von allen öffentlichen Aemtern enthält. A. Budapest, 9. Mai. Ein neuer Retter und Helfer ist dem Antisemitismus erstanden — in dem „jüdischen" Abgeordneten Dr. Edmund Barta. Ja, so erstaunlich es klingt, ein Jude, der sich sein Mandat von den Juden seiner engeren Heimath erbettelte, hat im Abgeordnetenhause eine Rede verübt, welche ihm den frenetischen Jubel der offenen und verkappten Antisemiten einbrachte. Er entblödete sich nicht zu erklären: „Ich kann es nur bestätigen, was der Abgeordnete Buzath in seiner letzten Rede behauptet hat: die Orthodoxie ist der Kultur, bei uns sogar dem nationalen Staatsgedanken spinnefeind. Es ist wahr, daß die Orthodoxen mit großer Beharrlichkeit der ungarischen Kultur widerstehen." — So sprach ein „jüdischer" Abgeordneter im Plenum des ungarischen Abgeordnetenhauses! Um den ganzen Widersinn seiner Verleumdung zu kennzeichnen, genügt es, auf den vom Kultus- und Unterrichtsministerium veröffentlichten Bericht über das ungarische Schulwesen hinzuweisen, welcher ergiebt, daß von den 528 jüdischen Volksschulen mehr als die Hälfte von orthodoxen Kultusgemeinden erhalten werden, daß von sechs jüdischen Bürgerschulen vier in orthodoxen Gemeinden bestehen, daß alle Mittelschulen und die! Hochschulen Kinder orthodoxer Eltern zählen. Und