Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 39 (18.5.1898)
- Date
- 1898-05-18
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2446951-2448857-2448894--46010-2496388- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
717 „Das Gesetz über die religiöse Freiheit ist nach Maßgabe der von den Ständen erfolgten Annahme unterm 2. August vorigen Jahres verkündet worden." Damit war die Emancipation der Juden in Hessen gesetzlich sanktionirt und verkündet. Wir haben versucht, unter Benützung aller verfügbaren Quellen die Geschichte jener denkwürdigen Zeit festzustellen, welche den jüdischen Staatsangehörigen Hessens die Menschen- und Staatsbürgerrechte verliehen hatte. Wir haben die Kämpfe kennen gelernt, welche begeisterte Glaubensgenossen in der Presse für die heilige Sache geführt haben, wir haben die gerechten Kundgebungen bewundert, womit edle, wahrhaft freisinnige Volksvertreter vor 50 Jahren in der hessischen Kammer, durchglüht von Menschlichkeit und Gerechtigkeit, den Sieg der guten Sache, die Emancipation der Juden herbeiführten. Ehrenvoll und unvergessen bleibt das Andenken aller dieser wackeren Kämpfer! Inmitten des Hochgefühls dieser Erinnerung klingt es wie eine Ironie des Schicksals, wenn heute, also im 50. Jubiläumsjahr solcher Heiligung der Sache der Wahrheit, solch herrlicher Ovationen in derselben Kammer einige Abgeordnete sitzen, welche den Raffenhaß und mittelalterliche Religionsverfolgung auf ihr Programm gesetzt haben, oder innerhalb einer großen Partei sich Vorgänge abspielen, welche nicht von jener erhabenen Toleranz zeugen, welche vor 50 Jahren solch herrliches Ergebniß gezeitigt hat! Sollte man da wirklich an den Fortschritt der Kultur, an den Sieg der Freiheit — an eine völlige Emancipation glauben? Allein lassen wir uns das Vertrauen aus den einstigen Triumph der wirklich gerechten Sache nicht stören! Wohl können die idealen Güter zeitweise gehemmt werden, unterdrückt jedoch niemals. Die Kultur schreitet siegreich vorwärts, wohl manchmal unter Wellenbewegungen, aber sie dringt dennoch vor! „Die Weltgeschichte ist das Weltgericht!" Niemals hat sich diese Wahrheit glänzender offenbart, als in der Geschichte der Emancipation der Juden. Alle Vorurtheile, Zurücksetzungen und Demüthigungen mußten weichen, trotz Kampf und Haß durch die Macht der Humanität und Aufklärung. Freuen wir uns dieses Erfolges, aber hüten wir sorgfältig diese Rechte durch ein vollkommenes Menschenthum. Staatlich und sozial, moralisch und rechtlich sei unser Leben im Handel und Wandel rein und lauter, stets folgend dem Gebote der Pflicht, dem Laut des Gesetzes und der Stimme des Gewissens. Wenn auch heute trotz der erworbenen Rechte die völlige Emancipation nicht durchgeführt ist, Haß, Neid und Verfolgungssucht sich lauter als früher erheben, um den ruhig lebenden und friedlich strebenden Juden zurückzusetzen in die Zeit mittelalterlichen Druckes, und durch Angriffe aus sein Bewußtsein von der Erhabenheit seines Glaubens sein seelisches Empfinden zu verletzen, so soll uns dies die Liebe zur Religion und zur Menschheit nicht trüben. „Nicht mit zu hassen, mit zu lieben sind wir da!" Durch Bescheidenheit im Auftreten und in der Lebensführung begegnen wir dem Neid und Spott, wie durch strengste Rechtlichkeit im Handel, durch Lauterkeit des Charakters dem Vorurtheil und der inhumanen Verallgemeinerung der Vergehen Einzelner. Es wird dennoch die Zeit kommen, wo der Sieg des Lichts über das Treiben der Dunkelmänner erfolgt, wo Recht und Gesetz nicht nur in den Paragraphen, sondern im Leben gekannt und gehandhabt werden, wo man dann auch erzählen wird von der Geschichte der Emancipation, — der Emancipation der Menschheit von Rassenhaß und Religionsverfolgung zur Idee der alles versöhnenden und beglückenden Nächstenliebe. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. F. S. Köln, 17. Mai. (P rofessor D r. Hermann Schapir a.) Ein stattlicher Trauerzug bewegte sich vom jüdischen Krankenasyl hier nach dem jüdischen Friedhof in Deutz. Es galt dem Profeffor Dr. Hermann Schapira aus Heidelberg die letzte Ehre zu erweisen. Es war ein Leben, reich an innern und äußern Kämpfen, aber auch reich an großen Thaten im Dienste der Wissenschaft und der Judenheit, das der Tod uns jäh entrissen hat. Der Verstorbene gehörte zu den seltenen Männern, die die Wissenschaft mit dem Judenthum in Harmonie zu bringen verstehen. Trotz seines gewaltigen Rufes als akademischer Lehrer der Mathematik hing er mit jeder Faser seines Herzens avl Judenthum, das für ihn freilich keine bloße Konfession, sondern eine Gemeinde von Brüdern, eine große Familie war. Von dem Gedanken beseelt, seinen Brüdern zu helfen, war ihm kein Opfer zu schwer und man fand ihn stets bereit, mit Rath und That zu nützen. Er war eine Zierde der Judenheil, ein großer treuer Sohn seines Volkes. Schon unter dem russischen Verein „Cliovave Zion“ (Zionsfreunde) war Professor Schapira ein Mitarbeiter und Förderer desselben und mit Begeisterung trat er in der hebräischen Presse für seinen Lieblingsgedanken für die Errichung einer jüdischen Hochschule in Jerusalem ein. Von einer schweren Krankheit genesen, eilte er nach Köln, um hier an einer wichtigen Berathung theilzunehmen. Leider bekam er hier einen Rückfall und ein Lungenleiden raffle den erst 58jährigen Mann in 4 Tagen dahin. An der Bahre weihte Herr Rabbiner Dr. Rosenthal dem Verstorbenen den ersten Nachruf und er schilderte in einer fornivollendeten,