Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 37 (12.5.1898)
- Date
- 1898-05-12
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2448857-2448892--45969-2496345- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
686 ertragen könne, seinen Sohn unter antisemitischen Agitatoren zu finden. Hohenthal war es zufrieden und bat ausdrücklich darum, daß man Kurt, wenn er sich willfährig zeige, wieder ins Elternhaus zurückschicken möge. Er kenne Kurt und hoffe, durch anhaltende Vorstellungen, ihn doch noch von seinen thörichten Ideen abzubringen. Dann werde er wenigstens einen ruhigen, stillen Lebensabend in Aussicht haben, werde im Herzen Jude sein und ungestört und friedlich den Rest seiner Tage hinbringen. Der Sanitätsrath hatte Kurt gerade an dem Tage zu sich bestellt, an welchem dieser das Renkontre mit Ludwig Schlesinger in der Lesehalle hatte. Es war Mittags 12^ Uhr, nach Schluß der Verhandlung, als sich Kurt bei Ehrenberg, der in der Potzdamerstraße wohnte, ernstellte. Kurt war nicht wenig erstaunt, den Sanitätsrath als Vermittler in seinen häuslichen Angelegenheiten zu sehen und rümpfte zuerst spöttisch die Nase. Bald aber, als Ehreuberg, der in solchen Dingen Erfahrung'hatte, mit wärmerett Worten zu sprechen begang, als er Kurt in bewegten Bildern vor Augen führte, daß die Gesundheit, ja das Leben des Vaters von seinem — Kurts — Verhalten abhänge, da quoll doch auch in Kurts Herzen ein heißes Gefühl auf und beschämt senkte er auf einen Augenblick das Haupt. „Sie selbst", so schloß der Sanitätsrath seine Ausführungen, „haben es in der Hand, Ihrem Vater nicht nur die Gesundheit wiederzugeben und zu erhalten, sondern ihm auch wieder Freude am Leben einzufiößen. Schlagen Sie andere Bahnen ein, werden Sie aus einem „Studenten" eiti Studierender, und vor allen Dingen betheiligen Sie sich nicht mehr öffentlich an Fragen, deren Entscheidung nur ernsten, gereiften Männern zusteht. Ihr Vater sieht in Ihnen den Stolz seiner Familie, er hat Sie heranwachsen sehen in strotzender Gesundheit zu einem kräftigen Jüngling, aber Freuden — herzbewegende Freuden hat er noch nicht an Ihnen erlebt. Erfreuen Sie das alternde Gemüth Ihres Vaters, und wissen Sie — ich sag' es Ihnen als Arzt — Ihr Vater ist kränker, als er weiß-ein gebeugter Mann — richten Sie ihn wieder auf!" Diese Worte verfehlten ihre Wirkung nicht. Kurt reichte dem Sanitätsrath freundschaftlich die Hand und versprach, ein anderer Mensch zu werden. Der Sanitätsrath theilte ihm darauf den Wunsch des Vaters mit, ihn wieder bei sich zu sehen, er solle sobald als möglich wieder ins Elternhaus übersiedeln. Das war für Kurt nun erst recht eine Freude; schon morgen wollte er dem Wunsche des Vaters folgen. Allein die guten Vorsätze hielten nicht Stand. Kaum hatte Kurt die Straße wieder betreten, als ihm die Bedeutungsschwere des eben gegebenen Versprechens voll aufs Herz siel. Ein anderes Leben! Die Pbilifterei statt flotter Freuden! Run, so ernstlich wird es wohl der Vater nicht meinen, er würde wohl schon zufrieden sein, wenn sein Sohn den antisemitischen Ideen fern bleibt. Das würde wohl genügen. O, und dann bleibt ja noch genug des Erfreuenden und Erquickenden übrig. Da fiel ihm Vetti Schlesinger wieder ein. Das Bild des Mädchens war noch nicht in ihm verblaßt; wie eine Lichtgestalt schwebte sie immer noch vor seinen Augen. Wenn er sie nicht heute noch einmal sah, ehe er wieder hinauszog in das ferne Westen der Stadt, dann würde er sie wohl niemals wieder zu Gesicht bekommen. So machte sich denn Kurt, nachdem er bei der Schwester Mittagbrod gegessen, sofort auf den Weg, den er nun schon unzähligemale hin und her gegangen war. Heute sollte ihm die Promenade zwischen den beiden Häusern nicht zu langweilig werden. Er mußte das holde Kind noch einmal sehen. (Fortsetzung folgt.) Der „Israelit" erscheint wöchentlich zweimal, Montag* und J>on«gergtags, jedesmal in mindestens p*i £ogea. Preis pro Vierteljahr bei der Post 3 Mark ohne Bestellgeld. Man abonnirt ganzjährlich, halbjährlich ober vierteistchrlich. Alle Buchhandlungen und Postämter nehmen Bestellungen an. — Der Such Handel verkehrt dvrch «. $. Ztrtvacker. Lrtpstg, fivßplotz 1«. — Inserate 25 Pfennig die4spaltige Petitzeile oder deren Raum. Preis d« Zeile im Reelametheil 75 Pfennig. — Directe Francozusendung unter Streifband pro Jahrgang für Deutschland «ck Oesterreich 14 ReichS-Maü oder 8 st. österr., für'S Ausland 16 Reichs-Mark, an die Expedition franes einzusenden. Girre «Scksenpnng der an die «epattion eingefandte« Marrttferipten findet nicht statt, «an bittet deShald, stch van alle« «insendnngen eine Eopie znrückzudehatten. ' Inhalt (Hauptblatt). Leitender Artikel: Consistorialheri schüft in Elsaß-Lothringen. — Zeitungsnachrichten und Correspondenzcn: Deutschland: Berlin. Mainz. AusS Baden. Schwabach. Oesterr.-Ungar.Monarchie: Budapests Aus Ungarn. Frankreich: Baris. Rumänien: Bukarest. Bulgarien: Sofia. — Feuilleton: Der Väter Schuld. Erzählung aus der Gegenwart. Von Arnold Mann. (Forsetzung.)? Inhalt der ersten Beilage: Leitender Artikel: Die Emanzipation der Juden in Hessen. Von I. Lebermann, Darmstadt. — Zeitungsnachrichten und Correspondenzcn: Deutschland: Heidelberg. Oesterr.-Ungar. Monarchie: Krakau. Rußland: Wilna. — Vermischtes. , Inhalt der zweiten Beilage r Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland: Mülhausen l. E. Rußland: Lipowez. Moskau. — Vermischtes. Extra-Beilage r Sprüche der Väter. Verantwortliche Redaction: Oscar Lehmann in Mainz. — Expedition des „Israelit", Schottstraße Nr. 2, Mainz. Druck und Verlag der Joh. Wtrth'schen HofbuchdruckereEActien-Gesellschast in Mainz. Hierzu drei Beilagen.