Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 37 (12.5.1898)
- Date
- 1898-05-12
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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685 Maßregeln zur Verhütung der Unruhen nöthig erachten. In Jambol, Sliwno und Burgas patrouilliren Militäruns Genoarmerie-Abtheilungen und werden die Synagogen bewacht. In Sliwno sind, wie verlautet, sieben Glaubensgenoffen schwer verletzt worden. Heute trifft aus den genannten drei Orten eine Deputation in Sofia ein, welche gemeinsam mit der hier ad hoc eingesetzten Commission, der auch zwei Juristen angehören, eine Audienz beim Ministerpräsidenten nachsuchen wird. Sicherlich haben die Regierung und ihre Organe ihre Pflicht voll gethan und durch ihr rasches Handeln unermeßliches Unheil verhütet. Gleich dankenswerth ist die nachdrückliche Stellungnahme der beiden hervorragendsten Organe Bulgarien's, deren Ausführungen die Bedeutung eines Appells an das Land haben. Aber andererseits kann es nicht überraschen, daß die systematische Zurücksetzung der jüdischen Unterthanen die Voreingenommenheit gegen Juden und Judenthum nährt und derartige aberwitzige Anschuldigungen zeitigt. Feuilleton. Der Oäter Schuld. Erzählung aus der Gegen wart. Von 18) ' Arnold Mann. (Nachdruck verboten.) VI. Die Genesung des Landgerichtsraths Hohenthal machte nur langsame Fortschritte. Zwei volle Monate waren bereits seit jenem schreckensreichen Tage verstrichen, dessen Aufregungen den gequälten Mann in die schwere Krankheil stürzten, als er zum ersten Mal außerhalb des Bettes bleiben durfte. Es war keine leichte Aufgabe für den Hausarzt, diesen Kranken zu behandeln. Der Sanitätsrath hatte erfahren, daß das antisemitische Auftreten des jungen Hohenthal der tiefere Grund jener Aufregungen gewesen sei. Nun war der junge Mann zwar außer dem Hause, aber man konnte ihn doch nicht für immer vom Elternhause verbannt halten und es war zu fürchten, daß sein bloßer Anblick den Kranken wieder in eine verhängnißvolle Aufregung stürzen werde. In Hohenthal selbst hatte mit dem Tage, an dem ihm das klare Bewußtsein wiedergekehrt war, eine merkwürdig weiche Stimmung Platz gegriffen. Eine stille Sehnsucht nach der Gemeinschaft, die er so schmählich verlassen, erfaßte seine Seele. Was hätte er darum gegeben, wenn er sich offen zu ihr, der verachteten und befehdeten, hätte bekennen, wenn er vor aller Welt hätte sprechen dürfen: „Seht, auch ich bin Jude: ja, wundert Euch nur, daß ich einen antisemitischen Sohn und eine bekehrungssüchtige Frau habe, ja sogar einen Enkel, in dessen Brust das verderbliche Gift schon wirksam ist- oder wundert Euch nicht! So mußte es kommen: „Womit der Mensch sündigt, damit wird er bestraft!"" Wer weiß, so grübelte er weiter, ob sie nicht bereits alle eingeweiht sind in das Geheimniß, das schreckliche, verhängnißreiche. Es hätte ihn nicht gewundert, wenn sie es errathen hätten. Wie kam er auch dazu, für die Juden eine Lanze zu brechen? Gewiß — sie hatten es errathen! Dieser Gedanke war ihm unangenehm, trotz allem. Es graute ihm davor, seiner Frau gegenüberzutreten. Sie hatte er betrogen. Ihr hatte er das gewichtige Geheimniß vorenthalten. Wie würde er ihr jetzt ins Auge blicken können, wenn sie es wüßte, daß er ein getaufter Jude sei? Stundenlang schaute er ihr so grübelnd ins Antlitz, wenn sie an seinem Bette saß, um aus ihren Mienen herauszulesen, ob sie wisse oder nicht. — Vergebens! Er sah nur eines in ihrem sorgenvollen Antlitz. Die Angst um seine Gesundheit. Und doch, vielleicht wollte sie's ihm nicht zeigen, so lange er krank sei, vielleicht hatte sie mit dem Arzt gesprochen und er hatte es ihr verboten? So entschloß sich Hohenthal nach langem Grübeln zu einem entscheidenden Schritt. Er wollte sich Sanitätsrath Ehrenberg anvertrauen. Dann würde ihm ja bald Gewißheit werden. Der Arzt zeigte sich kaum erstaunt über die Enthüllung des Kranken. Der kluge Menschenkenner hatte etwas Aehnliches geahnt. Als der Kranke, in dem Lehnstuhl in seiner Arbeitsstube sitzend — einige Tage nachdem er das Bett verlassen hatte und leichte Arbeiten wieder aufitehmen durfte — mit seiner Beichte zu Ende war, fühlte er ein unbeschreibliches Gefühl der Erleichterung. Was er Jahrzehnte hindurch mit sich als Geheimniß geschleppt und was ihn nun schon Jahre lang wie ein Alp quälte und drückte, endlich mar es einmal in deutlichen, hörbaren Lauten über seine Lippen gekommen. Wie eine Erlösung war es ihm! Selbstanklagen, laute Vorwürfe bildeten den Schluß der langen Enthüllungen, besonders fürchtete sich Hohenthal vor den Schlägen, die ihm Kurt durch seine Ideen und Streiche noch zufügen werde. Es sei ihm unerträglich, daß sein eigener Sohn öffentlich gegen den Stamm auftrete, dem er — der Vater — entsprossen sei und dem er noch mit Lelb und Seele angehöre. Ehrenberg machte den Vorschlag, er selbst wolle mit Kurt sprechen, wolle ihm sagen, daß der Vater nun einmal andere Anschauungen habe und es nicht