Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1898-05-12 · Heft 37 (12.5.1898) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
39 (1898)
Issue
Heft 37 (12.5.1898)
Date
1898-05-12
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2446951-2448857-2448892--45967-2496343
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

684 Bulgarien. X. Sofia, 21. April. Es ist eine geraume Zeit her, seitdem die schlau eingefädelte „Wrazza- Affaire" auch in Bulgarien die Niedertracht und Verlogenheit der antisemitischen „Ritualmord-Lügner" offenbart hat. Man wird sich erinnern, daß der gegenwärtige Ministerpräsident, Dr. Stoilow, allein unter allen Advokaten des .Landes, für Geld und gute Worte sich bereit fand, die Vertheidigung der vier der „rituellen" Ermordung eines bulgarischen Mädchens angeklagten jüdischen Familien zu übernehmen. Das Gewicht der glänzenden Freisprechung wurde dadurch gesteigert, daß der „geistige" Urheber dieses antisemitischen Anschlags, der Straßenpflasterer Mitalow, bald darauf wegen Beleidigung des Landesfürsten auf zwei Jahre in's Gefängniß wanderte und damit abgethan war. Damals hatte es in der That den Anschein, als ob die rüde, gewaltthätige Judenhetze vom bulgarischen Boden getilgt sei; aber die letzten Peßach-Tage sollten uns eines Schlimmeren belehren. Schon einen Monat zuvor brachte ein hiesiges Revolverblättchen die Nachricht, daß die Juden ein christliches Kind gefangen und ihm „zu rituellen Zwecken Blut abgezapft" hätten, wofür sie den Eltern eine Entschädigung von 700 Frcs. gezahlt hätten. Da die erhoffte Wirkung dieser Anschuldigung in der Hauptstadt ausblieb, wurde ihr Schauplatz nach der Provinz verlegt. Während der Festtage tauchte das Blutgespenst in zwei Orten, in Sliwno und in Jambol, auf und hatte Ausschreitungen zur Folge, welche einen sehr bedrohlichen Charakter annahmen und nur durch das energische Eingreifen der Behörden niedergehalten wurden. Das Organ des Ministerpräsidenten, „Myr“ (Ruhe), berichtet über diese Vorkommniffe: „Bekanntlich hat sich, wie in anderen Ländern, auch hier bei den unteren Volksschichten bis aus unsere Tage der ererbte Irrwahn von einem barbarischen religiösen Brauch der Juden während der Osterfeiertage erhalten. Diese Voreingenommenheit wird überall von gewissen Individuen aus Gewinnsucht benutzt, um die Geißer zu hypnotisiren und die fanatisirten Maffen zu den bedauerlichsten Gewaltthätigkeiten und zur Pöbelherrschaft fortzureißen. Nach dem Muster anderer christlicher Staaten, wo der Antisemitismus eine mächtige Entwickelung genommen, suchten einige derartige Glücksritter beim Herannahen des Peßachfestes sich im Verfolgen der gleichen antisemitischen Ziele auszuzeichnen und das Volk zu Ueberfällen und Gewaltakten gegen die Hebräer aufzuhetzen. Glücklicherweise ist ihnen dies nicht gelungen, da die Regierung rechtzeitig die nöthigen Maßregeln ergriff. So geschah es z. B. in Jambol am 24. März (alt. St.), wo sich das Gerücht verbreitete, daß ein Hebräer ein kleines Mädchen bei der Hand nehmen wollte. Dies galt einigen! Personen als unumstößlicher Schuldbeweis; sie sam- | melten Schulkinder um sich, überfielen die Synagoge und schlugen mit Steinwürfen die Fenster ein. Dank den von den Polizeiorganen rasch ergriffenen Maßregeln hatte dieser Vorfall keine gefährlichen Folgen. Die Urheber wurden arretirt und dem Gerichte überliefert. Ernster gestalteten sich die Dinge in der benachbarten Fabrikstadl Sliwno. Hier verfiel ein Schüler, welcher wiederholt nugen Ausbleibens aus der Schule bestraft war, auf den Gedanken, die gleiche Faulheit am 30. März (11. April) damit zu rechtfertigen, daß er unter seinen Mitschülern die Neuigkeit verbreitete, er sei von den Hebräern gepackt, in ein Zimmer eingesperrt und in eine mit Nägeln beschlagene Wanne gelegt worden. Während der Nacht wäre es ihm gelungen, dieser schrecklichen Prozedur zu entkommen und auf diese Weise sein Leben zu retten. Diese Erzählung genügte, um den Zorn des Pöbels anzufachen; derselbe fiel über die jüdischen Kaufläden her, zerschlug die Scheiben und Fenster, und einige gulchristliche Weiber stahlen mancherlei aus den betreffenden Läden. Auch hier gelang es der Polizei, unterstützt von der Garnison unter dem Kommando des Oberstlieutenants V o tew, die Ruhe wieder herzustellen und die Rädelsführer dem Gericht einzulieferp. Bei der Untersuchung, welcher der Divisionskommandant, der Kreispräfekt und ein orthodoxer Geistlicher beiwohnten, räumte der Knabe vor seiner Mutter und Tante ein, daß er von Niemanden gefangen wurde, vielmehr am kritischen Nachmittag ununterbrochen im Hause seiner Tante sich aufgehalten habe, und daß seine Angabe an den Mitschülern nur eine Nothlüge war, um sein Ausbleiben zu rechtfertigen. Diese Aussage bekräftigen auch die Mutter und die Tante des Jungen. Das sind die Folgen, wenn man in die Herzen der Kinder die falsche Vorstellung säet, daß die Hebräer christliche Kinder stehlen; so traurige Szenen zeitigt die Verbreitung von Vorurtheilen und Aberglauben unter der Bevölkerung. . . . Die Redacteure des antisemitischen Blättchens Odzyw (das Echo) scheinen ihre christlichen Collegen wegen ihrer Erfolge beneidet zu haben und theilen wohl deßhalb in ihrer vorgestrigen Nummer mit, daß ein Hebräer hier in Sofia einen Knaben auf offener Straße fangen und, als dies mißlang, dessen Mutter durch Geld zu Schweigen bestimmen wollte. Wte wir erfahren gehört diese Meldung des Odzyw zu jenen Erdichtungen, mit denen er tagtäglich sein hauptstädtisches Pasquill ausfüllt." Diese Darstellung des offiziösen Regierungsorgans, dem sich in gleich nachdrücklicher Verurtheilung der antisemitischen Umtriebe Narodna prawna (VolkSrechl), das Blatt des „kommenden Mannes", des Parteichefs Dr. Radislawow, anschließt, bedarf insofern die Ergänzung, als die Ausschreitungen tatsächlich einen ernsteren Charakter trugen. Beweis dafür ist, daß die Behörden nach wie vor energische

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.