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Der Israelit · 1898-05-09 · Heft 36 (9.5.1898) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
39 (1898)
Issue
Heft 36 (9.5.1898)
Date
1898-05-09
Page
– (sequence 2)
Language
German
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664 thätigen Arbeit. Sie aber betrachten Predigt Gesang und Orgelspiel als die Sabbatfeier. Dar find aber keine wesentlichen Merkmale der Sabbatfeier, da» ist nur äußere Form. Und in demselben Athemzuge erklären Sie: „Unsere Religion ist denn doch zuletzt nicht bloß ein Dienst von Formen und geht nicht auf in traditionellen Gebräuchen und wären sie zehntausend Jahre alt." Ist das nicht ein Taschenspielerstücklein, das da den geoffenbarten Sabbat als „Formendienst" und die Predigt und Orgel als die einzig wahre Sabbatfeier oarzustellen sucht und die eigenen Worte vertauscht.' Und da spricht Herr L. mit dem vollen Brustton eines für seine Religion und für die Heiligung des Sabbats eintretenden Mannes nur so wegwerfend von den Rabbinen und der Repräsentantenversammlung, die nicht zu den „Vernichtern des Judenthums" gehören wollen. Herr L. gerirt sich, als wäre es ihm heiliger Ernst mit der Sabbatheiligung, als wäre sein religiöses Gefühl tief aufgeregt, daß er den Sabbat nicht am Sabbat heiligen kann und verlangt einfach als etwas selbstverständliches, Rabbinen und Gemeinden sollten den Sonntagsgottesdienst als Sabbatheiligung einsetzen! Wie wird die Proseliten machende Wett schmunzelnd diese Bekenntnisse, diese religiösen Ansichten und Gefühle eines Levinstein und Genoffen betreff Sabbatheiligung mit anhören! Wie traurig, wie verworren, wie unjüdisch muß es mit dem religiösen Gefühlsleben und den religiösen Begriffen dieser Männer bestellt sein, die den Sabbat, den Stolz des Judenthums, der einzig in seiner Art und Bedeutung unter allen Feiertagen der Gesammtwelt dasteht und hervorleuchtet, diesen Tag der Anerkennung Gottes, opfern wollen, weil — Leichtsinn und Gleichgiltigkeit, weil Verkennen und Unwiffenheit die wahre Religion bei Seite geschoben. Es ist nicht bloß das „eiserne Gesetz der Nothwendigkeit", das die Beobachtung des Sabbats unmöglich macht; es sind nicht Bloß diejenigen, denen der Kampf ums Dasein keine Ruhe gönnt, welche den Sabbat entweihen. Sind es ja geradezu die Reichen, die Begüterten, die Vornehmen in den großen Städten, an die die Roth des Lebens nicht herantritt, die das größte Contingent der Sabbatentweiher liefern, die aber auch kaum das Bedürsniß haben, am Sonntag den Sabbat zu heiligen, die nichts zurückhält den Gottesdienst aufzusuchen, die es aber als „aufgeklärte" Juden mit ihren so geläuterten religiösen (!) Anschauungen unvereinbar halten, mehr als ein- oder zweimal im Jahre ins Gotteshaus zu gehen. Viele Tausende giebt es in Berlin, die ohne Sabbatentweihung doch ihr Auskommen haben. Diese Tausende Berliner, die für alle und jede Religion so unendlich gleichgiltig sind, die mit Ihnen, Herr L. aber doch einstimmen in dem Verlangen nach einem Sonntagsgottesdienst, um vorgeblich damit den siebenten Tag zu heiligen, die wollen weiter nicht-, als das Judenthum vernichten. Und, merken Sie sich das, Herr L., dazu giebt auch heutzutage das jüdische Volk nicht seine Zustimmung. Sollten Sie nicht begreifen, war Sie eigentlich wollen und fordern, dann wird Ihnen hx-w *33 die Antwort geben. Mögen die Entweiher des Sabbats ihre Handlungsweise mit ihrem Gewiffen auSmachen; aber ihnen die Handhabe dazu bieten und ihre Absichten gut heißen wollen, das darf kein Jude. Der würde nicht mehr jüdisch denken, sondern wäre ein bitterer Feind seiner Religion, der da mit der Forderung käme, den Sabbat auf den Sonntag zu verlegen, und nichts anderes, Herr Levinstein, ist Ihre Forderung, durch Sonntagsgottesdienst den siebenten Tag heiligen zu wollen. Dr. H. Sänger. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. B. Berlin. Für längere Zeit unschädlich gemacht wurde in der Sitzung des Charlottenburger Schöffengerichts einer jener Rowdies, welche auf der Stadtbahn das reisende Publikum in roher Weise belästigen. Nach dem Ecgebniß der Beweisaufnahme fuhr der Arbeiter Friedrich Wienecke in einem Stadtbahnzuge von Berlin nach Charlottenburg. Auf dem Bahnhof Börse wurde die Thür des Wagenabtheil geöffnet und der Kaufmann Jaretzki wollte einsteigen. Als er aber sah, daß eine Frau das Couptz verlaffen wollte, blieb er auf dem Bahnsteig stehen, ließ die Frau aussteigen und erst dann bestieg er den Zug. Kaum hatte er Platz genommen, so hörte er, wie der Angeklagte zu einem mitfahrenden Kollegen äußerte: „Das verfl. . . . Judenpack drängt sich doch überall vor." Dann folgten die Worte wie Schuft, Betrüger, Judenlümmel, Hallunke rc. rc, welche nur gegen Jaretzki gerichtet sein konnten, da außer ihm und dem Kollegen des Angeklagten nur noch ein junger Mann in dem Abtheil saß. Herr Jaretzki beabsichtigte ans dem Bahnhof Bellevue einen Beamten herbeizurufen, um den rohen Patron feststellen zu laffen. Es war kein Beamter in der Nähe, und um der Sache ein Ende zu machen, stieg Jaretzki in ein anderes Wagenabtheil, wurde aber von Wienecke verfolgt und mit Thätlichkeiten bedroht. Auf dem Bahnhof Zoologischer Garten rief das Mitreisende Publikum den Stationsbeamten herbei, welcher die Sistirung

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