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Der Israelit · 1898-05-05 · Heft 35 (5.5.1898) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
39 (1898)
Issue
Heft 35 (5.5.1898)
Date
1898-05-05
Page
– (sequence 2)
Language
German
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644 gehenden bezieht) „lehre uns, unsere Tage in der Hinsicht und Lebensauffassung zu zählen, wie es der Psalmist unmittelbar vorher zum Ausdruck bringt, daß nämlich, n:p D'vat? nnn irrptv 'v' im Allgemeinen unsere Lebensjahre nicht mehr als 70 Jahre sind — dieses Wort hat für die Zeit des Omerzählens seine ganz besondere Bedeutung. Denn die 50 Tage des Omerzählens bedeuten uns für das Menschenleben die 50 Jahre des Mannesalters, die da einsetzen mit dem 20. Jahre und mit dem 70. ihre natürliche Grenze zu erreichen pflegen. Mit dem 20. Lebensjahre trat nach altjüdischer Anschauung — pjrrb ontw p — der jüdische Mann ein in die Geschäftigkeit des Lebens, in das „Schaffen und Streben, das Wetten und Wagen" im Kampfe um's Dasein. In diesem geschäftlichen Leben und Streben, da wird alles mit der Zahl bemessen und alles durch die Zahl bestimmt. Mit der Zahl messen wir Besitzthum und Reichthum unseres Nebenmenschen, und nur zu oft sind wir geneigt, diese äußere Zahlenschätzung ohne Weiteres auch auf den inneren Werth und die innere Würde zu übertragen. Da aber ruft das Sefirahgebot uns mahnend zu: „Menschenkind! zähle sorgfältig prüfend und laffe dich nicht blenden durch äußeren Zahlenglanz. ntvya Ttry Wnrr Es rühme sich nicht der Reiche seines äußeren Reichthums, ^’öxb> pn pap L" u px enn. Oft vermuthet man in einem alten Weinkruge alten, kostbaren Wein, so man aber näher tritt, findet man sich getäuscht, weil nicht einmal neuer Wein, sondern vielmehr gar nichts darinnen ist." Ehren wir darum den" Reichen und Großen nur seinem inneren Werthe, seinem Verdienste nach und bemessen wir den Armen und Dürftigen nicht nach seiner äußeren Erscheinung, so wir wissen, daß mancher Reiche ihn um den Reichthum seines Herzens, die Lauterkeit seines Gemüthes beneiden dürfte. Es mißt mit der Zahl der Fürst die Größe seines Reiches, der Große und Einflußreiche die Menge seiner Anhänger und der Kriegsheld die Fülle seiner Streiter. Das Sefirahgebot aber dürfte sie belehren, daß wraaa naan ^x sich der Starke nicht rühmen soll seiner Stärke, weil ab ms: ^n a^a jrcna “jban px rxn ba h py narr ra na aia Sa»’ nicht die Macht es ist und nicht die Kraftfülle, sondern einzig allein Gott es ist, auf den wir vertrauen und bauen sollen. Es durcheilt der Astronom mit der Zahl den Weltenraum, berechnet damit die Größe der Weltenkörper und bestimmt ihren Lauf, und tief in's Innere der Erde dringt er ein und tief in die geheimnißvollen Gesetze der Natur, immer wieder nur mit der Zahl; so er aber über all' diesem.'Zählen und^Messen die große E'i n s vergessen oder verkennen sollte, die das alles geschaffen und lenkt und leitet, ruft ihm das Sefirahgebot zu: inaana Dann ^nn' ^x, daß sich nicht rühmen soll der Weise, der gelehrte Forscher seiner Weisheit ^nman ^>njv nxta dx t 'nix vh* ^aivn, sondern nur des einen sich rühmen, wer sich rühmen will, daß er nämlich zu erkennen vermag die Größe und Unerforschlichkeit seines Gottes und sich ihm ergiebt in treuer Hingebung und zuversichtlichem Gottvertrauen. Ganz in diesem Sinne ist auch der auf das Sefirahgebot bezügliche Midrasch zu verstehen: x"n n »an er» *npi va> ^x-itv'tr pta rro'on p ticx n;”nn mren mnatv yatr ,'iai Bipa b& man |w R. Chija fand in den Thoraworten: „sieben vollkommene Wochen sollen es sein", die Belehrung, daß die sieben Jahreswochen unseres menschlichen Strebens nur dann als vollkommen und makellos zu erachten seien, wenn wir stets darin bestrebt sind, durch unseren ganzen Handel und Wandel getreu den Willen unseres Gottes zu erfüllen. II. Wenn so das Sefirahgebot den Einzelnen von uns zu ernsten Betrachtungen über sein eigenes Leben anhält, so soll der Inhalt dieser Zeit, indem er uns an die große Vergangenheit unseres jüdischen Volkes lebhhaft zurückerinnert, belehrend und mahnend wirken auf unsere ganze jüdische Gesammtheit. In den Suloth, die wir jetzt an den Sabbaten der Sefirahzeit mit wehmüthigem Empfinden lesen, tritt uns in Ton und Wort die ganze Schrecklichkeit der mittelalterlichen Judenverfolgungen, die ganze Furchtbarkeit fanatischen Wahnes und Hasses, worunter unsere Vorfahren so lange Jahrhunderte gestöhnt und geseufzt, leibhaftig vor die Seele. Wehnmth und Trauer erfüllt unser Herz, so wir der Tausenden gedenken, die da als Märtyrer für ihren heiligen Glauben Blut und Leben Hingaben zur Verherrlichung ihres Gottes, die BJip pan rvwvb na: ronaoi ibp ontvao di« pcni die an Schwungkraft dem Adler, an Gewalt der Energie und Ausdauer dem Löwen zu vergleichen waren, so es nur galt, den Willen ihres Schöpfers zu erfüllen und seinen Geboren treu zu bleiben. Mit innigem Dankesgefühle sollte unser heutiges Geschlecht zum Himmel emporblicken dafür, daß er uns erlöst von der Jahrhunderte langen Zeck des Druckes und der Knechtung, der Verachtung und der Aechtung, erlöst zur Freiheit und Selbstständigkeit, zur Achtung und Anerkennung bei den Völkern. Aber wäre es nicht gerade im Gegentheil Undank gegen Gottes Güte und Untreue zugleich gegen die großen Frommen und Heiligen unserer Vergangenheit, so wir in unserer weit glücklicheren Lage, in der endlich erlangten Freiheit und Anerkennung, zu schützen und zu schirmen vergessen sollten die großen Ideen und Traditionen unseres Judenthums, für welche jene alle Roth und alles Elend des Erdenlebens ruhig ertragen und todesmuthig ihr

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