Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 34 (2.5.1898)
- Date
- 1898-05-02
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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637 angelegenheiten geboten werde, worauf Präsident Sigmund Kohner — auf alle bisherigen Reden reflectirend — antwortete, daß den Schülern aller Lehranstalten Gelegenheit zu Religions- und hebräischem Studium g-'boten sei. Was die Idee der israelitischen Lehrevinnen-Präparandie bKrifft, habe er sich vor sechs Jahren, als er Präsident der Religionsgemeinde wurde, drei Programmpunkte aufgestellt: Die Förderung der Humaniläls-, Schul- und liturgischen Angelegenheiten. In humanitärer Hinsicht ist durch die Errichtung des Adele Brody-KinderspitalS ein bedeutender Fortschritt zu verzeichnen; jetzt widmet die Gemeinde all ihre Kräfte der Sache des Tempelbaucs und später wird an das Uebrige die Reihe kommen. (Lebhafter Beifall.) Die Generalversammlung beschloß hierauf über Antrag der Vorstehung, von dem 3/,000 fl. betragenden Ueberschuß 6000 fl. für die weitere Einrichtung des Adele Brody-K ndersvitals, 2000 fl. zur Erwerbung der Rabbi Brill'schen Bibliothek und 29,000 fl. für den Tempelbau zu verwenden. Das Jahresbudget pro 1898 wurde mit 459,146 fl. Ausgaben und 455,863 fl. Einnahmen präliminirt. Frankreich.? .Paris. Die Antisemiten haben sich einen neuen Parteinamen gegeben, um ihre Bestrebungen in denjenigen Bezirken Frankreichs, wo inan noch an die glorreiche Revolution denkt, etwas zu verhüllen. Sie nennen sich Nationalisten und verlangen den Ausschluß auch der naturalisirten Ausländer, wozu nach ihrer Auffasiung die Juden mit gehören, von allen öffentlichen Stellen. Zu ihren Candidaten gehören Aurio in St. Denis, Luclos in Beauvais, Barres in Nancy, Deroulbde in Angoulßme, d'Hugms in Listeron, Drumont in Algier, wozu noch andere ehemalige Boulangisten gezählt werden, inzwischen zu den Sozialisten gegangen waren, wie Pierre Richard, Le Saline und andere. Eine ganze Anzahl Sitze sind dieser Partei fraglos sicher. Auch die antisemitische Literatur blüht und scheint also ein gutes Geschäft zu sein. So erscheint jetzt ein ganzer Romancyclus „L^s Rosenfeld", der nach dem Vorbilde ZolaS in Rougen Macquart die Geschicke einer Familie behandelt. Natürlich ist es diesmal eine jüdische mit allen Untugenden behaftete Familie, die typisch für die Juden sein soll. Glücklicherweise ist das neue Machwerk ein öder, schmutziger Colportageroman, der schwerlich weitere Verbreitung finden dürfte. Belgien. 8. Brüssel, 29. April. Zu Anfang voriger Woche fand in Brüssel die diesjährige Generalversammlung der „Jewish Colonisation Association“ statt, zu der sämmtliche Mitglieder des VerwaltungsratheS, darunter aus Paris der Großrabbiner von Frankreich, Zadok Kahn und das Mitglied der Akademie Proseffor Salomon Reinach, aus London I. Montefiore, aus Berlin Dr. E. Lachmann eingetroffen waren. Es wurde der Bericht über die Thätigkeit der Gesellschaft im abgelaufenen Jahre erstattet. Derselbe lautet günstiger als in den vorhergehenden Jahren, namentlich, was die Colonisationsthätigkeit in der Republik Argentinien betrifft. Diese hat hier große Fortschritte gemacht, und die Eolonisten haben bereits entgegen den anfänglich gehegten Befürchtungen festen Fuß gefaßt, so daß keine Gesuche mehr um Rückbeförderung an die Gesellschaft gelangt sind. In den Berichten der Inspektoren wird hervorgehoben, daß durch den Fleiß der Eolonisten wilde Landstrecken Argentiniens gesegnete Flächen und unfruchtbare Ländereien in ertragfähiges Ackerland umgewandelt worden seien. DaS Directorium in Buenos Aires hat dem Verwaltungsrath einen Plan vorgelegt, wonach im nächsten Jahre mehrere Colonistenkinder, die sich für das Studium eignen, die Normalschulen des Landes besuchen sollen, um dann nach ihrer Rückkehr in die Colonien ihre Landsleute zu unterrichten. Auch über die Gesundheitsverhältnisse der argentinischen Eolonisten lautet der diesjährige Bericht günstig. Ueber die Colonisationsthätigkeit in Palästina, Cypern, Canada in der Colonie „Hirsch" wurde gleichfalls ein günstiger Bericht erstattet und hervorgehoben, daß die Eolonisten mit Eifer an ihre Arbeiten gehen. Auf Einladung der russischen Regierung hat der Verwaltungsrath der Gesellschaft einen Beitrag zur Begründung einer Ackerbauschuld im Gouvernement Cherson geleistet, welche vorwiegend für Söhne jüdischer Eolonisten bestimmt sein soll. Ferner hat er auch erhebliche Summen zur Vergrößerung der Ackerbauschule in Odessa, sowie mehrere Handwerkerschulen in Rußland gespendet. Endlich hat der Verwaltungsrath der Gesellschaft 18 russische Knaben in die Gartenbauschule zu Ahlem bei Hannover geschickt, deren glänzende Erfolge in der methodischen und praktischen Heranbildung tüchtiger Ackerbauer von allen Seiten anerkannt wurden. Den Schluß der „Jewish Colonisation Association“ bildeten Worte ehrenvoller Erinnerung an den vor einigen Wochen verstorbenen Präsidenten der Alliance israölite universelle S. H. Goldschmidt. Rußland. v Moskau. Die Zeitung „Moskowski Listok" berichtet, daß die Körperschaft der Kaufleute von Moskau eine Eingabe an die Regierung gerichtet, in welcher sie um die Rückkehr der jüdischen Eomissionäre bitten. Indem sie ganz bestimmte durch Zahlen erwiesene Angaben machen, beweisen die Bittsteller, daß seit der Ausweisung der Juden nach den: