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Der Israelit · 1898-05-02 · Heft 34 (2.5.1898) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
39 (1898)
Issue
Heft 34 (2.5.1898)
Date
1898-05-02
Page
– (sequence 2)
Language
German
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628 Dr. Weil, dessen Sohn ebenfalls als Arzt bis zu seinem in den letzten Jahren erfolgten Tode dort wirkte, war wegen seiner Ehrlichkeit, Menschenliebe und bohen Bildung weit bekannt. Diese Tugenden veranlaßten den edlen Mann zu flammenden Worten gegen das Auftreten des Pfarrers Münch: Entschieden spricht sich Dr. Weil gegen den Vorwurf aus, daß das Judenthum zu einem Gegen» fatz zum Christenthum stehe, denn sonst müßten wir auch dem Stifter des Christenthum» widersprechen, der doch wohl am besten wissen mußte, ob seine Ueberzeugungen mit denen im Alten Testament im Gegensatz stehen. Er sagt aber selbst ausdrücklich rm Evangelium Math. „Wähnet nicht, ich sei gekommen, da» Gesetz und die Propheten aufzulösen, ich bin nicht gekommen, sie aufzulösen, sondern zu erfüllen." „Üeberall", so fährt Dr. Weil fort, „spricht er dagegen mit hoher Achtung von den mosaischen Lehren, bekennt sich offen als ihr Verehrer und predigt gegen die Geistlichkeit und den Mißbrauch, womit sie den Mofaismus verunreinigt hätten. Wenn er heute wieder erschienen, würde er mit Wehmuth und Verachtung auf die Unformen Hinschauen, in welche sein Werk ausgeartet ist; er würde die Unduldsamkeit mißbilligen, mit welcher Prediger vorgeblich seiner Lehren, diejenigen behandelt wissen wollen, in deren Schooß er und seine Religion geboren wurden, deren erste Bekenner denen angehörten, welche Jahrhunderte dem Drucke und der Verachtung preisgegeben waren." — Des Weiteren wendet sich Herr Dr. Weil gegen den Vorwurf des unedlen Stolzes und des Geistes roher Eroberungslust, wie er sich angeblich im Alten Testament fände, mit folgenden Worten: „Wir müssen uns über des Herrn Pfarrer Münch unkritische Ansichten vom Alten Testament wundern. — Wenn David, der königliche Sänger, gegen das aufkeimende Babel sich in seinen Gesängen ergießt, wenn die Propheten ihren Schmerz ausdrücken über den Verfall des Reichs, über die Schlechtigkeit seiner Fürsten, über das Nachahmen fremder, verderblicher Sitten, so wirft dies ebensowenig einen Schatten auf die jüdische Religion, als die gegen Napoleon und die Franzosen von Haß und Rache glühenden Reden und Schrift,, n vom Jahre 1813 ein gehässiges Licht auf das Chriftenthum und den deutschen Charakter werfen. Ueberdies ist in den religiösen Theilen des Alten Testaments, nicht blos an einzelnen Stellen, — au« dem Geist des Ganzen herausgesetzt —, sondern im Geiste des Ganzen, die Moral rein, obgleich nicht weichlich, sogar sehr erhaben!" Ueber die Anklage des parteilichen Gottes, welchen das Judenthum angeblich beanspruche, verbreitet sich Dr. Weil folgendermaßen: „Wir könnten, wenn wir unseres Gegners Weise zu argumentiren, einschlagen, d. h. wenn wir mit unkritischem Auge das Neue Testament betrachten wollten, dem Christenthum die Trinität Vorhalten. Oder ist etwa der Lehrsatz der stärksten der christlichen Kirchen, der römisch-katholischen, daß man nur in ihrem Schooße selig werde, kein Glaube an eine parteiische Gottheit? Und dennoch ist es noch keinem Manne von Vernunft in den Sinn gekommen, den Katholiken deßhalb ihre politischen Rechte vorenthalten zu wollen. Denn daS menschliche Herz und die Religion, welche die Natur in unsere Brust geschrieben, die innere Stimme des Gewissens sind gottlob stärker als alle Satzungen, in welche es von jeher die Machthaber einzuschrauben gesucht haben." „Wir bemerken nur schließlich," fährt Dr. Weil fort, „um unsere Behauptung in der Erfahrung nachzuweisen, daß aus Frankreich und den Niederlanden, Länder, in welchen dem wachsamen Auge der Presse keine Blöße des Staates oder der Gesellschaft verhüllt bleibt, noch keine Stimmen zu uns herübergekommen sind, welche verlautet hätten, daß die christl. Religion durch die Emancipation der Juden auch nur im geringsten beeinträchtigt worden sind. In der Stadt London haben 70 Geistliche die Petition für die Emancipation der Juden mit unterzeichnet. Wir können nicht glauben, daß diese Männer auf den Ruin de» Christenthums ausgehen." Angesichts solch unerschrockener Worte des Rechts und der Begeisterung, sowie der lautesten Stimme der Wahrheit in einer Zeit der Unterdrückung aller freiheitlichen Regungen können wir nicht umhin, dem Andenken des Herrn Dr. Weil hohe Bewunderung und Dankbarkeit zu zollen, für die treffliche Abwehr der gehässigen Angriffe Pfarrer Münchs und den gelungenen Beweis, daß der jüdische Glaube nicht der Riegel sein kann, welche der Emancipation seiner Bekenner vorgeschoben werden darf. Auf diese heldenhaften Worte folgte ein offener Brief des Pfarrers Münch an Herr Dr. Weil, welcher in sehr schwachen Argumenten die Einwände desselben zu widerlegen sucht, jedoch an fanatischer Einseitigkeit das Höchste leistet. Münch beruft sich von neuem auf den grundsätzlichen Haß der Juden gegen die Christen. Er verwahrt sich gegen die leise Andeutung des Herrn Dr. Weil aus Pnesterstolz und Zelotencharakter. Wohl könnte man jeden seines Glaubens leben lassen, — „aber etwas andere» sei es, wenn Menschen, aus fernem Lande stammend, mit fremden Sitten, welche Aufnahme in den gegeschlossenen StaatSverein einer anderen Nation begehren, sich weigern, einem vom Staate anerkannten und mit den Staatsformen eng verbundenen moralischen Institute beizutreten, im Gegentheil ein nationales Bildungsinstitut mit eigenthümlichen Formen unterhalten, dann müssen Staats- und Kirchenbehörden prüfen, ob der Geist des noch fremden Institut» mit

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