Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 33 (28.4.1898)
- Date
- 1898-04-28
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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614 nieder, einer Stadt, für die er seit je, ohwohl er sie nie gesehen hatte, eine gewisse Vorliebe besaß. Um die Zeit, zu der unsere Geschichte spielt, war Schlesinger schon längst mit dem Titel eines Justizraths geschmückt. Er war durch eine langjährige Praxis hindurch ein viel begehrter, tüchtiger Anwalt in der alten Mainstadt. Emil Schlesingers Liebe zum angestammten Glauben war während der vielen Jahre die gleiche geblieben. Er war stets mit Leib und Seele, aus vollem, reichem Herzen, Jude gewesen und hatte auch eine Frau geheirathet, die denselben religiösen Anschauungen huldigte wie er. Dennoch aber war in diesen Anschaltungen allmählich eine leichte Wandlung eingetreten, nicht nach der entgegengesetzten, aber doch nach einer falschen Seite hin Gerade durch seine Frau nämlich wurde Schlesinger in eine Sitte hineingezogen, die an und für sich ziemlich harmlos war, aber doch aus einem falschen Instinkt entspringend, gefährlich werden konnte. Die Frau Justizräthin hatte nämlich schon von ihrem Elternhause her eine ungewöhnliche Vorliebe für nichtjüdischen Verkehr. Obwohl aus einem frommen Hause stammend, hatte sie doch von ihrer Jugend auf fast nur nichtjüdische Freundinnen gehabt und neben den Bekannten ihrer Eltern, in ungewöhnlichem Maße auch nichtjüdische Bekannte besucht, deren Kreisen sie durch ihre Freundinnen zugeführt wurde. So kam es, daß die Familie des Justizraths in Frankfurt a. M., wo es einer wahrhaft jüdisch gesinnten Familie doch wahrlich nicht an entsprechendem Verkehre mangelt, fast ausschließlich in christlichen Kreisen verkehrte, bei Kollegen des Justizraths, überhaupt in Richterkreisen, bei Jugendfreundinnen der Frau Räthin und anderen mehr. Dazu kam, daß Schlesinger selbst eS im Laufe seiner Praxis allmählich als einen fühlbaren Mangel in der Lebensführung eines jüdischen Rechtsgelehrten empfand, wenn er sich nicht auch mit Andersgläubigen auf einen freundschaftlichen Fuß stellte. Erstens diente ihm der Verkehr mit Christen zur rein äußerlichen Ausbreitung seiner Praxis: Man gewinnt Freunde, man wird beliebt, man weiht sich in fremde Verhältnisse ein, macht sich nützlich, in gewiffen Fällen sogar unentbehrlich. Zweitens aber schien es Schlesinger für einen Anwalt von unschätzbarem Werthe, Familien- und Geschäfts-Verhältnisse nichtjüdischer Kreise, christliche Anschauungen und Gewohnheiten aus eigenem Verkehre kennen zu lernen, kurz, sich aus unmittelbarster Quelle in jene umfassende Sphäre einzuleben, aus der soviel Geschäftliches an einen Rechtsanwalt herantrat. Das erleichterte manche Arbeit, half über manche Schwierigkeit hinweg. Nichts destoweniger erhielten die Kinder, Ludwig und Betti, eine gute religiöse Erziehung, sie besuchten die vorzüglichen Schulen in Frankfurt und genossen beide eine gründliche Vorbildung, Ludwig für sein Studium und Betti für den Beruf einer Erzieherin, zu dem sie früh Lust und Liebe bezeugte. Mit Glücksgütern war die Familie nie gesegnet gewesen. Schlesinger hatte sich in seine Frau verliebt und sie in hartem Kampfe dem Verbot der Eltern abgerungen, die gerade in der geringen Mitgift einen starken Hinderungsgrund für diese Ehe erblickten. Allmählich aber, eine Folge der vorzüglichen Praxis, konnten Schlesingers etwas zurücklegen, um ihren Kindern beu Weg ins Leben zu ebnen. Ludwig sollte Medizin studieren, zu der er stark inklinierte, und bezog, nach absolviertem Gymnasium — genau wie der Vater — zuerst die Universität Heidelberg und dann, nach dem Physikum, die Universität Berlin. (Fortsetzung folgt.) Der ^JSraelit" erscheint wleheitlLch zweimal, Montags and Donnerstags, jedesmal in mindestens pMi ©wen. Preis pro Vierteljahr bet der Post 3 Mark ohne Bestellgeld. Man abonnirt ganzjährlich, halbjährlich oder vierteljährlich. Alle Buchhandlungen und Postämter nehmen Bestellungen an. — Der Buchhandel verkehrt durch «. /. Letpsts, Aoßptatz 16. — Inserate 25 Pfennig die 4spaltige Petitzeile oder deren Raum. Preis der Zeile im Neclametheu 75 Pfennig. — Directe Francozusendung unter Streifband pro Jahrgang für Deutschland unb Oesterreich 14 Reichs-Mark oder 8 st. österr., für's Ausland 16 Reichs-Mark, an die Expedition franco einzusenden. Mne Rüasendnng vor n» di« Itftfttttai» eingesandte« Manuscripte« findet nicht statt, man bittet de-hnld, sich van alle« «insendnnge« eine «opie znrückzndehalten. Inhalt (Hauptblatt) Leitender Artikel: Die Emanzipation der Juden in Hessen Von I. Lebermann, Darmstadt. — Zeitungsnachrichten und Eorrespondenzen: Deutschland: Berlin. Aus Süddeutschland. Belgien: Brüssel. ^Rußland: Petersburg Rumänien: Bukarest. — Personalien: Osnabrück. — Feuilleton: Der Väter Schuld. Erzählung aus der Gegenwart. Von Arnold Mann. (Fortsetzung.) Inhalt der erste« Beilage: Pädagogisches: Israelitischer Lehrerverein des Großherzogthums Hessen. — Zeitungsnachrichten und Eorrespondenzen: Deutschland: Hamburg. Hannover. Frankreich: Paris. Italien: Rom. Rußland: Petersburg. Sibirien. Samarkand. Mexiko: Mexiko Algier: Oran. — Personalien: Frankfurt a. M. Greußenheim. — Vermischtes. Inhalt der zweiten Beilage: Feuilleton: Slavische Lagen über Juden und Judenthum. Von A. M. — Zeitungsnachrichten und Eorrespondenzen: Köln. — Vermischtes Extra-Beilage: Spendenverzeichnisse. _ ____ Ve,antwortliche Redaction: Oscar Lehmann in Mainz. —Expedition des „Israelit". Schottstraße Rr. 2, Mainz. Druck und Verlag der Joh. Wirlh'schen Hofbuchdruckerci-Actien-Gesellschast in Mainz. Hierzu drei Beilage«